Experten-Interview

Müssen sich junge Leute in MV wirklich keine Sorgen über Corona machen?

Prof. Karsten Becker. Der Facharzt ist Mikrobiologe, Virologe und Infektionsepidemiologe in Greifswald.

Prof. Karsten Becker. Der Facharzt ist Mikrobiologe, Virologe und Infektionsepidemiologe in Greifswald.

Greifswald. Auch wenn Kinder und Jugendliche normalerweise nicht zur Corona-Risikogruppe zählen, sollte dem Nachwuchs das Virus nicht egal sein, meint Prof. Dr. Karsten Becker. Der Facharzt ist Mikrobiologe, Virologe und Infektionsepidemiologe in Greifswald. Seit 2019 ist der Spezialist Direktor des Friedrich-Loeffler-Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Universitätsmedizin Greifswald und beschäftigt sich seit Jahren unter anderem mit der Vorbeugung von Infektionskrankheiten.

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Junge Leute machen sich nur wenig Sorgen um das Coronavirus. Kann ihnen wirklich nichts geschehen?

Mit dem neuen Coronavirus können sich Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene genauso anstecken wie ältere Personen. Das Risiko, schwer zu erkranken, ist jedoch für junge Leute viel geringer als bei älteren Menschen. In den meisten Fällen bekommen sie nur milde Zeichen einer Erkrankung, wie leichten Husten oder Schnupfen, seltener Fieber oder Durchfall. Bisher sind nur wenige Fälle von schweren Erkrankungsverläufen bei Kindern bekannt. Wenn junge Leute allerdings bisher schon ständig unter Atembeschwerden leiden oder ihr Immunsystem geschwächt ist, kann man schwere Verläufe nicht ausschließen.

Klingt so, als müssten sich junge Leute tatsächlich keine Sorgen machen. Warum lässt man dann den Nachwuchs nicht in Kitas und nur zögerlich in Schulen?

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Das Problem liegt in der leichten Übertragung des Virus innerhalb von Gruppen, die enge und langandauernde Kontakte haben, also zum Beispiel miteinander spielen oder lernen. So könnten bisher Nichtinfizierte sich sehr schnell über den Kontakt zu unentdeckt Infizierten anstecken und das Virus in ihre Familien hineintragen. Das könnte zu fatalen Folgen gerade für ältere und/oder vorerkrankte Menschen führen. Übrigens gilt das gleiche Übertragungsrisiko auch für gemeinsames Sporttreiben oder das Aufsuchen von Musikevents oder dergleichen. Wenn in nächster Zeit der Schulbetrieb wieder Stück für Stück aufgenommen werden sollte, kommt den jungen Leuten eine große Verantwortung zu. Gemeinsam mit den Lehrern gilt es, Übertragungen bestmöglich zu verhindern. Gerade in der Schule sollte dann voneinander Abstand gewahrt werden und häufig und gründlich die Hände mit Seife gewaschen werden, mindestens nach dem Aufsuchen der Toilette und unmittelbar nach Rückkehr in die Wohnung. Mein Rat wäre, gemeinsam mit den Lehrern an die jeweilige Situation vor Ort angepasste Konzepte zu entwickeln und mit Fachleuten abzustimmen, diese ständig auf ihre Wirksamkeit zu überprüfen und anzupassen, und untereinander – nett, aber bestimmt –auf deren Einhaltung zu achten. Ein kumpelhaftes „Drüberhinwegsehen“ bei Verstößen ist nicht nur leichtsinnig, sondern kann zum Beispiel die Familie der Freundin oder des Freundes gefährden.

Gibt es überhaupt Corona-Fälle bei Jüngeren in MV oder in Deutschland, gar Tote?

Die Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie erfasst von derzeit 51 meldenden Zentren Informationen zu Kindern, die mit dem neuen Coronavirus erkrankt sind. Nach diesen Daten sind deutschlandweit derzeit knapp über 100 Kinder in ein Krankenhaus aufgenommen worden, davon sind mehr als die Hälfte bereits wieder als gesund entlassen worden. Von den stationär aufgenommenen Kindern sind elf Kinder so schwer erkrankt, dass sie eine intensivmedizinische Betreuung benötigen, ein Kind ist verstorben. Nach diesen Daten sind bisher in MV keine Aufnahmen von Kindern in ein Krankenhaus gemeldet worden.

Wie lange wird es noch dauern, bis Kinder wieder auf Spielplätzen mit anderen Kindern spielen können?

Das kann derzeit niemand genau beantworten. Ärzten und Wissenschaftlern geht es jetzt so, wie es Kindern und Schülern sonst in der Kita oder in der Schule geht: Sie müssen noch viel über das Virus lernen, bevor es gestoppt werden kann.

Klingt nicht nach einer hoffnungsvollen Perspektive, sondern eher danach, dass wir und vor allem die jungen Leute vermutlich eher an den Folgen des Shutdowns leiden als an Corona. Oder?

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Das ist eine sehr gute Frage, die noch viel zu wenig für die verschiedenen Altersstufen beachtet worden ist. Im Vordergrund muss jetzt natürlich die Eindämmung des neuen Coronavirus stehen und deshalb sind umfassende Kontakteinschränkungen das Gebot der Stunde.

Trotzdem darf das auf keinen Fall dazu führen, dass andere Erkrankungen, die plötzlich auftreten, nicht angemessen behandelt werden, natürlich entsprechend ihrer Art und ihrem Schweregrad. Gleiches gilt auch für die Verschlimmerung bestehender Leiden. Auch nicht jede erkältungsähnliche Erkrankung ist durch das neue Coronavirus bedingt und es dürfen andere Erreger beziehungsweise Ursachen dafür nicht übersehen werden.

Wichtig ist, dass sich auch junge Leute körperlich fit halten, Sport treiben, aber nicht in Gruppen, und sich gesund ernähren. Der Shutdown darf auch nicht zur sozialen Vereinsamung führen, weshalb Kinder und Jugendliche mit Freunden und Mitschülern in Kontakt bleiben sollten – mit Hilfe der neuen Medien.

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Von Klaus Amberger

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