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Usedom Ab 1920 erstarkte der Antisemitismus auf Usedom
Vorpommern Usedom Ab 1920 erstarkte der Antisemitismus auf Usedom
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17:25 07.11.2019
Seit Herbst 2014 erinnern diese fünf Stolpersteine in Heringsdorf an Angehörige der jüdischen Familie Saulmann, die Opfer des Holocaust wurden. Quelle: Archiv Fritz Spalink
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Swinemünde/Heringsdorf

Die Stadt Swinemünde und die umliegenden Gemeinden entwickelten sich im 19. Jahrhundert zu See-Badeorten und es ließen sich jüdische Familien in Swinemünde und in Heringsdorf nieder. Gottesdienstliche Zusammenkünfte fanden seit den 1820er Jahren in Privaträumen des jüdischen Kaufmanns Isenthal in der Großen Kirchenstraße statt.

Mehr als drei Jahrzehnte lang nutzte die jüdische Gemeinde ein Gebäude in der Blücherstraße, ehe im September 1859 ein schlichtes Synagogengebäude eingeweiht werden konnte. Bis 1938 hatte die jüdische Synagogengemeinschaft ein Dünengelände in der Nähe der alten Ahlbecker Landstraße als Friedhofsareal.

Judenfeindliche Aktionen auf der Promenade

Wie in anderen pommerschen Seebädern kam es in den 1920er Jahren auch in Swinemünde immer häufiger zu Verunglimpfungen und Belästigungen jüdischer Urlauber, die sich teilweise in antisemitischen Ausschreitungen darstellten. In einem Artikel der „Greifswalder Zeitung“ vom 19. August 1920 heißt es: „Am Sonnabend Abend gegen 11 Uhr fanden judenfeindliche Kundgebungen auf der Strandpromenade statt. Eine große Menschenmenge, darunter Reichswehrsoldaten und Marineangehörige, zogen mit Musik und Gesang vor verschiedene Lokale. Dort wurden judenfeindliche Reden gehalten und Drohrufe gegen jüdische Badegäste ausgestoßen. Ernste Zusammenstöße konnten vermieden werden, da die Polizeimannschaft die Demonstranten zerstreute.”

Dieses Plakat wies auf eine antijüdische Ausstellung hin, die im August 1938 im Ahlbecker Bahnhof gezeigt wurde. Quelle: Archiv Fritz Spalink

 

Über den Novemberpogrom von 1938 in Swinemünde hieß es lapidar im Lagebericht des Regierungspräsidenten von Stettin vom 10. November 1938: „Swinemünde: Synagoge abgebrannt, 3 Juden in Schutzhaft.“ Die Stadtverwaltung Swinemündes ließ die Synagogenruine und die zerstörte Friedhofskapelle später sprengen und dem Erdboden gleichmachen; zur Deckung der Kosten wurde das Restvermögen der Synagogengemeinde beschlagnahmt.

Am 11./12. Februar 1940 wurden die wenigen noch in der Stadt verbliebenen Juden – zusammen mit etwa 1100 pommerschen Juden, vor allem aus Stettin, Stralsund, Anklam und Pasewalk – von Stettin in Viehwaggons in den Distrikt Lublin deportiert. An die jüdische Vergangenheit Swinemündes erinnert heute nichts mehr. Das Gelände des ehemaligen jüdischen Friedhofs ist von einem Wäldchen bestanden.

Während in den 1920er Jahren in den benachbarten Seebädern Ahlbeck und Bansin der „Bäder-Antisemitismus“ immer mehr an Einfluss gewann, galt Heringsdorf noch bis Mitte der 1930er Jahre als „judenfreundlich“. Mit Beschluss der Kommunalvertretung vom Juni 1935, „sind Juden im Seebad Heringsdorf unerwünscht“; es wurde ihnen nun laut Kurordnung das Baden verboten. Wenige Wochen später erging zudem die Anweisung, jüdische Hotels und Pensionen weder im Bäderprospekt noch im Wohnungsverzeichnis auszuweisen.

Geschäfte geplündert, Schaufenster beschmiert

Vor den jüdischen Geschäften in der damaligen Wilhelmstraße (heute Friedensstraße) zogen SA-Wachen auf und in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden die Geschäfte geplündert, beschmiert und Schaufenster eingeworfen. Einige Eigentümer, die vorher geglaubt hatten, diese Zeit der Pogrome aussitzen zu können, beugten sich nun der staatlichen und bürgerlichen Gewalt und ließen die Arisierung ihres Eigentums geschehen.

Ein erst vor kurzem ermitteltes Beispiel hierfür sei das Villengrundstück des Bauhausarchitekten Arthur Biberfeldt genannt, welches Anfang 1939 für einen Bruchteil des Wertes den Eigentümer wechselte. Biberfeldt und Angehörige der Familie Alweiß gingen in Verstecke und einige überlebten so die Nazizeit.

Die obere Wilhelmstraße (heute Friedensstraße) in Heringsdorf auf einer historischen Postkarte. Zu sehen sind nacheinander die Pension Hubertus, das Wiener Speisehaus Hirsch, das Kaufhaus Saulmann, das Ladengeschäft Ch. Alweiß und der Verlag L. Pörutz. Quelle: Archiv Fritz Spalink

Am 11./12. Februar 1940 wurden neun in Heringsdorf lebende Juden, unter ihnen die fünfköpfige Familie Saulmann, in einem großen Sammeltransport von Stettin aus „in den Osten“ nach Lublin ins damalige Generalgouvernement verschleppt.

Stolpersteine erinnern an Holocaust-Opfer

Die erstmalige Verlegung sogenannter „Stolpersteine“ auf der Insel Usedom erfolgte im Herbst 2014 in Heringsdorf; die sieben Steine erinnern an Mitglieder dieser Familien, die Opfer des Holocaust wurden.

Das Seebad Bansin wurde im Jahre 1933 als erstes deutsches Seebad vom damaligen Gauleiter Pommerns, Peter von Heydebreck, für „judenfrei“ erklärt. Aus dem Seebad Zinnowitz stammt das „Zinnowitzlied“, ein antijüdisches Spottlied. Es wurde hier bereits in den 1920er Jahren gesungen bzw. auf Postkarten gedruckt, die Kurgäste als „Urlaubsgruß aus Zinnowitz“ versenden konnten. Im Liedtext hieß es unter anderem: „ … Und wer da naht vom Stamm Manasse, ist nicht begehrt, dem sei’s verwehrt. Wir mögen keine fremde Rasse! Fern bleibt der Itz von Zinnowitz.“

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Von Fritz Spalink

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