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Usedom „Wir müssen raus aus dem Jammertal“
Vorpommern Usedom „Wir müssen raus aus dem Jammertal“
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08:55 07.04.2018
Michael Sack (44), CDU-Kandidat für die Landratswahl Vorpommern-Greifswald am 27. Mai. Sack ist Bürgermeister von Loitz und Präsident des Kreistages Vorpommern-Greifswald. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Quelle: Degrassi Katharina
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Wolgast/Greifswald

Wirtschaftsförderung zur Chefsache machen, das Schicksal in die eigene Hand nehmen, mehr Aufgaben vom Kreis an die Gemeinden deligieren – Mit diesen Ideen wirbt Michael Sack, CDU-Landratskandidat, um die Stimmen der Wähler. Die OSTSEE-ZEITUNG traf den Loitzer Bürgermeister und Kreistagspräsidenten zum Interview. Leser konnten vorab ihre Fragen schicken.

Die OSTSEE-ZEITUNG stellt in einer Serie alle sieben Kandidaten zur Landratswahl vor. Zum Auftakt: Kreistagspräsident Michael Sack (CDU). Die Einwohner von Vorpommern-Greifswald sind am 27. Mai aufgerufen, einen neuen Landrat zu wählen.

OZ: OZ-Leser Sebastian Müller ist überzeugt, dass der künftige Landrat jetzt Dinge verspricht, die er später nicht halten kann. Was entgegnen Sie solchen Skeptikern?

Michael Sack: Er muss mich wählen, damit ich ihn vom Gegenteil überzeugen kann.

Verstehen Sie den Frust, den viele Menschen im Kreis haben?

Sack: Ja, den verstehe ich sehr gut. Es ist nicht alles gut. Der Frust entsteht aber auch, wenn ich selbst nicht nach vorne gehe und mit anpacke. Das ist ein stückweit das Problem der Vorpommern. Wir warten ab, dass uns jemand Arbeit gibt. Dabei müssen wir unsere Geschicke selbst mehr in die Hand nehmen, müssen in die aktive Rolle kommen. Wenn man Vorpommern aus der Schweriner Brille sieht, ist es ein ewiges Jammertal.

Es gibt also keinen Grund zu jammern?

Sack: Doch. Aber jammern sollte man erst, wenn man eine Idee hat und einem niemand bei der Umsetzung hilft. Es liegt künftig an uns, mit guten Ideen unser Vorpommern zu gestalten.

Der Konsum im Dorf hat dicht gemacht, der Jugendclub auch, der Bus fährt nur einmal am Tag. Was können die Menschen anpacken?

Sack: Nehmen wir den Rufbus Ilse. Das ist ein ganz neues Projekt, das wir in Loitz entwickelt haben. Die Einwohner können den Bus anrufen, der holt einen von der Bushaltestelle ab und bringt ihn zum Beispiel zu den Hauptlinien. Der Rufbus verbindet aber auch Dörfer, zwischen denen es bislang keine Verbindung gab. Der Landkreis hat das Projekt im Dezernat von Dirk Scheer nun dankbarer Weise aufgegriffen. Die Vorarbeit dazu ist bei uns gelaufen. Wir haben einen Fragebogen verteilt und analysiert, wann die Menschen wo hinfahren wollen und warum. Dabei kam heraus, dass es beispielsweise ein Problem ist, dass in den Ferien kein Schülerbus fährt und die Leute nicht zum Arzt kommen.

Für jeden individuell zu fahren, wird teuer.

Sack: Stimmt. Ich halte es trotzdem für ein interessantes Modell. Das Land macht sich bei der Finanzierung des Öffentlichen Personennahverkehrs einen schmalen Fuß. Die Mittel werden jährlich um zwei Prozent gestrichen. Das Land lässt die Kreise alleine.

Sie fordern also mehr Unterstützung vom Land?

Ja, ganz klar. Das ist kein Jammern, sondern die klare Ansage, dass wir als Landkreis mit einer immens großen Fläche bei geringer Bevölkerungsdichte anders aufgestellt sind als der Landkreis Rostock. Ich erwarte, dass das Land seine ausgleichende Funktion wahrnimmt. Es kann nicht sein, dass wir mit den gleichen Mitteln auskommen müssen und deswegen gezwungen sind, Buslinien einzustampfen.

OZ-Leser Alexander Vaetter fragt, welches Wirtschaftskonzept Sie verfolgen? Sind sie Anhänger des Monetarismus oder vom Keynesianismus?

Weder noch. Der Landkreis ist Wirtschaftsförderer. Er kann bei Erweiterungen und Problemlagen unterstützen. Unternehmen sollen das Rückgrat der Gesellschaft sein. Die Menschen kommen nur zu uns, wenn sie hier auch Arbeit finden. Wir müssen bei der Wirtschaftsförderung deutlich zulegen, uns als Dienstleister besser aufstellen, bei den Verfahren schneller werden. Da können wir uns einiges von Vorpommern-Rügen abgucken.

Was macht der Nachbarlandkreis aus Ihrer Sicht besser?

Vorpommern-Rügen hat einen Wirtschaftsförderer innerhalb der Kreisverwaltung, der als Lotse fungiert. Er nimmt die Unternehmen, die investieren wollen an die Hand und kümmert sich darum, dass in der Verwaltung alles schnell läuft. Wirtschaftsförderung ist Chefsache. Wir müssen eine Stelle schaffen, die dicht am Landrat dran ist.

