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Stralsund Bunt und aufregend: Das waren die Stralsunder Wallensteintage
Vorpommern Stralsund Bunt und aufregend: Das waren die Stralsunder Wallensteintage
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19:08 28.07.2019
Söldner mit ernsten Mienen: Klaus Gordziel (68), Mario Mugai (53) und Burkhard Hornbostel (67) von der historischen Bürgerwehr Schöppenstedt posieren mit Muskete und Säbel vor dem Landsknechtlager. Quelle: Claas Abraham
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Stralsund

Was für ein Volksfest, was für ein historisches Spektakel in der Altstadt! Schankmägde, Schmiede, Stadtwachen, Kunstmaler, Käsereiber und ein „Bauerntölpel aus Tribsees“ haben am Wochenende die Hansestadt belagert – und Stadtgeschichte erlebbar gemacht. Mehrere Zehntausend Besucher tauchten auf den Stralsunder Wallensteintagen ein in die Epoche des Dreißigjährigen Krieges. „Wir waren gut besucht“, sagt Iris Stottmeister vom Veranstalter Basic Events. „Das hat man beim Pestumzug gesehen. Wir hatten viele Teilnehmer und der Alte Markt war richtig voll.“

Im Jahr 1628 hatte der legendäre Feldherr Albrecht von Wallenstein den Auftrag, die wichtigen Häfen an der Ostsee zu Stützpunkten des Kaisers zu machen. Doch die Stralsunder wehrten sich. Damals wie heute mit Unterstützung aus Schweden. Die größte Schweden-Truppe stellte Wittstock. Die „Wittstocker Schweden“ brachten 17 Leute mit ins Landsknechtlager an der Hansa-Wiese. Auch mit dabei: Ein echter Menschenschädel. „Der ist unser Glücksbringer“, sagt der Sprecher der Gruppe. „Mein Vater hat diesen vor 25 Jahren gefunden. Seitdem ist der Schädel dabei.“

Dieser Schädel ist echt! Quelle: Claas Abraham

Kleines Landsknechtlager, dafür Reiterspiele

Die neuen Reiterspiele auf der Hansa-Wiese. Quelle: Claas Abraham

Eine weite Anreise hatte die historische Bürgerwehr Schöppenstedt. Die Niedersachsen kamen mit zwölf Leuten. „Wir sind Söldner im Dienste des schwedischen Königs und vertreiben Wallenstein“, sagt Burkhard Hornbostel (67) aus Schöppenstedt. Seit zehn Jahren ist sein Trupp mit den Musketen dabei. „Dieses Jahr ist das Lager klein. Mit den paar Leuten können wir keine großen Gefechte nachspielen. 200 Landsknechte machen mehr her. So ist es aber familiärer.“

Das größte Volksfest Vorpommers ist wunderschön. Daher hier alle Bilder zum Durchklicken!

Das kleine Landsknecht Lager hatte einen Grund. Denn der Veranstalter wollte den Zuschauern Neues bieten. 2019 mit im Programm: Reiterspiele. Dafür wurde auf der Hansa-Wiese eine Arena aufgebaut. Vier gepanzerte Reiter demonstrierten ihre Stärke mit Lanze, Säbel und Bogen. „Vieles ist einstudiert“, sagt Henri Bibow. Der Sündenfrei-Geschäftsführer kuratiert historische Treiben seit 15 Jahren. „Aber wir improvisieren auch. Die Nummer mit dem Kohlkopf war kurz vorher ausgedacht.“

 Gab es den „Bauern-Tölpel aus Tribsees“ wirklich?

Bei den Reiterspielen setzt sich ein „Bauerntölpel aus Tribsees“ gegen gestandene Reiter und Edelmänner durch. Gab es diesen Reiter, der von Knut Klug aus Cottbus gemimt wurde, wirklich? „Nein“, sagt Bibow. „Der Charakter ist erfunden. Wir erzählen eine Geschichte, wie sie gewesen sein könnte.“ Auch Reiterspiele hätte es vor den Toren Stralsunds eher nicht gegeben. „Dafür ist bei einer Belagerung keine Zeit gewesen“, sagt Bibow. Dem Publikum war dies egal. Die zahlreichen Zuschauer jubelten ihrem Helden aus Tribsees zu. Unter ihnen auch der 77-jährige Gerhard Kinne. „Ich finde die Reiterspiele gut“, sagt der Stralsunder, der früher als Schweißer in der Zuckerfabrik gearbeitet hat. „Ich habe viele Wallensteintage erlebt. Die Reiter sind neu und sehen gefährlich aus.“

Weiter ging es durch die Innenstadt über den Alten Markt vorbei am Rathaus die Semlower Straße hinunter zum Ozeaneum und von dort aus zu Hansa-Wiese. Na, finden Sie sich wieder?

