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Usedom Ein Leben mit sehr viel Glück
Vorpommern Usedom Ein Leben mit sehr viel Glück
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01:22 02.05.2017
Heringsdorf

Ihre Doktorarbeit über Jane Austen schrieb Donna Leon in den siebziger Jahren im Iran. Dann kam 1979 die Revolution. Sie musste evakuiert werden. Die fast 200 Seiten, die sie bereits geschrieben hatte, kopierte sie noch zweimal und packte jedes Exemplar in einen Koffer. Alles wurde in die Staaten verschifft. Allerdings kam nie etwas davon an, die iranische Regierung hatte alles beschlagnahmt. Die Dissertation noch mal schreiben? „Nein, ich ließ es. Stellen Sie sich vor, ich würde heute irgendwo als Uni-Professorin lehren!“ Dann wäre die berühmte Krimi-Autorin sicherlich nicht im Heringsdorfer Hotel Steigenberger gelandet, wo sie an diesem Sonnabendnachmittag nur wenig über ihre berühmten Commissario-Brunetti-Romane erzählt. Nein, die Gäste werden Donna Leon ganz privat erleben. Als Venedig-Kennerin, die ihrer Stadt ein tragisches Ende prophezeit. Vielleicht nicht ganz so dramatisch, wie es die gesunkene Stadt Vineta erlebte, aber Donna Leon sieht die Lagunenmetropole schon als „Disneyland“ und „Geisterstadt“. „32 Millionen Touristen kommen im Jahr in die Stadt mit 58 000 Einwohnern. Wie lange können wir dort noch überleben?“, fragt die Schriftstellerin provokant und geißelt vor allem die Kreuzschifffahrt-Industrie.

Starke Gesten und kluger Kopf – Donna Leon im Heringsdorfer Steigenberger Hotel. Quelle: Foto: Henrik Nitzsche

Warum sie in Venedig, in der Stadt, in der ihr Kommissar in 26 Romanen ermittelt, eher unbekannt ist, erklärt die gebürtige Amerikanerin so: „Das ist ganz einfach. Man kennt mich in den Läden nur als die Frau, die freundlich ist. Mehr will ich nicht. Schlimm ist, wenn man VIP ist. Die Menschen schauen zu uns hoch. Mit meiner Anonymität gibt es keine Extrabehandlung. Das habe ich mir gewünscht.“

Gewünscht hat sie sich sicherlich auch, dass Moderator Manfred Osten ihre Liebe zur barocken Musik anspricht. Er tut es und Donna Leon ist wieder nicht gut auf Venedig zu sprechen. In der Stadt, in der Vivaldi geboren wurde und mit Georg Friedrich Händel einer der größten Barock-Komponisten gelebt hat, „wird die Musik nicht gut behandelt“, sagt Donna Leon, die auch diesmal zu den Usedomer Literaturtagen das Barockorchester „Il Pomo d'Oro“ mitgebracht hat.

Und die von sich behauptet, in ihrem Leben sehr viel Glück gehabt zu haben. Aufgewachsen in einem Amerika, in dem Präsident Eisenhower (1953 – 1961) für Boomjahre sorgte, hätten ihr ihre Eltern keineswegs eine Entwicklung nahe gelegt, die „erfolgreich oder ambitioniert“ sein sollte. „Sie gaben mir nur auf den Weg, das Leben zu genießen. Mit 50 hatte ich nie einen richtigen Job. Ich war nur da und habe mein Ding gemacht.“ Ihren ersten Roman habe sie „einfach so geschrieben. Ich war neugierig. Es folgte der zweite, der dritte – alles Resultate eines Glücks“, erzählt die Frau mit dem grauen Haarschopf und spart dabei nicht mit Gestik und Humor. Da passt ihre Geschichte von den „Businesskindern“, den sie vor Jahren bei einem Vortrag in der Schweiz doch nahe legte, alles hinzuschmeißen und Spaß zu haben. „Wie kann man vier Jahre damit verbringen, Business Management zu studieren? Alles was sie in den 90er Jahren im Kopf hatten, ist doch heute nicht mehr relevant.“

Anders bei der Studentin Donna Leon – sie widmete sich der englischen Literatur. „Die hat niemand geändert“, sagt die 74-Jährige mit einem süffisanten Lächeln. Ja, so ist sie. Ausdrucksstark. Das kommt bei ihren Fans an. „Sie ist sehr sympathisch und temperiert. Sie hat eine schöne Stimme und beherrscht das Wort“, findet Sibylle Wehrmann aus Heringsdorf, die gekommen war, um eine ihrer Lieblingsschriftstellerinnen mal privat zu erleben.

Auf die Frage einer Besucherin, ob Donna Leon die Brunnetti-Krimis im Fernsehen schaue, antwortet die Autorin: „Ich habe keinen Fernseher, ich gehe auch nicht ins Kino. Die Schauspieler machen ihren Job, ich mache meinen.“

Und den hat sie an diesem Nachmittag brillant gemacht.

Henrik Nitzsche

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