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Usedom Saxophon-Wunder Jan Garbarek begeistert Publikum in Ahlbecker Lokschuppen
Vorpommern Usedom

Saxophon-Wunder Jan Garbarek begeistert Publikum in Ahlbecker Lokschuppen

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10:49 04.10.2021
Saxophon-Wunder Jan Garbarek begeisterte während des Konzertes in Ahlbeck auf Usedom die Zuhörer. Rechts: Trilok Gurtu aus Indien am Schlagzeug und den Percussions.
Saxophon-Wunder Jan Garbarek begeisterte während des Konzertes in Ahlbeck auf Usedom die Zuhörer. Rechts: Trilok Gurtu aus Indien am Schlagzeug und den Percussions. Quelle: Geert Maciejewski
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Ahlbeck

Lokschuppen stehen eher weniger im Ruf, Orte besonderer kultureller Ereignisse zu sein. Aber wie so oft: Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. In diesem Falle war es – zum wiederholten Male – die Usedomer Bäderbahn, die am Sonnabend ihre Großgerätehalle in Ahlbeck, noch immer Lokschuppen genannt, dem Usedomer Musikfestival zur Verfügung stellte.

Damit ermöglichte sie ein Konzert, das sowohl in den Festival-Annalen als auch im Gedächtnis der Besucher als im Wortsinne besonderes Ereignis fest verankert sein dürfte: Das Gastspiel des norwegischen Saxophon-Wunders Jan Garbarek und seiner überhaupt nicht weniger wunderbaren Mitstreiter an Flügel und Keyboard (Rainer Brüninghaus, Deutschland), Bassgitarre (Yuri Daniel, Brasilien) und Schlagzeug (Trilok Gurtu, Indien).

Warmer Sound und einmalige Eindrücke

Es war ein unvergessliches Konzert, ein Nachklang der Norwegen gewidmeten Saison des Usedomer Musikfestivals aus dem Jahr 2020, der noch lange nachwirkt. Und ein Höhepunkt, den das Festival dank der Kaiserbäder Insel Usedom und der Usedomer Bäderbahn in die Lokhalle im Seebad Ahlbeck brachte. Jan Garbareks warmer, melancholischer Sound eroberte die Herzen des Publikums im Sturm. Das Saxophon sang regelrecht dank seines kreativ-perfektionierten Stils – sang mit seinem Atem und mit den anderen Stars aus Jazz und Weltmusik.

Saxophon-Wunder Jan Garbarek begeisterte während des Konzertes in Ahlbeck auf Usedom die Zuhörer. Quelle: Geert Maciejewski

Dieses Quartett loben zu wollen, grenzt schon fast an Überheblichkeit, und Kritik verbietet sich von selbst. Aber Eindrücke beschreiben darf man schon, denn sie sind in dieser Form wohl einmalig. Sie gründen auf den spieltechnisch immensen Fertigkeiten dieses Quartetts, die allerdings ohne das beeindruckende Potential an kreativem Umgang mit Instrument und jeweiliger Musik künstlerisch bedeutungslos wären.

Die faszinierende Gesamtwirkung resultiert aus der Fähigkeit, den umwerfend fantasievollen Umgang mit musikalischem Material, den Einfällen, dem Arrangement und der Präsentation geradezu suggestiv zu nutzen und die Hörerinnen und Hörer – wie in diesem Falle – in pausenlosen knapp einhundert Minuten buchstäblich in Atem zu halten.

Entfesselt wirkendes Spiel

Was da in staunenswerten Soli, fesselnden Duetten oder fast sinfonisch-konzertanten Ensembles an geballter Musikalität über die Rampe kommt, besitzt alle Merkmale eines hochexpressiven, nicht selten geradezu entfesselt wirkenden Spiels. Und da ist man dann schnell drin: in einer strukturell komplett durchgestylten Klangwelt von verblüffender Farbenvielfalt, aufreizender Kontrastschärfe sowie hin und her rüttelnder Gefühlshaftigkeit. Man ist Zeuge eines Musizierstils zwischen schlichtem Singen (auch Folklore), sichtlich lustvoll ausgelebtem Fabulieren auf meisterlich gehandhabten Instrumenten und exaltiertem Jazz.

Da hört man nicht einfach nur zu, da ist man beteiligt, wird ein-, ja hineingezogen. Garbarek ist der Star, aber einer unter mehreren. Er verzaubert, wie immer, mit ganz eigener Tonwelt, ist aber Teil eines Ganzen, zu dem unglaubliche Klavierleistungen, ein so gar nicht Null-Acht-Fünfzehn-Bass und der exorbitante Schlagzeuger gehören. Spektakulär das Ganze, ganz sicher, aber auf die höchst substanzielle, erstaunlich unprätentiöse Art.

Darin liegt ihre Wirkung, ihre künstlerische Bedeutung! So sieht es auch Gerd-Peter Irkens, einer der Förderer des Usedomer Musikfestivals und Gabarek-Fan. „Dieses Konzert war einfach grandios. Solche Weltklassestars – das sind sie ja durch die Bank alle – live zu erleben, ist etwas ganz Besonderes. Um so mehr freue ich mich, dass ich mithelfen durfte, dieses Konzert zu ermöglichen“, sagt der Inhaber der Oase am Haff in Zirchow.

Jan Garbarek (Saxophon), Trilok Gurtu (Schlagzeug/Percussion), Yuri Daniel (Bass) und Rainer Brüninghaus (Klavier/Percussion) lieferten ein Konzert der Extraklasse ab Quelle: Geert Maciejewski

Improvisationen mit großer Raffinesse

Garbarek gibt seit über 50 Jahren Zeugnis von seiner Kreativität. „Die menschliche Stimme ist mein Ideal“, sagt er von sich und seiner Arbeit. Er war es, der Norwegen zum Jazz-Land machte und das internationale Publikum nach Nordeuropa blicken ließ. Er ist es aber auch, der bei jedem seiner Auftritte den Musikern seiner Gruppe genügend Raum einräumt, um als eigenständiger Star wahrgenommen zu werden.

Und so fragten sich am Sonnabend nicht wenige Gäste, wer da wohl der eigentliche Star des Abends war – Garbarek oder Trilok Gurtu, ein Schlagzeuger und Percussionist der Extraklasse, der schon zu DDR-Zeiten mit Günter Fischer musizierte und der von den Drums über indische Trommeln bis hin zum mit Wasser gefüllten Zinkeimer so ziemlich auf und mit allem Musik macht.

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So bleibt als Resümee dieses Abends im Lokschuppen: Was die Garbarek Group hinlegte, war atemberaubend, vergleichbar mit dem Unterschied zwischen Hausmannskost und Sterneküche: Nur, dass man hier gleich vier Sterneköche erleben konnte, die mit großer Raffinesse improvisierten, nie bei Schema F stehen blieben, immer wieder neue musikalische Ideen im mitreißenden Fluss der Klänge, Melodien und Rhythmen entwickelten und dank der ihnen eigenen Kreativität diesem Supermenü die besondere Würze verliehen.

Von Ekkehard Ochs und Cornelia Meerkatz