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Usedom Spektakuläre Pipeline-Ausstellung: Archäologen zeigen über 10.000 Kulturschätze
Vorpommern Usedom

Spektakuläre Pipeline-Ausstellung: Archäologen zeigen über 10.000 Kulturschätze

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13:21 01.02.2020
Wolgasts Museumsleiter Stefan Rahde zeigt eine Doppelseite des Katalogs, der zur Ausstellung über die Pipeline-Archäologie in Vorpommern erschienen ist. Quelle: Tom Schröter
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Wolgast

Fünf Jahre lang, von 2007 bis 2012, begleiteten mehrere Grabungsteams des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern den Bau der großen Gastrassen OPAL (Ostseepipelineanbindungsleitung) und NEL (Nordeuropäische Erdgasleitung). 340 Kilometer lang und 30 Meter breit zogen sich die Leitungsgräben durch das Bodenarchiv unseres Bundeslandes. Dabei beförderten die Archäologen mehrere 10 000 Zeugnisse der Vergangenheit ans Tageslicht, die allesamt dokumentiert wurden und Aufschluss geben über das menschliche Leben in Vorpommern von der Steinzeit bis in das 20. Jahrhundert.

Zusammengefasst wurden die Ergebnisse in der Sonderausstellung „Pipeline: Archäologie“, die ab dem 30. April im Saal des Wolgaster Museums Kaffeemühle präsentiert werden soll. „Nach Groß Raden, Greifswald, Neubrandenburg und Wismar sind wir in Wolgast die erste kleinere Institution, die diese Schau zeigen kann“, freut sich Museumsleiter Stefan Rahde, der am Aufbau der Exposition 2014 persönlich beteiligt war. Die Ausstellung umfasst 239 außergewöhnliche Schätze, die beim Bau der beiden großen Erdgastrassen entdeckt wurden, und gilt als ein zugkräftiger Publikumsmagnet: Allein im Pommerschen Landesmuseum in Greifswald fanden sich etwa 3000 Gäste ein, um die unterschiedlichen Artefakte zu bewundern.

Auch diese zum Anhänger umgearbeitete Goldmünze aus dem 6. Jahrhundert n. Chr., die nahe Gustebin im Landkreis Vorpommern-Greifswald gefunden wurde, ist Bestandteil der Pipeline-Ausstellung. Quelle: Landesamt für Kultur und Denkmalpflege MV

„Die Funde sind vielfach spektakulär“, sagt Rahde. Dabei verweist er zum Beispiel auf einen Anklamer Hacksilberfund mit Stücken aus dem 8. Jahrhundert, auf dekorierte pommersche Fibeln (Gewandspangen), römische Münzen, Keramik, Waffen, eine Stielpfeilspitze aus Feuerstein, mit der vor rund 12 000 Jahren Rentiere gejagt wurden, und auf eine zum Anhänger umgearbeitete Goldmünze aus dem 6. Jahrhundert. Dargeboten werden die Funde entlang einer virtuellen Trasse; Themeninseln tauchen in verschiedene historische Zeitebenen ein.

Teilweise haben die archäologischen Grabungen zu völlig neuen Erkenntnissen in der Landesgeschichte geführt. So wurde das mit 5500 Jahren älteste Haus in Mecklenburg-Vorpommern in der Nähe von Glasow entdeckt. Die vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege konzipierte Schau zeigt MV als vielschichtig gewachsene Kulturlandschaft im europäischen Kontext. Die Ausstellung wird in Wolgast durch mehrere Vorträge vertieft. Am 13. Mai gibt Dominik Forler eine Übersicht zu den jüngsten Grabungen im Zuge der Verlegung der Europäischen Gas-Anbindungsleitung EUGAL. Am 20. Mai spricht Dr. Sebastian Lorenz über „Wenn der Bagger ein Fenster zur Erdgeschichte öffnet – Landschaftsgeschichtliche Einblicke im Zuge der Baumaßnahmen der Erdgastrassen OPAL, NEL und EUGAL“.

Eine Schreibmaschine aus dem Kriegsgefangenenlager Sülstorf 1945, Landkreis Ludwigslust-Parchim. Quelle: Dietmar Lilienthal

Aus Sicht unseres Museums wird 2020 ein ziemlich archäologisches Jahr“, verkündet Museumschef Rahde. Bereits am 1. April hat er den Vortrag „Das Tollensetal – Europas ältestes Schlachtfeld“ im Programm. Referent Dr. Joachim Krüger entführt seine Zuhörer auf die aufsehenerregende bronzezeitliche „Schlachtfeld“-Fundstelle nördlich von Altentreptow, die seit 2009 erforscht wird.

Ein weiterer historisch-kultureller Höhepunkt wird am 30. Mai die Wiedereinweihung der St. Gertrud-Kapelle anlässlich ihres 600-jährigen Bestehens sein. Das Innere des wertvollen, zwölfeckigen Sakralbaus auf dem Alten Friedhof in Wolgast ist in den vergangenen Monaten aufwendig restauriert worden. „Die Wiedereröffnung der Kapelle wird mit mehreren musikalischen Beiträgen einhergehen“, so Rahde.

Diese Kragenflaschen aus der Zeit 4100 bis 2800 v. Chr. wurden bei Steinfurth im Landkreis Vorpommern-Greifswald entdeckt. Quelle: Dietmar Lilienthal

Auch auf eine Kulturnacht am 15. August dürfen sich die Wolgaster und ihre Gäste wieder freuen. Vom 21. bis zum 23. August wird das 130-jährige Bestehen des Eisenbahnfährschiffs „Stralsund“ begangen und am 24. Oktober steht wiederum ein Manufakturtag in der Kaffeemühle auf dem Veranstaltungskalender.

Von Tom Schröter