Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Usedom 5000 Menschen gingen in Heringsdorf auf die Straße
Vorpommern Usedom 5000 Menschen gingen in Heringsdorf auf die Straße
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:27 09.11.2019
Am 4. November 1989 gab es mit 5000 Teilnehmern die größte Demo auf der Insel. Sie fand in Heringsdorf statt. Quelle: Volker Knuth
Anzeige
Heringsdorf

Vor 30 Jahren, am 9. November 1989, fiel in Berlin die Mauer. Die Grenzen öffneten sich. Tausende DDR-Bürger waren da schon über die BRD-Botschaften in Warschau, Budapest und Prag in den Westen geflüchtet. In vielen Städten der DDR wurden Montagsdemonstrationen von Bürgerrechtlern organisiert. Besonders in Leipzig gehen immer mehr Menschen auf die Straße und fordern endlich Reformen. Vor diesem Hintergrund begann auch im Norden der Widerstand gegen die SED-Führung.

In den Kirchen des Landes gab es seit 1982 jährlich Friedensdekaden mit besonderen Fürbitt-Gottesdiensten. Losungen wie „ Schwerter zu Flugscharen“ sind mir noch gut in Erinnerung, auch das Symbol als Aufnäher. Auch in Heringsdorf gab es eine stark engagierte Junge Gemeinde, die den Dialog suchte. Aber in der Schule versuchte man durch den Staatsbürgerunterricht, die Schüler zu beeinflussen. Zum Beispiel gab es in meiner Schulzeit bereits nicht mehr den Namen Pommern.

Versammlung vor der Wolgaster Petrikirche

Nachdem sich am 9. und 10. September 1989 in Grünheide bei Berlin das Neue Forum gegründet hatte, und auch in Wolgast durch die Pastorin Frau Zepke am 19.Oktober eine Kontaktaufnahme mit dem Neuen Forum aus Greifswald stattfand, kam es am 20. Oktober 89 in Wolgast vor der Petrikirche gegen 19.30 Uhr zu ersten Ansammlungen junger Bürger. Als sich die Zahl der Personen auf 150 erhöhte, fasste die Pastorin den Entschluss, die Kirche zu öffnen. Unter den Versammelten befand sich auch eine „Auswahl geeigneter Genossen, Kollegen und Jugendfreunde“, die von der Wolgaster Kreisstelle des MfS „zum Einsatz bei einer eventuellen Kundgebung bzw. Demonstration“ vorgesehen war.

Pfarrer Hans-Helmut Ohm spricht zu Demonstranten in Heringsdorf. Quelle: Volker Knuth

Am 23. Oktober erfolgte dann die Gründungsversammlung des Neuen Forums in Wolgast und es gab weitere Demonstrationen in der Kreisstadt. Auch die Ahlbecker Bürger waren von der Aufbruchstimmung erfasst. Pfarrer Hans-Helmut Ohm von der Evangelischen Kirchengemeinde Ahlbeck schreibt in seinen Erinnerungen: „Alles fängt klein an – auch die Wende in Ahlbeck. Als in der ersten Oktoberhälfte 89 in Leipzig und Dresden ... viele Demonstranten auf die Straßen gingen, war in Ahlbeck noch alles ruhig! Aber als wir im Gemeindekirchenrat beschlossen, uns doch einmal abends im Gemeinderaum zusammenzusetzen, um die Lage zu bedenken und dafür den 26. Oktober ins Auge fassten, war der Buschfunk schneller: Es geht auch in Ahlbeck los! Kommt in die Kirche! Dauernd läutete das Telefon bei uns, immer wieder wurde ich gefragt, ob es stimme, wann und wo die Versammlung sei ...

1000 Menschen in der Ahlbecker Kirche

So war die Kirche am 26.10. schon lange vor 19 Uhr völlig überfüllt und immer mehr Menschen drängten hinein, waren es 800 oder 1000? Unsere Kantorin begann mit einem Orgelstück, um die Menschen zur Ruhe zu bringen, was ihr auch gelang. Aber nicht lange! Die Menschen redeten sich viel Bedrückendes von der Seele: vom Druck der SED, Mauer, Reisebeschränkungen, freie Wahlen ... Es ging turbulent zu, ich hatte kein Mikrofon, aber es gelang mir immer wieder, die aufgeregten Menschen zur Ruhe zu bringen“, erinnert sich der Pfarrer. Aber eine geordnete Diskussion und Aussprache sei nicht möglich gewesen.

