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Usedom Luxemburg macht’s vor – können Vorpommern auch bald kostenlos Bus fahren?
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Luxemburg macht’s vor – können Vorpommern auch bald kostenlos Bus fahren?

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07:59 10.01.2020
Sieht so die Zukunft des Nahverkehrs auf der Straße in Vorpommern aus? Auf Usedom können Inhaber einer Kurkarte in den Kaiserbädern Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin kostenlos das gesamte Busliniennetz der Usedomer Bäderbahn nutzen. Sie müssen im Bus nur ihre Kaiserbäder-Card vorzeigen. Quelle: Cornelia Meerkatz
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Vorpommern

Wer mit dem Bus von Poseritz auf der Insel Rügen täglich zur Arbeit nach Stralsund pendelt, zahlt für eine Monatskarte 122,90 Euro. Das Auto ist billiger. Geschätzter Spritpreis für die rund 17 Kilometer: knapp 1,70 Euro. Würde ein gratis Nahverkehr zum Umstieg animieren? In Luxemburg können die Bürger ab dem 1. März kostenlos Bus und Bahn fahren. Weil das Großherzogtum aus allen Nähten platzt, täglich rund 200 000 Pendler aus Anliegerstaaten die Luft mitverpesten, leitet das Land eine große Verkehrswende ein. Gratis Bus und Bahn fahren gehört dazu. Ein Beispiel, das in Vorpommern Schule machen sollte?

Greifswald feilt an Konzept

„Unbedingt“, sagt Monique Wölk, SPD-Politikerin in Greifswald. „Der Nahverkehr spielt beim Klimaschutz eine große Rolle.“ Die Bürgerschaft habe symbolisch bereits im vergangenen Herbst den Klimanotstand ausgerufen und inzwischen einen Maßnahmenkatalog beschlossen. „Der Busverkehr muss so attraktiv werden, dass viele Leute umsteigen“, so Wölk. Das gelte nicht nur für den Stadtverkehr in Greifswald, auch für das Umland. Optimierte Linienführung, erhöhte Taktfrequenz, reduzierte Busfahrpreise – dafür soll die Verwaltung in Abstimmung mit den Verkehrsbetrieben jetzt ein Konzept erarbeiten. Die SPD-Politikerin hofft, dass Ergebnisse rasch vorliegen. „Wenn wir wissen, wie teuer es wird, können wir Maßnahmen im Doppelhaushalt für 2021/22 gleich berücksichtigen“, drückt die Greifswalderin auf’s Tempo.

Fahrgeld die wichtigste Einnahmequelle

Obwohl ein Grüner, sieht Greifswalds Oberbürgermeister das Luxemburger Modell skeptisch. „Untersuchungen haben gezeigt, dass die Einführung des kostenlosen Nahverkehrs alleine keinen wirklichen Beitrag zum Klimaschutz leistet“, begründet Dr. Stefan Fassbinder. Erst eine qualitative Verbesserung des ÖPNV würde zum Umstieg vom Auto in Bus oder Bahn bewegen. „Für Greifswald wäre der größte Gewinn eine Anbindung des Umlandes an den städtischen ÖPNV. Die starren Regularien für den ÖPNV in Deutschland sind dabei jedoch große Hürden“, sagt er. Ins gleiche Horn stößt Henrik Umnus, Geschäftsführer der Verkehrsbetriebe Greifswald GmbH, ein Tochterunternehmen der Stadtwerke, das mit seinen Bussen den Stadtverkehr in der Hansestadt am Ryck durchführt. „Man muss wissen, dass die Fahrgeldeinnahmen in Luxemburg zuletzt nur 10 Prozent ausmachten. Alle andere Mittel kamen bereits vom Staat“, erläutert Umnus. Im Vergleich dazu sei die Finanzierung des ÖPNV in Deutschland wesentlich komplexer. „Die Fahrgeldeinnahmen sind für unseren Betrieb derzeit die wichtigste Einnahmequelle. Diese betragen 55 Prozent der Gesamteinnahmen.“ Darüber hinaus gebe es wenig andere Finanzierungsquellen wie FAG-Mittel und in sehr geringem Maße Investitionszuschüsse. „Das verbleibende finanzielle Defizit wird im steuerlichen Querverbund von den Stadtwerken ausgeglichen.“

