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Usedom Physiotherapie in Not: Verband fordert Besserstellung
Vorpommern Usedom Physiotherapie in Not: Verband fordert Besserstellung
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00:00 15.09.2017
Robert Liedtke, Praxismitinhaber der Pysiotherapie in der Koserower Hanse-Kogge, mit den Azubis Saskia Golibrzuch (M.) und Nele Luxem. Beide bewiesen bei ihrem ersten vierwöchigen Praktikum bereits reichlich Geschick und Engagement in diesem Beruf. Quelle: Foto: Steffen Adler
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Wolgast/Koserow

Der im Nordosten nach wie vor grassierende Fachkräftemangel in Physiotherapeutischen Praxen ist und bleibt akut. Zwischen Ahlbeck und Karlshagen, Wolgast und Zinnowitz dauert es für Patienten Wochen oder gar Monate, einen speziellen Behandlungstermin zu bekommen. Die OZ sprach darüber mit Rainer Großmann, Praxisinhaber und Vorstandsmitglied im Deutschen Verband für Physiotherapie, Länderverbund Nordost, mit Sitz in Berlin.

Ist der Fachkräftemangel bei Physios ein spezielles MV-Problem?

Rainer Großmann: Wir als Länderverbund Nordost sind zuständig für Physiotherapeuten/innen in den Regionen Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. In der Region Berlin-Brandenburg wurde 2014 auf Veranlassung der Ministerien (Brandenburg und Senat Berlin) ein Fachbeirat gegründet, der die Fachkräftesituation im Gesundheitswesen analysieren und Handlungsvorschläge erarbeiten sollte. Dieser Beirat – in dem wir als Berufsverband eingebunden waren – beschäftigte sich ausdrücklich mit der Situation der Therapieberufe in den beiden Bundesländern.

Dabei ging es insbesondere auch um die Ausbildungssituation in Sachen Schulgeldfreiheit und um Hemmnisse zum Berufszugang. Im Juni 2015 wurden die Ergebnisse der Studie vorgestellt. Ziel der Studie war es nicht nur, Erkenntnisse zur Lage auf ausgewählten Teilarbeitsmärkten der Region zu generieren, sondern auch Handlungsspielräume und denkbare Maßnahmen der Fachkräftesicherung zu identifizieren bzw. auf den Weg zu bringen.

Und welche Erkenntnisse gewannen Sie? Und ging es dann weiter?

Im Dezember 2016 haben wir bei einem Treffen mit der Zentralen Arbeitsvermittlung in Berlin erfahren, dass der Beruf „Physiotherapeut/in“ mittlerweile bereits in sechs Bundesländern (Mecklenburg-Vorpommern gehört dazu) zu den Engpassberufen zählt!

Stimmen die Infos von Praxisbetreibern auf Usedom, dass die Kassen gleiche Leistungen in MV deutschlich schlechter vergüten als in allen anderen BL?

Das stimmt nur teilweise, denn beispielsweise die Betriebskrankenkassen in allen neuen Bundesländern vergüten die Leistungen zum gleichen Preis. Der Gesetzgeber hat eine Möglichkeit eröffnet, dass bis zum Jahr 2021 die Preise aller Kostenträger auf einem Niveau sind. Durch das Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetz (HHVG) und die darin verankerte Abkoppelung von der Grundlohnsummenbindung bei den Gebührenverhandlungen hat der Gesetzgeber außerdem bis 2019 die Möglichkeit geschaffen, die Einkommenslücke der Praxisbetreiber sowie der angestellter Therapeuten deutlich zu verringern, was aber auch von der Bereitschaft der einzelnen Kostenträger abhängig ist.

Was sind nach Ansicht des Verbandes die Ursachen für die Misere, außer demografischer Entwicklung, die ja alle betrifft?

Die Zahl derer, die den Beruf Physiotherapeut erlernen wollen, hat im Zeitraum 2005 bis 2013 bundesweit um rund 16% abgenommen. Die Tendenz ist weiter dramatisch. Die sinkenden Schülerzahlen liegen einerseits am demografischen Wandel, denn es gibt nicht genügend Nachwuchs, andererseits aber auch daran, dass der Beruf finanziell unattraktiv ist (hohe Ausbildungskosten / geringe Vergütung im anschließend ausgeübten Beruf). Und das bei einem Beruf, der in der Zukunft eine große Rolle spielen wird, denn durch die demografische Veränderung werden wir bis 2030 weitaus mehr Physiotherapeuten benötigen. Aber die fehlen uns jetzt schon.

Wie kann man gegensteuern?

Um die Attraktivität unseres Berufes zu erhöhen, ist Schulgeldfreiheit für die Ausbildung von Physiotherapeuten eine absolut zentrale Forderung von Physio Deutschland gegenüber der Politik. Falls wir dies nicht gemeinsam mit der Politik, den Krankenkassen und den Trägern der Physiotherapieschulen schaffen sollten, können wir den Fachkräftemangel auf keinen Fall stoppen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die geringe Vergütung für eine physiotherapeutische Behandlung. Damit verbunden sind die sehr niedrigen Einkommen für Physiotherapeuten, insbesondere in den niedergelassenen Praxen. Daher fordert Physio Deutschland eine dauerhafte finanzielle Aufwertung des Berufs des Physiotherapeuten.

Interview: Steffen Adler

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