Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Usedom Reaktionen auf Urteile im Maria-Prozess: „Zwölf Jahre sind mir zu wenig“
Vorpommern Usedom Reaktionen auf Urteile im Maria-Prozess: „Zwölf Jahre sind mir zu wenig“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:05 06.09.2019
Rechtsanwältin Sabine Butzke als Vertreterin der Nebenklage mit Marias Mutter Steffi K. und ihrer Oma Margit K. vor der Urteilsverkündung am Freitag im Landgericht Stralsund. Quelle: Tilo Wallrodt
Anzeige
Stralsund

„Es gibt keine gerechte Strafe für diese Tat. Denn meine Tochter und mein ungeborenes Enkelkind kommen nie mehr zu mir zurück. Dennoch bin ich froh, dass sie hart bestraft worden sind und hoffentlich für immer weggesperrt bleiben“, sagte Steffi K. nach der Urteilsverkündung am Freitagmittag in Tränen aufgelöst.

Dann umarmte sie ihre Rechtsanwältin Sabine Butzke, die sie in der Nebenklage vertreten hatte, sowie ihre Mutter Margit K. „Ich wollte meiner Tochter hier noch einmal eine Stimme geben“, sagte die sichtlich durch den Prozess gezeichnete Frau.

Gericht glaubt Aussagen von Niko G. nicht

Das Landgericht Stralsund hatte zuvor die beiden jungen Männer Nicolas K. (19) und Niko G. (21), die ihre Tochter Maria am 18. März dieses Jahres bestialisch mit weit über 30 Stichverletzungen getötet hatten, zu harten Strafen verurteilt. Wegen Mordes aus Heimtücke und Mordlust in Tateinheit mit Schwangerschaftsabbruch wird K. im Maßregelvollzug untergebracht und zu zwölf Jahren Haft verurteilt. G. wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Am Freitag ist vor dem Landgericht Stralsund das Urteil im Fall der ermordeten Maria K. aus Zinnowitz auf der Insel Usedom gesprochen worden. Nicolas K. kommt in den Maßregelvollzug in einer Psychiatrie. Zusätzlich wurde er zu einer zwölfjährigen Jugendhaftstrafe verurteilt. Niko G. erhielt lebenslänglich.

Bei beiden Tätern war die besondere Schwere der Schuld festgestellt worden. Maria hat ihre Mörder ohne Argwohn in die Wohnung gelassen. Niko G.s Behauptung, dass er die Tat nicht wollte und auch die Beine von Maria nicht festgehalten habe, wurde ihm von der Großen Jugendkammer nicht abgenommen. Er habe mehrfach die Möglichkeit gehabt, die Tat zu verhindern und es nicht getan. Auch er habe, wie der 19-Jährige, seine Tötungsfantasien ausleben wollen.

Nicolas K. ohne jede Einsicht und Reue

Nicolas K. aber bescheinigte die Kammer strafmildernde Umstände. Es folgte damit dem forensischen Gutachter, der bei K. eine schwere seelische Abartigkeit und dissoziale Persönlichkeit festgestellt hatte. Richtern und Zuhörern im Saal während der Verhandlung mehrfach die Fassungslosigkeit anzusehen, als K. völlig emotionslos jedes noch so kleine Detail der Tat während seines umfassenden Geständnisses schilderte.

„Das ist ganz selten, dass ein Täter derart voll geständig ist“, sagte die Richterin. Dennoch sei Nicolas K. ohne jede Einsicht und Reue, was sich in seinen fortdauernden Tötungsfantasien manifestiere. Damit ist und bleibe er laut Gericht ein hochgefährlicher Straftäter, vor dem die Allgemeinheit geschützt werden müsse.

Justiz wurde behindert

Mit der Urteilsverkündung am fünften Verhandlungstag ging einer der spektakulärsten Mordprozesse in MV zu Ende. „Beide wollten unbedingt einen Menschen sterben sehen. Maria wählten sie aus, weil sie allein lebte. Beide waren mit Maria eng befreundet beziehungsweise gut bekannt. Dass Maria schwanger war, haben beide billigend in Kauf genommen“, begründete die Vorsitzende Richterin Birgit Lange-Klepsch. Die Justiz habe umfassend ermittelt, sei aber durch Schweigen oder Falschaussagen behindert worden. Die Mörder hätten sonst nicht erst nach vier Wochen, sondern früher überführt werden können.