„Halbe Weltreise“ durch Stralsund

Kostenloser Nahverkehr – „Ich glaub’, das kriegen wir aber nicht gewuppt“, schätzt der Stralsunder Thomas Haack. Der Hansestädter, der für die Wählergemeinschaft „Bürger für Stralsund“ Sitz und Stimme sowohl in der Stralsunder Bürgerschaft als auch im Kreistag Vorpommern-Rügen hat, setzt andere Prioritäten: „Wir müssen das in den vergangenen Jahren schwache Nahverkehrsangebot auf der Straße in Stadt und Landkreis wieder hochfahren.“ Haack nennt ein Beispiel: „Wer früher mit dem Bus von Grünhufe zum Bahnhof fuhr, ist schnurstracks durchgekommen. Heute gleicht dies einer halben Weltreise, die über den Strela-Park und Knieper Nord führt.“ Anwohner in der Barther Straße seien inzwischen fast komplett vom Bus abgehängt. Haacks Forderung: „Eine höhere Akzeptanz schaffen wir nur, wenn wir alle wieder abholen und das mit einer vernünftigen Taktung.“ Stralsunds Oberbürgermeister Alexander Badrow, der einen kostenfreien Busverkehr für die Stralsunderinnen und Stralsunder „sehr begrüßen“ würde, nimmt schon mal die „Schatulle“ ins Visier. „Ich wäre auch bereit, dafür zusätzliche Mittel aus dem Haushalt bereitzustellen – vorausgesetzt, die Bürgerschaft stimmt dem zu.“ In einem ersten Schritt sollten die älteren Stralsunder dieses Angebot nutzen können, regt Badrow an. „Als Zeichen unserer Anerkennung ihrer Lebensleistung.“

Vorpommern-Greifswald drücken Schulden

„Den Nahverkehr können wir für Vorpommern-Greifswald nicht kostenlos darstellen“, sagt Landkreissprecher Achim Froitzheim. Im Zuge der Kreisgebietsreform habe der Landkreis von den Altkreisen fast 170 Millionen Euro Schulden übernommen. Aktuell seien es noch 140 Millionen, Tendenz sinkend. „Aus den aktuellen Einnahmen kann der Kreis den ÖPNV nicht zu 100 Prozent gegenfinanzieren“, so Froitzheim. „Wir unternehmen seit geraumer Zeit aber schon Klimmzüge, um den öffentlichen Nahverkehr insbesondere für das flache Land attraktiver zu gestalten“, schiebt er hinterher. Beispiele seien der Ilse-Bus, ein Rufbus, der Einwohner von Orten ohne Linienanbindung bis zur nächsten Haltestelle bringt, und das Schülerferienticket.

Spannend: Nahverkehr für einen Euro am Tag

Auch im Landkreis Vorpommern-Rügen habe nach der Kreisgebietsreform für den Landrat ein ausgeglichener Haushalt im Focus gestanden, sagt Frank Kracht. „Als Bürgermeister der Stadt Sassnitz und Mitglied des Kreistages Vorpommern-Rügen (Fraktion Die Linke, Anmerk. d. Red.) bin ich erfreut, dass der öffentliche Nahverkehr endlich die Aufmerksamkeit erfährt, die ihm gebührt.“ Gerade auf der Insel, die in der Saison überlastet und staugeplagt ist, sei ein gut ausgebauter Nahverkehr immens wichtig. „Wir haben großen Nachholebedarf bei Investitionen, brauchen mehr Busse und Busfahrer für einen bedarfsgerechten Ausbau des ÖPNV.“ Als spannend bezeichnet Frank Kracht den für ihn zweiten Schritt: „Mit einer Jahreskarte für einen Euro am Tag den Nahverkehr nutzen.“

