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Vorpommern Vorpommerns Kinder, bitte zum Check-up!
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13:43 26.08.2019
Frieda Fröhlich lässt sich für die SNiP-II-Studie durchchecken. Neben Sehtests und motorischen Aufgaben wird natürlich auch der Puls gemessen, hier von Liane Triebwasser (li.). Quelle: Anne Ziebarth
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Greifswald

Frieda Fröhlich knibbelt an dem Pflaster, das vor ihrem linken Auge klebt. „Nicht schummeln!“, ruft Liane Triebwasser und hält einen Block mit einem kleinen Symbol hoch. „Sag mir lieber, was Du siehst.“ Die Fünfjährige konzentriert sich. „Ein Haus“. Genau! Doch in der Universitätsmedizin findet nicht etwa nur ein Test auf Kurzsichtigkeit statt, Liane wird noch vermessen, muss motorische Tests absolvieren und Fragen beantworten. Sie ist Teil einer der größten medizinischen Studien zur Verbesserung der Gesundheit von Kindern in Deutschland – der SNiP-Studie. Anders als bei der ähnlich klingenden SHIP-Studie, steht hier nicht die Gesamtbevölkerung Vorpommerns im Mittelpunkt, sondern es geht nur um die Kleinen.

Wie ist es den Kindern nach der Geburt ergangen?

Angeborene Erkrankungen gehören zu den häufigsten Ursachen einer notwendigen medizinischen Betreuung im Neugeborenenalter, einige dieser Erkrankungen sind erblich bedingt, bei anderen ist der Grund aber unklar. Die Studie untersucht Zusammenhänge zwischen Faktoren wie Stillzeit, Medikamenteneinnahme, aber auch Gewicht der Mutter mit der Gesundheit der Kinder. Hierfür gibt es nicht nur umfangreiche Befragungen der Eltern und Untersuchungen des Kindes nach der Geburt, auch zur Nachuntersuchung werden die Kinder geladen. So können die Wissenschaftler beurteilen, wie sich die Jungen und Mädchen gesundheitlich entwickelt haben. Wie jetzt Frieda Fröhlich.

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Auch Schlafverhalten oder der Medienkonsum wird abgefragt

„Natürlich machen wir mit“, sagt ihre Mutter Ariane Fröhlich aus Greifswald. „Ohne solche Untersuchungen kann das Krankenhaus ja keine Wege finden, wie man den Kindern besser helfen kann.“ Auch die Eltern werden noch mal interviewt. „Schwerpunkte der Nachbefragung sind unter anderem die Stilldauer und Einführung der Beikost, die Nutzung sozialer Netzwerke in und nach der Schwangerschaft, die Qualität und Einschätzung von Hilfs­an­geboten in der Elternzeit“, erklärt Studienleiter Prof. Matthias Heckmann, zudem „der Medienkonsum und sportliche Aktivitäten der Kinder, Unfälle im Kleinkindesalter, chronische und akute Erkrankungen der Kinder sowie das Schlafverhalten der Kinder und Eltern.“

Auswertungen werden noch Jahre dauern

Die Datenmengen, die im Rahmen der zwei Kohorten SNiP I und SNiP II erhoben wurden, sind enorm, die Auswertungen werden noch lange dauern. Rund 240 Faktoren werden pro Mutter-Kind-Gespann untersucht und mit der Folgeuntersuchung abgeglichen – eine gigantische Puzzlearbeit. Immerhin haben an der ersten Studie SNiP I von 2002 bis 2008 rund 6000 Kinder teilgenommen, an der SNiP II (2013 bis 2018) rund 3500. „Damit sind die Studien populationsbasiert, das bedeutet, dass wir einen fast kompletten Überblick über den Gesundheitszustand der in der Region geborenen Kinder bekommen können“, erklärt Studienärztin Anja Lange, die auch als Oberärztin auf der Neugeborenenstation tätig ist. „Wir haben 90 Prozent aller in Vorpommern-Greifswald geborenen Kinder erfasst, 80 Prozent haben an der Studie teilgenommen. Das ist einmalig und spricht für hoch motivierte Eltern. “

Stillen wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus

Viele der Daten bieten den Forschern Stoff für Dissertationen und neue Erkenntnisse. „Ein Aspekt betrifft beispielsweise die Hüftdysplasie, die angeborene Fehlstellung der Hüfte beim Neugeborenen“, beschreibt . „Hier wurde deutlich, dass die bisherige Untersuchung des Neugeborenen im Rahmen der U3-Untersuchung zu spät erfolgt“, so Lange. „Würde man das Screening im Rahmen der U2-Untersuchung durchführen, wären die Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung ohne OP höher.“ Auch das Stillverhalten der Mütter nach der Geburt wurde unter die Lupe genommen. „2006 hat Professor Marek Zygmunt auf der Frauenklinik das sogenannte Roaming-in eingeführt“, sagt Anja Lange. „Das bedeutet, dass die Neugeborenen dauerhaft im Raum der Mutter bleiben können.“ Das habe zur Folge, dass die Mütter häufiger stillen. „Wir wissen bereits, dass Stillen einen positiven Effekt auf die Gesundheit der Kinder hat, es gibt weniger Adipositasfälle bei den Kindern, aber auch weniger Allergien“, so die Ärztin. Jetzt erhoffe man sich genauere Aussagen aufgrund der Datengrundlage. „Man kann aber jetzt schon sagen, dass die Entscheidung, das Roaming-in in der Klinik einzuführen, richtig war.“

Fragebögen online oder per Post

Allerdings haben sich noch nicht alle Eltern von Kindern des Jahrgangs zurückgemeldet. „Es waren ja auch Schulferien“, gibt Anja Lange zu bedenken. Aber bisher ist der Rücklauf noch sehr gering. Es gebe die Möglichkeit, die Fragebögen im Internet auszufüllen, auf Wunsch werden sie aber auch zugeschickt.

SNiP-Studie Vorpommern

Mit der SNiP-Studie (Survey of Neonatem in Pomerania) sollen wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen werden, um Krankheiten zukünftig möglichst zu vermeiden oder frühzeitig erkennen zu können. Es ist eine der größten systemati­schen Studien, die Daten von der Schwangerschaft bis hin zum Neugeborenen im Kontext mit soziodemo­gra­fischen und genetischen Faktoren analysiert.

Die Neugeborenenstudie SNiP I wurde 2002 in Greifswald und im damaligen Landkreis Ostvorpommern unter Einbeziehung aller Entbindungseinrichtungen und Kinderkliniken in Greifswald, Wolgast und Anklam gestartet. Bis Ende 2008 wurden über 6800 Neugeborene mit ihren Gesundheitsdaten in die Studie SNiP I aufgenommen.

Die zweite Studie (SNiP II) fand von 2013 bis 2018 statt und umfasste rund 3500 Mutter-Kind-Paare. Jetzt starten die Nachuntersuchungen des Geburtenjahrgangs 2013. Eltern, die an dieser Studie teilgenommen haben, werden gebeten, den entsprechenden Fragebogen im Internet auszufüllen oder sich an die Universitätsmedizin Greifswald zu wenden. (Tel. 038 34 / 86-19 889). 

Von Anne Ziebarth