Der brutale Mord hatte schon im März nicht nur auf der Insel Usedom für Entsetzen gesorgt. In den Tagen danach waren Reporter aus ganz Deutschland und Österreich in Zinnowitz, wie die Dutzenden von Polizisten, auf Spurensuche. Junge Leute, die sich sonst gern im Jugendclub des Ortes getroffen hatten, waren verängstigt. Nach der Festnahme von Niko G. und Nicolas K. blieb die Tat für viele Jugendliche erst recht unfassbar, waren K. und G. doch im Jugendclub ein- und ausgegangen.

Unschuldiges junges Mädchen bestialisch erstochen

Kati A., die mit ihrer Mutter im Jugendclub arbeitet und im Prozess zu den Zeugen gehörte, hatte Maria am 19. März furchtbar zugerichtet in ihrer Wohnung aufgefunden. Nach dem Urteil sagte die 41-Jährige: „Lebenslang für G. sind in Ordnung. Zwölf Jahre Haft für K. sind mir zu wenig, denn er ist trotz der festgestellten psychopathischen Züge ein brutaler Mörder, der ein unschuldiges junges Mädchen bestialisch erstochen hat.“

Noch immer könnten zahlreiche Jugendliche diese wahnsinnige Tat nicht begreifen, zumal während der Verhandlung deutlich geworden sei, dass die Freundin von Nicolas K. und Mutter des gemeinsamen einjährigen Kindes von den Mordplänen wusste, sie nicht verhindert hat und auch nicht zur Polizei ging. Stattdessen log sie, keine Kenntnis gehabt zu haben.

Emotional aufgeheizte Stimmung während des Prozesses

Die Stimmung im Gerichtssaal war während der fünf Verhandlungstage emotional aufgeheizt und an mehreren Tagen durch Zwischenrufe aus dem Publikum und Drohungen seitens des Angeklagten Nicolas K. geprägt. Während der Schilderung der Details der Tat durch Nicolas K. brach Marias Mutter mehrfach weinend zusammen. Auch unter den Zuhörern mussten viele weinen, als Marias Todeskampf und ihr Flehen zur Sprache kamen. Selbst Sabine Butzke als Anwältin konnte während ihres Plädoyers angesichts der Grausamkeit der Tat ihre Tränen nicht zurückhalten.

Seit 1992 wurden in Mecklenburg-Vorpommern etwa 400 Menschen ermordet. Mehr als 90 Prozent dieser Fälle wurden aufgeklärt. Doch auch dreiste Raubüberfälle, Trickbetrugsserien und mysteriöse Skulpturen bewegten in den letzten Jahren das Land. Wir zeigen spektakuläre Kriminalfälle, die in MV für Aufsehen sorgten.

Auch die Gutachter erklärten, in ihrer jahrzehntelangen Tätigkeit bisher nur ganz selten mit einer solch bestialischen Tat und einem so empathielosen und zugleich hochgefährlichen Täter konfrontiert worden zu sein. Einen regelrechten Aufschrei bei den Zuhörern gab es, als der Gutachter berichtete, dass sich K. für seine beste Freundin Maria ein Kreuz auf die linke Wange tätowieren ließ und dieses noch mit ihrem Namenszug versehen will. Die Richterin sprach von einer Trophäe, die er zur Schau trage.

Bastard-Rufe aus dem Publikum

Während der Urteilsverkündung am Freitag war Aggressivität auf beiden Seiten der Mörder ebenso spürbar wie im Publikum, denn es waren wieder zahlreiche Jugendliche aus Zinnowitz angereist. Mit finsterem Blick betrat Nicolas K., wie immer mit Minizopf auf dem sonst fast kahlgeschorenen Schädel, den Gerichtssaal. Noch während des Hineinführens in den Saal mit Fuß- und Handfesseln murmelten mehrere Zuschauer, dass dieser Abschaum für immer weggesperrt gehöre, während K. den Fotografen zu verstehen gab, dass sie sich wegscheren sollten.

