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Usedom Integration heißt sofort anpacken
Vorpommern Usedom Integration heißt sofort anpacken
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00:00 23.08.2017
Ivan Shabo setzt das Barbiermesser an. 2013 eröffnete er seinen ersten Laden. Heute ist er Inhaber von vier Friseurläden: zwei Männersalons und einem für Frauen in Greifswald sowie einem in Stralsund, den er zusammen mit seinem Bruder betreibt. Quelle: Foto: Chg
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Greifswald

Ivan Shabo hat seinen Neustart zum Durchstarten genutzt. Der 31-Jährige wanderte 2001 aus dem Irak ein. Hier wurde er Friseurmeister und Existenzgründer. Vier eigene Läden in Greifswald und Stralsund betreibt der Katholik, dessen Familie ihre Heimat verließ, weil sie dort wegen ihres Glaubens nicht mehr sicher war.

Integration sei einfacher als man denkt, meint Shabo. „Die Menschen sollten offen für andere Mentalitäten sein und sich gegenseitig akzeptieren.“ Das funktioniere jedoch nur, wenn Migranten schnell Deutsch lernten und nicht unter sich blieben. Gleichzeitig müssten die Deutschen das „Denken in Schubladen vergessen“, sagt er. Unterschiede seien interessant und brächten „frischen Wind“, findet Shabo.

Er trägt braune, zum Scheitel gelegte Haare und einen gepflegten Vollbart. Sein Lächeln ist breit und blitzt häufig auf. Der Barbier kümmert sich um den männlichen Haar- und Bartschnitt, um die Nasen- und Ohrenhaarentfernung. Shabo hat fünf Angestellte und einen Lehrling im Greifswalder Laden „BartZart“. Iraner, Araber und Kurden stutzen dort mit scharfen Klingen Bärte und pusten Feuer in die Ohren der deutschen und internationalen Kundschaft. Verschiedene Sprachen fliegen durch die Luft. „Auch ich verstehe nicht alles“, sagt Shabo lachend.

Einer dieser Angestellten ist Shahin Kiani, seit 2014 in Deutschland. Im Iran wurde der Christ bedroht, in Deutschland beleidigt. „Manche Leute hier wollen nicht mit Ausländern reden. Ich wurde als ,Schweineasylant’ bezeichnet. Das war schwierig“, sagt der 24-Jährige. Dennoch fand er Freunde und Arbeit, brachte sich mit Hilfe von Internetvideos das Deutschsprechen bei.

Sein Chef Ivan Shabo lernte die fremde Sprache in der Schule, wo er auf neue Freunde traf, aber auch auf Rassisten. Zum Glück seien es wesentlich mehr neue Freunde als Feinde gewesen, erzählt er.

Im Irak gehörte er zu den fünf Prozent Nicht-Muslimen. „Es war ein Leben in Angst. Ständig stand man unter Druck, nicht aufzufallen“, sagt er. Ein Streit mit der falschen Person und „die ganze Familie litt darunter“. Deswegen kam die Familie nach Greifswald und fing von vorne an. „Das war sehr merkwürdig“, sagt er. „Es gab auch Trauermomente. Wir haben ja zweimal unsere Freunde verloren.“

Einmal im Irak, das zweite mal in Jordanien, wo die Familie ein halbes Jahr lebte.

Heute ist Ivan Shabo verheiratet und ein erfolgreicher Geschäftsmann. Ein Existenzgründer, dessen ehemalige Mitarbeiter zwei weitere, selbstständige Barbershops in der Hansestadt betreiben.

Arbeit ist der Schlüssel zur erfolgreichen Integration, ist Ivan Shabo überzeugt. „Integration heißt: Sofort eine Aufgabe übernehmen, seine Miete selbst zahlen und selbstständig sein Leben organisieren.“ Arbeit sorge für Kontakte und ein eigenes Einkommen, was die Sprachbarriere ab- und die Eigenständigkeit aufbaue. Dazu sei jede noch so kleine praktische Aufgabe geeignet. Die Hauptsache sei, dass sich der Neuangekommene einbringt.

Doch dem Arbeitsmarkt „fehlt die Anpassungsfähigkeit“, sagt Shabo aus eigener Erfahrung. Denn in der Friseurausbildung werden Barbiere zu Experten in manchen Dingen, die sie nicht brauchen, sagt er.

Haare färben, Nägel pflegen und Gesichter schminken seien der falsche Schwerpunkt. „Ich wünsche mir, dass Auszubildende sich auf den Männerbereich spezialisieren können.“ Dem müssten jedoch das Bildungsministerium und die Handwerkskammer zustimmen.

Deswegen reagierte Ivan Shabo einfach flexibel: Er stellte Shahin Kiani kurzerhand fest an, als der seine Friseurausbildung nach drei Monaten wegen anfänglicher Sprachschwierigkeiten und dem unnützen Wissen im Damenbereich abbrach. Shabo wollte ihn nicht verlieren. Seit Kurzem leitet Kiani einen der zwei Greifswalder Barbershops. „Es ist sehr angenehm in Greifswald“, sagt er. „Wir kennen hier in der Stadt mittlerweile viele Leute.“

Shahin Kiani ist erst seit drei Jahren in Greifswald. Er beginnt seine eigene Erfolgsgeschichte. Ivan Shabo hat seine schon geschrieben.

Christopher Gottschalk

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