Trotzdem bleiben wir regional betrachtet weit ab vom Schuss.

Wer will denn so ein Jammertal. Es muss sich rumsprechen, dass Investoren in Vorpommern-Greifswald gut betreut werden und dass es hier zügig vorangeht. Wir müssen Erfolge produzieren, über die dann erzählt wird.

OZ-Leser Enrico Naumann schimpft auf die Bundespolitik. Wann hauen die Handlanger von Merkel endlich ab, schreibt er. Wie stehen Sie zur Bundeskanzlerin Angela Merkel?

Ich schätze sie. Seit ich Landratskandidat bin, habe ich häufiger mit ihr zu tun. Sie ist eine absolut kluge Frau, die wahnsinnig kommunikativ ihre Linie hält. Sie agiert ruhig, sachlich und zielstrebig. Die Frage ist doch, wer sollte es besser machen? Ich sehe da niemanden. Wir müssen Angela Merkel in Vorpommern-Greifswald für unsere Probleme gewinnen. Stralsund versteht sich da besser. Nehmen wir den Breitbandausbau. Da ist Vorpommern-Rügen uns meilenweit voraus.

Meinen Sie, dass wieder so viele Menschen aus Protest AfD wählen?

Schwer zu sagen. Der Frust im ländlichen Raum ist nach wie vor groß. Ich kenne viele Unternehmer, die AfD wählen, um zu zeigen, so gehts nicht weiter. Sie sagen: Wenn ein Unternehmen einen Tag zu spät Steuern zahlt, steht der Zoll vor der Tür, und auf der anderen Seite leben hier Menschen, die noch nicht mal wissen, wie der Landkreis heißt.

Was antworten Sie denen?

Geht es dir schlecht? Hast du genug Aufträge, kannst du dir einen guten Urlaub leisten? Dann sagen sie meistens ja. Wo ist dann das Problem, wenn du etwas abgibst? Aber darauf kriege ich keine Antwort. Geht es uns wirklich schlecht? Vielleicht haben wir ein Stück weit vergessen, wo wir vor fast 30 Jahren hergekommen sind? Wer trägt die Last dieses Staates? Die Mittelschicht. Das ist das Rückgrat unserer Gesellschaft. Die großen Unternehmen zahlen oft keine Steuern. 78 Prozent der Unternehmen in Loitz zahlen keine Steuern.

Sie haben die Arbeit des Sozialdezernenten Dirk Scheer angesprochen. Er tritt als parteiloser Kandidat für die Landratswahl an. Wie schätzen Sie seine Arbeit ein?

Gut, ich würde sehr gerne mit ihm zusammenarbeiten. Die Wähler können jetzt entscheiden, ob sie beide haben wollen oder nur einen.

Würden Sie als Landrat etwas am Aufbau der Verwaltung ändern?

Aus jetziger Sicht nicht. Ich denke, wir werden auch künftig an den Standorten Greifswald, Anklam und Pasewalk mit der Kreisverwaltung, sowie den Außenstellen bleiben. Pasewalk ist sehr gut ausgebaut und auch in Greifswald werden gute Bedingungen für die Mitarbeiter geschaffen, für den Standort Anklam müssen noch gute Arbeitsbedingungen geschaffen werden. Ich denke jedoch, dass der Kreis künftig auch mehr Aufgaben an die Gemeinden übertragen muss.

Wie meinen Sie das?

Zum Beispiel stellt die Stadtverwaltung Loitz im Auftrag des Kreises Anspruchsberechtigungen für die Kitas aus. Im Gegenzug gibt es eine Kostenerstattung vom Kreis. Das planen wir auch für die Kfz-Ab- und -Ummeldung. Es kann doch nicht sein, dass Autofahrer deswegen nach Anklam fahren müssen. Entscheidungen müssen wieder möglichst zu den Menschen, vor Ort. Es ist oft sinnvoller, dass der Bürgermeister oder eine Gemeinde eine Entscheidung trifft als jemand, der einen halben Tag Anfahrtsweg hat und die Ortslage nicht kennt. Für den Bürger ist es aus meiner Erfahrung nicht entscheidend, wer zuständig ist, sondern dass er Hilfe bekommt. Bürgernähe kann durch die Verwaltung vor Ort erreicht werden, aber künftig wird die Erreichbarkeit über das Internet viel wichtiger sein. Dabei spielen der Breitbandausbau und die damit verbundenen neuen Möglichkeiten eine entscheidende Rolle.

Ina Blau aus Loitz kritisiert, dass Sie als Bürgermeister die 2016 errichteten Windkraftanlagen nicht verhindert haben.

Das Genehmigungsverfahren wird im Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt (Stalu) geführt. Die Gemeinden werden angehört. Sagt die Gemeinde ja, läuft das Verfahren durch. Die Stadtvertretung Loitz hat nein gesagt mit den vorgebrachten Begründungen; wir wollen keine Windkraftanlagen, sie ist zu dicht an der Wohnbebauung, die Feuerwehr kann den Brandschutz nicht gewährleisten. Die Antwort des Stalu war, dass das keine Gründe sind, die wir als Gemeinde zu prüfen haben. Wir konnten keine rechtlich relevanten Gründe vorbringen, die einer Genehmigung entgegen standen.

Degrassi Katharina

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