Teilnahmslos verfolgten Nicolas K. und Niko G. die Urteilsverkündung. Als sie nach gut einer Stunde den Saal verließen, wurden ihnen aus dem Publikum unter anderem „Bastard“-Rufe nachgeschleudert, was G. mit dem Zeigen des Stinkefingers quittierte. K. riss einem Reporter auf die Frage, wie er das Urteil empfinde, das Mikro aus der Hand, riss die Augen voller Hass auf und sprach eine Drohung aus.

Urteil noch nicht rechtskräftig

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der Pflichtverteidiger von Nicolas K., Axel Vogt, wird gegen das Urteil nicht vorgehen, „denn es folgt im Großen und Ganzen den Forderungen von Staatsanwaltschaft, Nebenklage und mir als Verteidiger. Das Wichtigste ist die zeitlich unbegrenzte Unterbringung im Maßregelvollzug, damit mein Mandant weiter behandelt und regelmäßig begutachtet wird“, so Vogt.

Rene Neumeister, Pflichtverteidiger von Niko G., will mit seinem Mandanten die Möglichkeit der Revision besprechen. Die ist allerdings nur zulässig, wenn es bei der Urteilsfindung einen Formfehler gab.

Spektakulärer Mordprozess im Fall Maria K. – Eine Chronik

6. September: Lebenslänglich und Einweisung in Psychiatrie: Mörder von Maria K. verurteilt

2. September: Mutter von Maria K. spricht zu Mördern ihrer Tochter: „Ich vergebe euch nie“

2. September: Plädoyers im Mord-Prozess Maria K.: Lebenslänglich und Maßregelvollzug gefordert

31. August: Mordfall Maria K. aus Zinnowitz: Diese Strafen erwarten die beiden Täter

29. August: Marias Mörder will sich ihren Namen ins Gesicht tätowieren lassen

29. August: Sprachnachricht vom Mörder: So erfuhr Kevin vom Tod seiner Freundin Maria K.

29. August: Mordprozess Maria K.: DNA-Spuren nähren Zweifel an Aussage eines Angeklagten

23. August: Gewalt, Drogen, Probleme: Das ist über die mutmaßlichen Mörder von Maria K. bekannt

23. August: Mord an Maria K. aus Zinnowitz: Nicolas K. korrigiert sein Geständnis

23. August: Gerichtsmediziner im Mordfall Maria K.: Diese Intensität der Gewalt habe ich selten gesehen

22. August: Mordprozess Maria K.: Hauptangeklagter droht mit „Wir sehen uns wieder“

22. August: Getötete Maria K.: Beste Freundin hätte Mord verhindern können

22. August: Rostocker Gerichts-Gutachter im Interview: So ticken Mörder

22. August: Mutter von Maria K. bricht vor Gericht zusammen: „Meine Tochter fehlt mir so sehr“

22. August: Mord-Prozess in Stralsund: Mutter von Maria K. sagt aus

20. August: Angeklagter: „Da war kein Kick“ – So verlief der Prozessauftakt im Mordfall Maria K.

20. August: Angeklagter zum Mord an Maria K.: „Wir wollten uns nicht schmutzig machen“

20. August: Auftakt bei Mordprozess im Fall Maria K.: Angeklagter zeigt den Mittelfinger

15. August: Erstochene Maria K.: Dieser Mann verteidigt den mutmaßlichen Mörder

Von Cornelia Meerkatz

Am 15. September feiert der Katzenschutzverein Wolgast sein 15-jähriges Jubiläum. Der Werdegang des Vereins ist eine Erfolgsgeschichte. Helfer sind in der Auffangstation Am Strom immer willkommen.

06.09.2019

Mehr Personal für die Kinderbetreuung – das fordern seit Jahren Eltern und Erzieher. Doch ein Vorstoß der SPD-Fraktion im Landkreis Vorpommern-Greifswald wird am Montag im Kreistag wahrscheinlich keine Mehrheit finden.

06.09.2019

Im Prozess um den Mord an der 18-jährigen Maria K. aus Zinnowitz wurde am Freitag das Urteil im Stralsunder Landgericht gesprochen.

06.09.2019