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Usedom Immer weniger Hering: Quote bedroht Existenz der Fischer von Zempin
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Immer weniger Hering: Quote bedroht Existenz der Fischer von Zempin

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19:00 18.02.2020
Gunter Baudisch arbeitet in Zempin auf der Insel Usedom als Küstenfischer. Die Netze sind voll, aber er darf laut EU-Vorschrift nicht mehr fangen. Quelle: Hannes Ewert
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Zempin

Auf einmal knallte es. Peng. Ein Reifen an Gunter Baudischs Handwagen ist geplatzt. „Das habe ich schon kommen sehen. Es war eine Frage der Zeit“, sagt Gunter Baudisch, winkt ab und holt einen Ersatzreifen. „Das Reifenwechseln ist zwar nicht so schnell wie in der Formel 1, aber wir kriegen das schon hin“, sagt er und lacht. Trotz der schwierigen Zeiten, eines beweist Baudisch: Humor.

Denn die Küstenfischerei hat es nicht leicht: Es geht ums nackte Überleben. Grund sind die von der EU vorgegebenen Fangquoten. Im Vergleich zum Vorjahr sind diese um 65 Prozent gesunken. In Zahlen: Holte Baudisch im Vorjahr noch zwischen 13 und 14 Tonnen Hering aus dem Wasser, sind es in diesem Jahr nur noch fünf. Vor vier Jahren durfte er noch 36 Tonnen Hering anlanden.

Nachwuchs fehlt, Perspektiven sind unsicher

Seit 1986 ist Baudisch im Geschäft. Er lernte das Handwerk von der Pike auf. Heute würde er niemandem mehr empfehlen, in das Geschäft einzusteigen, denn zu unsicher sind die Zeiten.

„Nachwuchs gibt es hier auch nicht mehr. Wenn ein Fischer in Rente geht, kommt niemand mehr nach. Mein Sohn ist 22 Jahre und studiert in Berlin. Es kann sein, dass er auf die Insel irgendwann zurückkommt, aber dann wird er garantiert nicht mehr in die Küstenfischerei einsteigen“, sagt er.

Kurzerhand muss ein Reifen an seinem Wagen gewechselt werden. Quelle: Hannes Ewert

Suche nach einer neuen Tätigkeit

Heute ist Baudisch 52 Jahre alt. Bis zur Rente wird er es nicht mehr schaffen, mit der Küstenfischerei sich und seine Familie zu ernähren. „Es gibt die Möglichkeit, dass ich mit 58 aus der Fischerei aussteige und dann aus der sogenannten Seemannskasse eine Entschädigung bekomme. Das sind allerdings nur Almosen – ein paar Hundert Euro. Das reicht natürlich vorne und hinten nicht zum Leben“, sagt er. Dann müsste er sich eine andere Tätigkeit suchen.

Viel Kraft ist gefragt, wenn der Wagen mit dem Hering gezogen werden muss. Quelle: Hannes Ewert

Milder Winter: Heringssaison geht sehr früh los

Er hofft inständig, dass es ein Umdenken bei den vorgeschriebenen Quoten gibt. „Es ist ja nicht so, dass kein Fisch mehr da ist. Die Netze sind voll, das sieht man ja eindeutig an unserem vollen Wagen“, erklärt er.

Am Dienstag holte er rund 600 Kilogramm Hering aus der Ostsee. Auch ein Lachs und eine Flunder verirrten sich im Netz. „Dieses Jahr waren wir das erste Mal am 28. Januar draußen. Das liegt unter anderem an dem sehr milden Winter. So früh fahren wir sehr selten hinaus“, erklärt er. Baudisch erinnert sich an Jahre, da fing die Heringssaison aufgrund des langanhaltenden Winters spät an und endete im Juni. „Theoretisch würde ich bei der jetzigen Quote ein paar Mal hinausfahren und dann war es das. Als Fischer muss man sich dann stärker auf das Achterwasser konzentrieren“, erklärt er.

Nach dem Fang muss der Hering aus den Netzen gepult werden. Quelle: Hannes Ewert

Baudisch geht von weiteren Kürzungen aus

Er geht davon aus, dass es nächstes Jahr weitere Kürzungen geben wird. „Nach oben gingen die Zahlen bislang noch nie. Offiziell heißt es, dass der Heringsbestand geschont werden soll“, sagt er.

Bei vielen anderen Unternehmen, bei denen die Grunderwerbslage um 65 Prozent pro Jahr gekürzt wird, bedeutet dies das Aus. „Wir müssen uns überlegen, wie wir überleben. Ich denke, dass ich mich im Sommer mit der Räucherei über Wasser halten kann“, erklärt er.

Rund 200 Fischer in Mecklenburg-Vorpommern

Michael Schütt, Geschäftsführer der Fischereigenossenschaft Freest, hofft, dass noch so viel wie möglich Fischer am Leben erhalten werden können. „Die Kürzungen werden jedes Jahr drastischer. Ein Teil der Ausfälle könne kompensiert werden, wenn der Fischer sein Unternehmen für einen gewissen Zeitraum stilllegt“, erklärt er.

Schütt berichtet, dass die Fischer in Deutschland vor 20 Jahren noch 105 000 Tonnen Hering aus dem Wasser holen durften – heute sind es gerade mal noch 1580 Tonnen. „Das ist echt ein Witz – nicht mal zwei Prozent von damals“, rechnet er vor. In Mecklenburg-Vorpommern sind heute noch rund 200 Fischer aktiv. „Ich habe Zeiten erlebt, da lebten allein 200 Menschen von der Fischerei in Freest“, sagt er.

Michael Schütt, Geschäftsführer der Fischereigenossenschaft Freest. Quelle: Martina Rathke

Fischerei wichtig für den Tourismus

Die Fischerei sei für Schütt nicht nur die Lebensgrundlage für die Fischer, sondern auch ein wichtiges touristisches Standbein. „Wenn es so weitergeht, wird bald kein Fischerboot mehr am Strand stehen“, sagt er. Baudisch befürchtet, dass die roten Fischerbuden von Zempin dann zu kleinen Souvenirshops umgebaut werden.

Übrigens: In Zempin gibt es von Montag bis Freitag ab 9 Uhr fangfrischen Fisch, der auch küchenfertig verkauft werden kann.

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Von Hannes Ewert

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