„Ein junger Kreistagsabgeordneter, den ich von der Orgelempore an das Rednerpult im Altarraum holte, kam schwer und bald gar nicht mehr zu Wort! Auch Bürgermeister Tucholke wollte in der Kirche nichts sagen und auch nicht Stellung nehmen, lud uns aber zum 1. November ins Haus der Erholung ein. Die Menschenmenge wollte die Einladung nicht annehmen und in der Kirche bleiben! Aber auf mein Versprechen hin, nach dem 1.11. wieder in die Kirche einzuladen, beruhigte sich die Menge. So beendete ich gegen 20.30 Uhr mit einer Biblischen Besinnung den Abend, Orgelklänge begleiteten die aufgewühlten Menschen in die Nacht. Nach einer langen und heftigen Aussprache am 1.11. im HdE (Haus der Erholung) kehrten wir in unsere Kirche zurück ...“

In der Heringsdorfer und Bansiner Kirche fanden ebenfalls Treffen mutiger Bürger statt. Wegen des großen Zustroms war auch hier eine Übertragung nach draußen notwendig. Um Antworten auf Fragen der Zeit zu erhalten, wurden Verantwortliche vom Rat des Kreises und der Partei eingeladen. „Die Enttäuschung über deren Nichterscheinen brachte aus dem Treffen am 31.10.89 den spontanen Entschluss: Wir gehen auf die Straße!“, erinnert sich Frau Gruhl, die Frau unseres Pastors in Heringsdorf.

5000 Menschen vor dem Kulti

Am 4.11.1989 fand vor dem Kulti in Heringsdorf wohl die größte Kundgebung statt, die Heringsdorf je erlebt hat. Die Ahlbecker mit Pastor Ohm und die Bansiner mit Pastor Neumann kamen über die Promenaden zum Treffpunkt Kulturhaus. Man spricht von 5000 Teilnehmern, die dem Aufruf freiwillig gefolgt waren.Wenn man die Bilder von damals betrachtet, sieht man Jung und Alt, die mit selbst gefertigten Transparenten ihre Forderungen kundtun: „Wir brauchen keine Stasi“, „Reale Löhne – Reale Preise“, „Freie Wahlen – Änderung der Verfassung“, „Alle Heime für das ganze Volk“ usw. Den verantwortlichen Pfarrern war eine friedliche Demonstration ganz wichtig! Im Anschluss an diese friedliche Demo wurde ein Schreiben an den Staatsrat der DDR mit langen Unterschriftslisten abgeschickt mit den Forderungen der Demonstrationsteilnehmer: Abkehr vom Machtmonopol der SED und freie Wahlen bis spätestens Sommer 1990.

Auf dem Platz des Friedens in Heringsdorf versammelten sich am 30. Dezember 1989 an die 2000 Menschen. Quelle: Volker Knuth

Pfarrer Ohm erinnert sich weiter: „Bis Mitte Dezember 89 versammelten wir uns wöchentlich in der Kirche. Es hatte sich ein Vorbereitungskreis zusammengefunden. Kontakte nach Heringsdorf und Bansin und Besuche der dortigen Versammlungen machten uns gewisser auf dem Weg, der ja auch von Angst und Unsicherheiten begleitet war! Wie geht das alles aus? Was unternehmen Partei und Staatssicherheit?“ In den folgenden Wochen fanden weitere Demonstrationen in den drei Seebädern statt.

Auch Schüler demonstrieren

In Bansin gehen die Schüler mit den Eltern auf die Straße. Auch hier Transparente mit Aufschriften: „Wir Schüler fordern: Fremdsprachen als Wahlfächer“, „Für ein demokratisches Deutschland ohne SED“, „Die SED muss endlich gehen, sonst sagen noch die Letzten Auf Wiedersehen“. Die Demonstration am 22. November fand nach einer Friedensandacht in Ahlbeck bei Kälte und Sturm statt, der immer wieder die Kerzen auspustete. Zu einer weiteren großen Kundgebung mit 2000 Teilnehmern kam es am 30. Dezember 1989 auf dem Platz des Friedens in Heringsdorf.

Auch Schüler gingen mit ihren Forderungen in Bansin auf die Straße. Quelle: Volker Knuth

Überall im Land verbreitete sich nun eine große Aufbruchstimmung. Diese Veränderungen zeigen sich auch auf den Transparenten der 2000 Teilnehmer der Kundgebung auf dem Platz des Friedens. Da war zu lesen: „Geht aufrecht, die Wende ist nicht zu Ende“, „Korruption jetzt überall aufdecken“, „Keine Experimente mit dem Volk“, „Keine Gewalt, aber Gerechtigkeit“. Eine Gruppe Jugendlicher aus den Seebädern hielt ein Plakat mit der Aufschrift: „Für ein demokratisches Deutschland ohne SED“ in den Händen, andere zogen mit der Deutschlandfahne durch die Straßen. Zu den Teilnehmern der Demonstration sprechen u.a. Pfarrer Gruhl aus Heringsdorf, Pfarrer Ohm aus Ahlbeck, Pfarrer Bartel aus Benz, Schriftsteller Egon Richter aus Bansin und, und, und.

