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Usedom Dem rechten Image den Garaus machen
Vorpommern Usedom Dem rechten Image den Garaus machen
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17:37 07.06.2019
Andreas Wunn vom ZDF-Morgenmagazin (l.) befragte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf dem Anklamer Marktplatz unter anderem zum Thema Landflucht. Quelle: Tom Schröter
Anklam

Es scheint paradox: Bröckelnde Infrastruktur, lahmes Internet und verödende Dörfer bestimmen in Vorpommern vielerorts die Diskussion. Doch wenn das ZDF-Morgenmagazin mitten auf dem Anklamer Marktplatz genau diese brisanten Themen aufgreift, um deutschlandweit darüber aus Anklamer Sicht live zu berichten, nimmt kaum ein Einwohner Notiz davon. Vielleicht erklärt ja die Skepsis gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die in der Berichterstattung Anklam allzu oft als Hochburg der Rechten auserkor, die Zurückhaltung der Peenestädter.

Zu Sendebeginn kaum Interesse

Jedenfalls fanden sich am Freitagmorgen zu Sendebeginn um 6 Uhr nur wenige Interessierte am Übertragungsort ein. Noch gegen 7.40 Uhr war die Zuschauerschar derart überschaubar, dass man sich offenbar gezwungen sah, kurzweg einiges Publikum unter anderem aus der nahen Stadtverwaltung zu „organisieren“. Den Moma-Machern um Moderator Andreas Wunn brachte dies wiederum Einiges an Kritik und Häme ein.

An diesem Freitag jedoch ging es auch bald wieder um Anklams besonderes Image: „Zwei NPD-Mitglieder sitzen im Stadtparlament und die AfD wurde hier bei den jüngsten Kommunalwahlen zweitstärkste Kraft“, betonte Wunn mehrmals. Aber, so fragte er an, gebe es denn angesichts einer komplett im Umbau befindlichen Innenstadt, mehrerer Industrieansiedlungen und einer auf rund zehn Prozent gesunkenen Arbeitslosenquote auch entsprechend viel „Frust über das Abgehängtsein?“, fragte er an.

„Es ist unschön, wenn die Verwaltung zentralisiert wird und viele Stellen abgebaut werden“, erwiderte Jutta Raßmann, Steuerberaterin aus Anklam, im Interview. Indem man die Bürger wegen eines gerichtlichen Formulars nun bis Pasewalk fahren lasse, tue man ihnen keinen Gefallen. Martin Schneider, Intendant der Vorpommerschen Landesbühne Anklam, machte seinerseits auf das niedrige Lohnniveau im kulturellen Bereich aufmerksam.

„Wir Jugendliche verdienen mehr Respekt.“

Jessica Kamrau mahnte als stellvertretende Vorsitzende des Anklamer Jugendparlaments an, „auch darauf zu hören, was die Jugendlichen denken, denn sie sind die Erwachsenen von morgen“. Regelrechter Frust machte sich beim Usedomer Günther Jikeli breit, der zusammen mit weiteren Vertretern der Usedomer Eisenbahnfreunde nur hinter einer Absperrung für einen Wiederaufbau der Bahnstrecke zur Insel Usedom über Karnin werben durfte und genauso laut wie eisern rief: „Eisenbahn statt Autowahn!“.

Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kurz nach 8 Uhr den Platz betrat, wurde er von rund 100 Menschen begrüßt. Der hohe Gast hält in strukturschwachen Regionen einerseits die Förderung von Vorhaben mit öffentlichem Geld für wichtig. „Viele Orte profitieren, je nach der Qualität der Projekte, auch von EU-Förderprogrammen, wie zum Beispiel Leader“, so Steinmeier. Andererseits „hängt vieles auch an den Menschen selbst und an deren Eigeninitiative. Wenn etwas in Gang gekommen ist, dann interessiert sich auch die Politik wieder stärker.“

Das Anklamer SPD-Urgestein Dr. Uwe Schultz (Mitte) lässt auf seinem Parteiausweis, auf dem sich namhafte Sozialdemokraten, wie Willy Brandt, Hans-Jochen Vogel und Oskar Lafontaine verewigt haben, nun auch Frank-Walter Steinmeier (r.) unterschreiben. Links im Bild Vorpommern-Staatssekretär Patrick Dahlemann. Quelle: Tom Schröter

Galander: Dörfler haben Existenzberechtigung

Anklams Bürgermeister Michael Galander indes warnte davor, zu viel auf die Schultern des Ehrenamts abzuladen. „Bund, Land und der Landkreis sind auch in der Pflicht, die Probleme zu lösen“, so das Stadtoberhaupt, das sich zum Beispiel dagegen aussprach, Dörfer sterben zu lassen, um Geld für Infrastruktur zu sparen: „Solange Menschen auf dem Dorf wohnen wollen, haben sie auch eine Existenzberechtigung.“ Das rechte Image, so sagte Galander auf Nachfrage, schade dem Wirtschaftsstandort Anklam. „Aber es gibt hier auch noch 90 Prozent Menschen, die nicht Rechtsextremismus wählen und damit viele, die dem rechten Image den Garaus machen.“

Moma-Redakteur Wunn resümierte im OZ-Gespräch: „Man darf die Probleme nicht verschweigen, aber wir haben gesehen, dass sich auch etwas tut in Anklam. Die Änderungen des wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Ambientes stehen symbolisch dafür.“

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Tom Schröter

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