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Usedom Erste Hilfe für die Seele: Diese Usedomer helfen bei Schicksalsschlägen
Vorpommern Usedom Erste Hilfe für die Seele: Diese Usedomer helfen bei Schicksalsschlägen
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14:19 28.11.2019
Das aktuelle Usedomer Team der Notfallbegleiter. Aller zwei Monate trifft man sich, um über Einsätze zu sprechen, Dienste auszuwerten und neue Festlegungen zu erfahren. Quelle: Steffen Adler
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Heringsdorf/Ahlbeck

Die Miniaturhefte zum Thema sind bunt, aber voller verstörender Botschaften. Es geht um nicht weniger als Sterbefälle. „Papa ist tot“ oder „Leas Onkel hat sich das Leben genommen“, steht auf den Covern. Wie erträgt und verarbeitet man Suizide und Unglücke, bei denen nahestehende Menschen zu Tode kommen?

Unvorstellbare Ausnahmesituationen hauen Betroffene, Hinterbliebene und völlig Irritierte manchmal richtiggehend um; besonders, wenn es sich dabei um Kinder und Jugendliche, aber auch Partner, geliebte Verwandte oder Freunde handelt. Treten solche Situationen auf, ist Beistand nicht selten Gold wert. Sei es eine schützende Hand, eine wärmende Umarmung oder auch einfach nur die hilfreiche Gelassenheit, ausdauernd und möglichst ungestört zuzuhören oder sich auszutauschen.

16 Teams in Mecklenburg-Vorpommern

Dieser Aufgabe, für die ein außerordentlich großer Bedarf besteht, haben sich Ehrenamtler verschrieben. In Mecklenburg-Vorpommern arbeiten 16 Teams zumeist unter dem Dach des Johanniterbundes, eines davon auf der Insel Usedom. Hier arbeitet die zurzeit achtköpfige Gruppe, darunter drei Frauen. An 365 Tagen im Jahr teilen sie sich den Notfalldienst. Abwechselnd, jeweils eine Woche lang sowie 24 Stunden rund um die Uhr, stehen sie in Rufbereitschaft.

„Praktisch sieht das so aus, dass in einem Notfall mit Todesfolge ja zunächst ein Notarzt gerufen wird und an die Unglücksstelle eilt, der dann gegebenenfalls nicht nur den Tod des Betroffenen feststellt, sondern auch in Erfahrung bringt, ob für Hinterbliebene eine Betreuung nötig ist“, beschreibt Bernd Kotsch, Leiter der Gruppe, den Ablauf.

Zehn Hilferufe von September bis November

Ist das der Fall, werde umgehend über die Rettungsleitstelle Greifswald der Diensthabende der psychosozialen Notfallbegleitung angefordert. „Wenn wir dann vor Ort eintreffen, nachdem wir vorab bereits über die konkrete Lage informiert wurden, sind oft noch der Arzt, Sanitäter oder auch Polizeibeamte sowie Hinterbliebene, womöglich aber auch bereits der Bestatter vor Ort.“

Ehepartner, Familienangehörige, Kinder, Gruppenmitglieder oder auch Unbeteiligte stünden dabei häufig völlig unvorbereitet extremen Umständen gegenüber, berichtet Kotsch aus der Praxis der Notfallbegleiter. Auf Usedom wurde ein solcher Hilferuf allein zwischen September und November rund zehn Mal abgesetzt. Noch öfter geschieht das im Sommer.

Persönliche Schicksalsschläge auch im Team

Um optisch erkennbar zu sein, tragen die Helfer eine rote Jacke mit Aufschrift und Leuchtstreifen, können sich ausweisen und haben ein Johanniter-Schild im privaten Pkw. Im Dienstrucksack finden sich allerlei hilfreiche Utensilien, wie Getränke, eine Decke, Bücher, Stifte, Taschenlampe, eine Kerze, Taschentücher und kleines Kinderspielzeug. „Das sind zum Teil Dinge, die auch für Abschiedsrituale wichtig sind“, erzählt Kotsch weiter.

Zum Team gehören unter anderem die Psychotherapeutin Anika Ziegler aus Zinnowitz und Barbara Syrbe aus Karlshagen. Die frühere Landrätin war 2018 beim Tag des Ehrenamts auf diese Tätigkeit aufmerksam geworden und entschied sich später, an der Ausbildung teilzunehmen. Inzwischen hat sie das Zertifikat erworben und leistet wie alle anderen Mitstreiter ihre Bereitschaftsdienste. „Es ist eine Aufgabe, die mit großer Menschlichkeit und Würde zu tun hat“, beschreibt sie die Herausforderung.