Teilnahme am Runden Tisch

Pfarrer Hans-Helmut Ohm beschreibt die ereignisreichen Tage so: „In der Adventszeit wurde es in unserer Kirche immer kühler und die Versammelten beschlossen am 14.12. , dass die Ahlbecker, die an einer Erneuerung unserer Verhältnisse mitarbeiten wollten, sich am 17.12.89 im Haus ‚Daheim‘ treffen sollten. Dort kam es zur Gründung der Bürgerinitiative 89 e.V., später nannte sie sich Bürgerkomitee 89 e.V.. Inzwischen hatte sich in Wolgast auf Kreisebene ein Runder Tisch gegründet, an dem ich öfter in meiner Funktion als Superintendent des Kirchenkreises Usedom teilnahm und mitarbeitete.

In Bansin fand im Herbst 1989 eine große Demo mit mehreren Hundert Teilnehmern statt. Quelle: Volker Knuth

Im neuen Jahr 1990 war unser Bürgerkomitee recht aktiv und wollte auch in Ahlbeck am Runden Tisch Parteien und Organisationen zusammenführen. Denn der Runde Tisch, den Bürgermeister Tucholke montags von 7 bis 9 Uhr einige Male einberief, gefiel uns nicht. So tagte am 26.1.90 der Runde Tisch unter meiner Leitung, der sich sieben Mal bis Ende April versammelte, um örtliche Probleme zu beraten, die dann als Empfehlung an den Rat der Gemeinde bzw. an die Volksvertretung weitergegeben wurden. Fragen der Volksbildung, Handel und Versorgung, Grundstücke, Bildung von Kommissionen, Vorbereitung von Wahlen waren Tagesordnungspunkte.“

Kirchen werden wieder leerer

Der Runde Tisch in Berlin endete mit den ersten freien Wahlen in der DDR am 18.März 1990. Bei den Parteien stand die Losung „Deutschland einig Vaterland“ ganz oben, während bei einigen Bürgerrechtsbewegungen noch über den Weg und das Ziel diskutiert wurde. Die großen Oppositionsgruppen, die den Aufbruch und die Umgestaltung in der DDR organisiert und angeführt hatten, verloren an Bedeutung. Auch in den Kirchen gingen die Besucherzahlen wieder zurück.

Hans-Helmut Ohm beendet seine Aufzeichnungen: „Mit der Wahl der neuen Gemeindevertretung am 6. Mai 1990 endete der Runde Tisch, und die demokratisch gewählten Abgeordneten übernahmen die Verantwortung für Ahlbeck.“ Im Rückblick auf die Ereignisse um den 9. November 1989 herum stellt sich einem noch heute die Frage, wie war das alles möglich? Unter dem Dach der Kirche, die den mündigen Bürgern und Oppositionsgruppen einen Raum für Aktionen und Gespräche bot und sich mit Kerzen in der Hand der Staatsmacht der SED widersetzte. „Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen!“, schreibt später ein Politbüromitglied.

Die älteren Bürger werden sich an die Zeiten noch gut erinnern, für die Jugend sollen die Bilder, die wir am 9. November in der Ahlbecker Kirche zeigen, zum Staunen anregen und das Verständnis für Demokratie und Toleranz verdeutlichen.

Veranstaltung zum 30. Jahrestag des Mauerfalls: 9. November, 18 Uhr, Evangelische Kirche Ahlbeck, Film „Gundermann“.

Zitat: Wir wollen mit unseren Bildern Verständnis für Demokratie und Toleranz erzeugen. Heinrich Karstädt-Drews, Vorsitzender des Kirchengemeinderates Heringsdorf

Von Heinrich Karstädt-Drews

Aus dem Geschäft in der Seestraße wurde Geld aus der Registrierkasse gestohlen. Die Täter schalteten den Bewegungsmelder aus. Die Polizei sucht nun Zeugen.

09.11.2019
Usedom Wolgast vor 100 Jahren Als in Wolgast Wohnraum knapp war

Der Wolgaster Magistrat erließ im Oktober 1919 eine Anordnung, um Obdachlosigkeit zu vermeiden. Bei Zuwiderhandlungen wurden hohe Geldstrafen angedroht.

09.11.2019

Motor- und Segelboot wurden bei dem Feuer vollkommen zerstört. Der Schaden beträgt 20 000 Euro. Die Polizei sucht nun Zeugen, die in der Nacht zu Sonnabend etwas bemerkt haben.

09.11.2019