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Usedom Das Rätsel von Peenemünde ist gelöst: Es war eine sowjetische „MiG“
Vorpommern Usedom Das Rätsel von Peenemünde ist gelöst: Es war eine sowjetische „MiG“
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05:00 23.07.2019
Hobby-Historiker Manfred Kanetzki aus Karlshagen steht vor den Trümmern einer MiG, die vor Peenemünde aus dem Wasser geholt wurde. Die Trümmer liegen beim Munitionsbergungsdienst in Mellenthin auf Usedom. Quelle: Thomas Köhler
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Karlshagen

Die Geschichte um ein bislang unbekanntes Flugzeugwrack auf der Insel Usedom hat nun vorerst ein Ende gefunden. Am 11. Juli wurden durch Mitarbeiter des Munitionsbergungsdienstes sowie des Amtes Usedom Nord Teile eines Flugzeuges vor Peenemünde geborgen. Wie Ordnungsamtsleiter Bernd Meyer seinerzeit mitteilte, wurden die Wrackteile bereits im Frühjahr von Passanten bei Niedrigwasser entdeckt. Die Herkunft des Wracks war allerdings völlig unbekannt. War es ein Bomber aus dem Zweiten Weltkrieg? Ein Jäger oder doch was anderes? Fest stand, dass es sich um ein militärisch genutztes Flugobjekt handelt.

Peenemünde war zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs ein Angriffsziel der Alliierten, da im Inselnorden an der Vergeltungswaffe geforscht wurde. Mehrere Bombenangriffe ergingen über den Ort, hunderte Bomber waren unterwegs. Noch heute sind große Teile des Waldes aufgrund der Munitionsbelastung gesperrt.

Manfred Kanetzki (70) aus Karlshagen erforscht seit mehr als 40 Jahren Heimatgeschichte und setzte sich intensiv mit dem Wrack auseinander. Nach Bekanntwerden der Fundstelle machte er sich zusammen mit Archivar Thomas Köhler vom Historisch-Technischen Museum Peenemünde auf den Weg nach Mellenthin, um den Typ des Wracks herauszufinden.

Galerie: Wrackteile werden aus der Ostsee geborgen

Auf Usedom ist ein Flugzeugwrack aus der Ostsee geborgen worden. Zunächst spekulierten Experten: Es könnte ein US-Bomber sein.

Hobbyhistoriker untersucht Wrack in Mellenthin

„Bei der Betrachtung und Vermessung der geborgenen Wrackteile konnten wir erkennen, dass es sich hier nicht um die Reste des abgestürzten B-24-Bombers handelt“, so Manfred Kanetzki. Zunächst vermutete der Hobby-Historiker – der schon eine Reihe von Büchern über die Geschichte von Peenemünde schrieb – dass es sich um den Bomber handelt. Auch Matthias Schubert (91) aus Wismar sah als 15-jähriger Flak-Kanonier auf dem Ruden eine US-Maschine in die Ostsee stürzen. Die Absturzstelle passte aber nicht mit der Fundstelle von Peenemünde überein.

„Anhand der Größe der Teile konnte es nur ein Jagdflugzeug sein. Nach der Form und der Zuordnung der Wrackstücke musste es sich um eine in der Sowjetunion hergestellte MiG-19PM handeln“, erklärt der Hobby-Historiker. Ein Mitarbeiter des Munitionsbergungsdienstes in Mellenthin machte die beiden Herren auf ein Teilstück des Strahltriebwerkes mit einer Inschrift in lateinischen Buchstaben aufmerksam. „Man konnte die Buchstaben ’NAHORE’ und einige Zahlen erkennen. ’Nahore’ ist ein tschechisches Wort und bedeutet ’oben’“, weiß der Karlshagener.

Die MiG-19 war das erste in Großserie produzierte Überschalljagdflugzeug der Welt. Auch die Luftstreitkräfte der CSSR hatten von 1957 bis 1973 die MiG-19 in den Versionen S und PM im Bestand. In der CSSR wurden von 1958 bis 1963 103 MiG-19S in Lizenz hergestellt. Die Flugzeuge der Version PM kamen aus dem sowjetischen Werk 21 in Gorki (heute Nishni Nowgorod). Bei einem notwendigen Triebwerkswechsel wurden später sicherlich in Lizenz hergestellte tschechoslowakische Triebwerke in die MiG-19PM eingebaut.

Wie kommen die Trümmer einer tschechoslowakischen MiG-19PM nach Usedom?

Manfred Kanetzki fand heraus: „Seit Mitte der 1960er Jahre befand sich im Luftraum östlich von Rügen ein Gebiet, in dem das Schießen auf Luftziele geübt wurde, die sogenannte Luftschießzone II. In dieser Luftschießzone II schossen die Jagdflieger der DDR, CSSR und der sowjetischen 16. Luftarmee mit Luft-Luft-Raketen auf Leuchtbomben, die in großer Höhe abgeworfen wurden.“

Eine Erklärung für die Trümmer vor der Küste ist, dass es bei einer dieser Schießübungen zu einer Havarie kam und das Flugzeug kurz vor der Küste des Peenemünder Sperrgebietes abstürzte. „Sonderbar ist, dass keiner von den einheimischen Armeeangehörigen etwas von dem Absturz und den folgenden Bergungsarbeiten mitbekam“, sagt er. Die größten Teile des Flugzeuges wurden sicherlich damals geborgen und zurück blieben nur die Wrackteile, die jetzt aufgefunden wurden. Bernd Meyer vom Amt Usedom Nord erklärte, dass ein abgerissenes Seil am Wrack hing. „Es deutet darauf hin, dass es schon mal einen Bergungsversuch gab“, sagt er. Die Teile waren bis zu zwei Meter tief im Wasser.

Noch etwas spricht für eine MiG

Und noch ein Merkmal war typisch für die MiG: Das vorhandene Tragflächenende besitzt an der Vorderkante die typische Form der MiG-19 und auch das Höhenleitwerk mit dem Pendelruder entspricht diesem Flugzeugtyp.

„Dass es sich bei der MiG-19 um eine PM handelt, erkennt man an einem charakteristischen Detail, welches nur die PM-Version besaß“, so Kanetzki abschließend. Somit dürfte das Geheimnis um das gefundene Wrack gelöst sein. Es war also kein amerikanischer Bomber, sondern ein sowjetisches Jagdflugzeug.

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