Stralsunder Stadtwache kocht Kesselsuppe

Viele Wallensteintage erlebt hat auch Kapitän Horst R. Amelang. Mit seinen 84 Jahren ist der Stralsunder einer der ältesten im historischen Gewand – und vielleicht auch bald das älteste Mitglied der neuen Stralsunder Stadtwache um Birger Kuhls. „Ich will noch 100 werden“, sagt Amelang. „Habe ich meiner Frau versprochen. Das Mitmachen hält mich jung.“ Amelang hat auf dem Alten Markt vieles erlebt. „Ich bin öfter erschossen worden“, scherzt er. Über Bibow erfuhr er von der geplanten Stadtwache. „Ich gucke mir die Jungs an“, sagt Amelang. „Noch bin ich nicht dabei. Aber finde die Idee gut.“ Durchstarten wollen die rund zehn Männer um Kuhls erst 2020. Präsent waren sie schon jetzt, mit wortgewandten Späßen, dem Kochen von Kesselsuppe und dem Aufmarschieren auf die Bühne um Rekruten anzuwerben.

Wallensteintage als guter Feierort

Zu einem Volksfest gehört auch das Feiern. Nicht nur im historischen Ambiente auf dem Alten Markt, sondern auch auf dem Rummel am Hafen. Juliane Nell aus Negast machte mit ihren Mädels alle Orte unsicher. Denn die 30-Jährige will am 28. September in Stralsund heiraten und feierte mit Nicole Wolff (26), Carolin Pöhls (29) und Anne Förster (30) auf dem Volksfest ihren Junggesellinnen-Abschied. Trauzeugin Pöhls hatte sich die Aktion ausgedacht hat.

So groß ist die „Harlekina“ ohne „Highheels“

Beatrice Baumann war als "pompöse Harlekina" verkleidet. Quelle: Claas Abraham

Sie war wohl die größte Schönheit auf den Wallensteintagen: Beatrice Baumann aus Berlin. Mit ihren Stelzen war die „pompöse Harlekina“ 2,40 Meter groß. „Ohne meine Highheels“ sind es etwa 70 Zentimeter weniger“, sagt sie. Also ist die Berlinerin rund 1,70 Meter groß. In ihrem Kostüm war die Künstlerin ein beliebtes Fotomotiv. Die Chance nutzte auch Sabine Boytchev. Die Rüganerin lebt mit ihrer Familie in Düsseldorf. „Ich bin erst jetzt zum ersten Mal hier“, sagt sie. „Ich habe es endlich mal geschafft und es ist wirklich schön.“

Hexenmusik zum Barock-Feuerwerk

Einer der Höhepunkte war das Barock-Feuerwerk am Sonnabendabend. Dieses inszenierte André Bonitz (48) von Soulfire Ostseefeuerwerke. Gegen 23 Uhr wurde das Rathaus am Alten Markt durch bunte Explosionen erleuchtet. „Ein Großteil der Effekte liegt in einer Höhe von 20 Metern“, sagt der 48-Jährige aus der Gemeinde Eixen. „In zehn Minuten brennen die Feuerwerkskörper nicht einfach ab. Alle Explosionen sind auf die Musik abgestimmt“, sagt Bonitz. Dieses Jahr: „Die Hexe und die Heilige“ von Steven Reineke. Die Komposition erzählt eine Geschichte aus der Zeit des Hexenwahns. 1588 wurden in Ellwangen die Zwillinge Sibylla und Helena geboren. Beide konnten zukünftige Ereignisse vorhersagen. Sibylla galt bald als Hexe, während Helena im Kloster lebte und als Heilige verehrt wurde.

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Kay Steinke