Landrat Stefan Kerth: Nulltarif findet keine Wertschätzung

Das will Manuela Schwesig (SPD) für ganz MV. Unser Bundesland soll Modellregion werden, in der die Bürger mit einer 365-Euro-Jahreskarte den Nahverkehr auf Schiene und Straße nutzen können. Attraktiv, kostengünstig – aber nicht kostenlos, so sieht auch das Nahverkehrsmodell für Vorpommern-Rügen für dessen Landrat Dr. Stefan Kerth aus. Warum nicht gratis? „Es gibt europaweit viele Projekte und Erfahrungen und ich weiß von mehreren Regionen in Deutschland, England, Spanien oder Belgien, die den kostenlosen Busverkehr begutachtet und verworfen oder längst wieder eingestellt haben“, sagt er. „Eine Explosion der Kosten – aber auch die Erkenntnis, dass unter einem Nulltarif die Wertschätzung eines Angebotes oft leidet, sind die meistgenannten Gründe.“ Das Finanzielle lässt Kerth nicht außer Acht: „Wir sprechen hier von einem zweistelligen Millionenbetrag, den wir als Landkreis für einen kostenlosen Busverkehr an anderer Stelle einsparen müssten.“

Kostengünstig Bus fahren – das gibt es aber auch schon in Vorpommern. Zum Beispiel auf Rügen. Vorreiter waren die Gemeinden Sellin, Baabe und Göhren, die in Zusammenarbeit mit der Verkehrsgesellschaft Vorpommern-Rügen (VVR) erstmalig im Jahr 2013 ihren Gästen das kostenfreie Busfahren auf Kurkarte anboten. „Inzwischen hat sich daraus erfolgreich ein ganzjähriges Angebot dieser Kommunen und der Gemeinde Mönchgut für die gesamte Halbinsel Mönchgut entwickelt“, sagt VVR-Sprecher Michael Lang. Ähnliche Modelle existieren inzwischen auch für die Gemeinde Binz/Prora und Ribnitz-Damgarten/Dierhagen. In Binz und seit dem 1. Januar dieses Jahres auch in Göhren können sogar Einwohner die Ortsbusse kostenfrei nutzen. Die Finanzierung dieser Modelle erfolgt durch die involvierten Gemeinden.

Fahrgastzahlen mit Kaiserbäder-Card vervierfacht

Der öffentliche Nahverkehr auf der Straße, also der Busverkehr, ist eine kommunale Aufgabe.

In Vorpommern-Rügen führt ihn die Verkehrsgesellschaft Vorpommern-Rügen als Dienstleister für den Landkreis in den drei Bediengebieten Rügen, Hansestadt Stralsund sowie Fischland-Darß-Zingst und Nordvorpommern aus.

In Vorpommern-Greifswald gibt es mehrere Dienstleister. Die Verkehrsbetrieb Greifswald GmbH bedient den Stadtverkehr in der Hansestadt. Im Kreisgebiet sind Busse der Verkehrsgesellschaft Vorpommern-Greifswald mbH sowie weiterer Unternehmen im Einsatz. Auf Usedom führt die Usedomer Bäderbahn mit ihren Bussen den Nachverkehr auf der Straße durch.

Zum Leuchturm avanciert diesbezüglich die Insel Usedom. In den Kaiserbädern Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin können Inhaber der Kurkarte, die Kaiserbäder-Card, seit August 2018 kostenlos das gesamte Busliniennetz der Usedomer Bäderbahn (UBB) nutzen. Nach einer Testphase wurde inzwischen ein Vertrag für den Dauerbetrieb zwischen der Gemeinde Heringsdorf und der UBB geschlossen. Finanzierungsgrundlage ist die Kurtaxe, die zum 1. April des vergangenen Jahres erhöht wurde von 2,50 auf 2,70 Euro in der Hauptsaison und von 1,30 auf 2,10 Euro in der Nebensaison. „Es läuft super“, frohlockt Radek Ciepluch, stellvertretender Leiter für den Busverkehr der UBB. „Die Fahrgastzahlen innerhalb der Kaiserbäder haben sich vervierfacht und sind außerhalb um 30 Prozent gestiegen.“ Das soll Schule machen. „Wir sind mit anderen Gemeinden schon im Gespräch.“ Ziel sei es, die gesamte Insel einzubeziehen, um eine Usedom-Card einzuführen. An einem Finanzierungsmodell – beteiligt werden Urlauber wie Einheimische – wird bereits gefeilt. Noch stehen gesetzlich geregelte Zuständigkeiten im Weg. Doch das sogenannte Standarderprobungsgesetz von MV bietet den Kommunen die Möglichkeit, in Schwerin zu beantragen, dass die gesamte Insel als Modellregion eingestuft wird. Herrschen auf Usedom bald Luxemburger Verhältnisse im Bus?

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Von Udo Burwitz

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