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Usedom Heringsdorf: Walter Haar lebt ab jetzt ohne Puls
Vorpommern Usedom Heringsdorf: Walter Haar lebt ab jetzt ohne Puls
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04:16 25.05.2013
Nachdenklich schaut sich Walter Haar das Modell der Minipumpe an, die ihm die Karlsburger Ärzte implantiert haben. Fotos (3): Angelika Gutsche Quelle: Angelika Gutsche
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Karlsburg

Walter Haar ist wieder zu Hause. An seinem Rollator hat der 64-Jährige sogar schon wieder seinen Garten inspiziert. Natürlich mit „Rolli“, seinem zweijährigen Dackel.

Auf eigenen Beinen in den Garten zu gehen und nachzusehen, was die Familie während seiner Krankenhausaufenthalte gepflanzt hat — danach hatte er sich in den vergangenen Wochen gesehnt. Anfang März, als er nach einem Herzinfarkt ins Karlsburger Klinikum gebracht wurde, lag der Garten noch im Winterschlaf.

Haar erinnert sich: „Am 7. März um 4 Uhr habe ich meine Familie geweckt. ,Ruft schnell einen Arzt, ich habe einen Herzinfarkt‘, habe ich gerufen.“ Wenig später war der Heringsdorfer auf dem Weg nach Karlsburg. Dort stellte sich schnell heraus, das sein Herz irreparabel geschädigt war. Die Ärzte versetzten ihn ins künstliche Koma und schlossen ihn an ein externes Herz-Kreislauf-System an.

Eine Lösung auf Zeit.

Die Familie stand vor einer schweren Prüfung: „Wir sollten entscheiden, ob Walter eine Herzpumpe bekommt. Die Überlebenschancen stünden fifty-fifty“, erinnert sich Nichte Birgit Haar. „Was ist richtig? Kommt er später mit der Technik klar?“

„Für den Patienten gab es keine andere Überlebenschance. Ohne Unterstützungssystem wäre sein Herz nicht mehr in der Lage gewesen, sauerstoffreiches Blut in den Körper zu pumpen“, erklärt Prof.

Hans-Georg Wollert, Direktor der Herzchirurgie. Spenderherzen sind rar. Die Mindestwartezeit beträgt zurzeit zwei Monate.

Die Mini-Herzpumpe der neuesten HeartWare-Generation, die dem Heringsdorfer Tage danach von einem großen Spezialistenteam, zu dem auch Mitarbeiter der Herstellerfirma zählten, eingesetzt wurde, rettete ihm das Leben.

Inzwischen hat Walter Haar gelernt, mit der Pumpe zu leben. Während seiner Kur in der Klinik in Bad Bevensen hat er nicht nur fleißig trainiert, Muskeln getrimmt und Hanteln gestemmt — er wurde vor allem in der technischen Handhabung seines Lebensrettungsgeräts unterrichtet.

Gestern kehrte er zurück nach Hause. Nicht ohne Zwischenstop in der Karlsburger Klinik, wo der Patient gründlich von Dr. Lutz Hilker untersucht wurde. Der Allgemeinzustand des Heringsdorfers freute den Mediziner. Haar wirkte deutlich vitaler als bei seiner Abreise zur Kur. „Das Kontrollgerät, das rund um die Uhr die Funktion des Herzens überwacht, hat in den vergangenen Wochen keine Unregelmäßigkeiten aufgezeichnet. Es wurde kein Alarm ausgelöst“, stellte Hilker erfreut fest. Auch die Medikamente hatte Walter Haar gut vertragen. Der Heimreise stand nichts im Weg.

Zuhause wartete zunächst weitere Aufregung. Die Rückkehr war so vorbereitet worden, dass für alle Notfälle vorgesorgt war. Neben der Familie warteten mit Internistin Dr. Sandra Woida und Allgemeinmediziner Harald Weihs gleich zwei ortsansässige Ärzte auf den Tross. Noch einmal erklärten Hilker und HeartWare-Mitarbeiter Fred Peter haarklein Funktion und Handhabung der Pumpe. Was passiert in Alarmfällen? Wie sind Infektionen zu verhindern, die Blutgerinnung zu überprüfen? Wie lange darf der Akku noch angeschlossen bleiben, nachdem die rote Lampe aufleuchtet? Und dann noch diese Mitteilung: „Duschen ist erlaubt, Baden und Schwimmen natürlich nicht.“

Am unaufgeregtesten nahm noch der Patient selbst die letzte Tortur des aufregenden und langen Tages, der früh mit der Abreise aus der Kurklinik begonnen hatte, hin. „Ich weiß ja jetzt ganz gut Bescheid über die Pumpe und das Aufladen der Akkus, das wird schon“, zeigte er sich zuversichtlich.

Die Familie entdeckte hingegen erst jetzt das volle Ausmaß dessen, was sie für ihren Walter entschieden hatte, als dieser im Koma lag. „Das war nicht einfach — aber gemeinsam schaffen wird das jetzt“, demonstrierte auch Neffe Daniel Zuversicht.

Walter Haar weiß, dass unter den 700 Patienten mit Herzpumpen in Deutschland einige schon seit sieben Jahren mit Pumpen leben, mitunter auch einer Arbeit nachgehen. Sein Leben ist jetzt anders. Ganz vorsichtig versucht er, zu alter Kondition zurückzufinden. Ein Unkraut hat er schon mal probehalber aus dem Garten gezupft.

Den Pass, der ihn als Träger einer Herzpumpe ausweist und einem Notarzt unter Umständen erklärt, dass er keinen Puls findet, trägt Walter Haar ständig bei sich.

Die Pumpe
Die implantierte HaertWare-Herzpumpe wiegt 160 g. Sie übernimmt die Arbeit der linken Herzkammer und pumpt sauerstoffreiches Blut in den Körper. Der Betrieb ist durch Akkumulatoren möglich, die der Patient in einem 1800 g schweren Gerät außerhalb des Körpers mit sich führt und regelmäßig aufladen muss. Ein Alarmsystem informiert rechtzeitig über Störungen. Über eine Notfallnummer besteht Kontakt zu den Karlsburger Ärzten.

Angelika Gutsche

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