Kontakte zu den Seelsorgern

Heiko Fischer, Landeskoordinator, Uni-Medizin Greifswald, Institut für medizinische Psychologie, Telefon 038 34 / 865 695, heiko.fischer@uni-greifswald.de

Bernd Kotsch, Leiter der Usedomer Gruppe, Ahlbeck, Telefon 038 378 / 497 019; beko07@t-online.de

Bereiche Greifswald und Anklam: Johanniter Neubrandenburg; Annette Meier, Telefon 0395 / 351 46 77

Aus persönlicher Erfahrung – ihr Mann war Pilot und starb beim Absturz seiner Maschine – kann sie sich in die Lage Hinterbliebener hineinversetzen. Wie das gesamte Team weiß sie nur zu gut, dass sich zwischen der guten Absicht, helfen zu wollen, und den Möglichkeiten des Einzelnen, dies auch effizient und der Situation angemessen tun zu können, oft ein großes Maß Unwissenheit auftürmt. „Es geht nicht darum, zu werten und zu urteilen, vielmehr sind Reden, Zuhören und Trösten, einfach Dasein gefragt“, ist sich die Runde bei ihrer jüngsten Beratung in der Rettungswache Heringsdorf einig.

Herztod eines Bansiner Hotelgastes

In den zurückliegenden Wochen wurden die Begleiter unter anderem zum Herztod eines Bansiner Hotelgastes gerufen, dessen leicht demente Frau offenbar suizidgefährdet war. In der Inselmitte starb ein Mann, dessen Frau am nächsten Tag den 80. Geburtstag feiern wollte. Da galt es, einer große Familie, die schon in der Festvorbereitung steckte, beizustehen.

Bei einem Suizid brauchte die Ehefrau des Toten Zuspruch, weil sie sich selbst eine Mitschuld am Geschehen gab. Und dann war da der 15-Jährige, der allein den bereits verwesenden Leichnam seines Vaters in dessen Wohnung auffand. Da leistete Anika Ziegler als Psychotherapeutin über die Zuständigkeitsgrenzen hinweg sogar Amtshilfe im entfernten Greifswald.

Koordination wird von Greifswald aus gelenkt

Angeleitet und abgestimmt werden Einsätze, Qualifizierung und Ausbildung landesweit durch Heiko Fischer, der als Koordinator, Psychologe und Mitarbeiter der Greifswalder Unimedizin fachliche Kompetenz und Kontinuität einbringt. In finanziellen und Ausstattungsfragen trägt das Innenministerium die Verantwortung. „Stabilität und Struktur dieser Begleitung, die früher oft leitend von Pastoren und unter dem Dach der Kirche angeboten wurde, sind von großer Wichtigkeit“, sagt Bernd Kotsch.

Er hat vor Jahren seine schwerkranke Frau bis zum Abschied begleitet und fühlte sich anschließend „irgendwie berufen“, selbst in die Notfallhilfe einzusteigen. Ihr widmet der aus NRW stammende Klangschalenmasseur, Reiki-Experte und Entspannungsbegleiter nun einen großen Teil seiner Freizeit.

Zeit für sich am Meer

Und wie geht er mit den Einsätzen um? „Wenn ich zwei, drei Stunden oder noch länger mit Angehörigen zu Tode gekommener Menschen zusammen war, ihnen zugehört habe und womöglich deren Schockstarre lösen konnte, lässt mich das natürlich nicht kalt, auch wenn ich relativ abgegrenzt sein kann“, so der frühere Straßenbaumeister. Im Anschluss sitze er dann gern längere Zeit auf einem Stühlchen am Meer, um das Erlebte zu rekapitulieren und einfach wieder loszulassen.

„Das muss sein, denn Einsätze, egal ob nach häuslichem Tod, Verkehrsunfall, Brand oder Suizid, sind nie einfach.“ Deshalb sei von großem Vorteil, sich bei besonders schwierigen Lagen, gegenseitig vor Ort zu verstärken. Und alle zwei Monate treffen sich die Helfer, um gemeinsam ihre praktischen Erfahrungen zu rekapitulieren.

Weitere Ehrenamtliche gesucht

Obwohl mit dem Wolgaster Uwe Berger ein neuer Interessent schon bereitsteht, werden weitere Teilnehmer am nächsten Lehrgang zum psychosozialen Notfallbegleiter gesucht. Der Job ist ehrenamtlich, erstattet werden lediglich mit dem privaten Auto im Einsatz gefahrene Kilometer. Dabei sind der Pkw und die Insassen versichert. Und in der Weihnachtszeit gibt es ein gemeinsames Essen als kleines Dankeschön.

„Keiner will und kann bei uns reich werden, aber zwischenmenschlich ist es ein großer Gewinn, auf diese Art anderen wirksam helfen zu können“, bilanziert Kotsch das Engagement seines Teams. Die Nachbetreuung der Hinterbliebenen liegt jedoch stets in der Hand ausgebildeter Fachleute. Den Kontakt zu ihnen kann der Notfallbegleiter indes herstellen.

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Von Steffen Adler

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