Blockaden lassen sich leicht umgehen

Russland will das Internet kontrollieren – doch der Plan hat große Lücken

Ein Laptop mit dem russischen Virenschutz-Programm Kaspersky.

Ein Laptop mit dem russischen Virenschutz-Programm Kaspersky.

Boston. Lange vor dem Angriff auf die Ukraine hatte der Kreml bereits angefangen, das Internet als Mittel zur Überwachung und sozialen Kontrolle zu nutzen. Als westliche IT-Konzerne wegen der neuen Sanktionen Einschränkungen ihrer Dienste ankündigten, war der aus dem Land stammende Investigativ-Journalist Andrej Soldatow daher alarmiert. Viele Jahre hatte er die Zensur durch den Kreml angeprangert. Nun warnte er, die russische Bevölkerung werde noch stärker isoliert.

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„Schaut, Leute, der einzige Raum, den die Russen haben, um über die Ukraine zu sprechen, und über das, was in Russland gerade passiert, ist Facebook“, schrieb der in London im Exil lebende Soldatow in der ersten Woche des russischen Angriffskriegs auf ebendiesem sozialen Netzwerk. „Ihr könnt uns nicht einfach unseren Zugang abwürgen.“

Kreml drosselte soziale Netzwerke und Nachrichtenmedien

Facebook tat dies zwar nicht. Aber kurz darauf übernahm der Kreml die Initiative und drosselte sowohl Facebook als auch Twitter so stark, dass deren Dienste in Russland praktisch nicht mehr verfügbar sind. Zugleich ließ Präsident Wladimir Putin die Angebote von westlichen Medien sowie unabhängige russische Nachrichten-Websites blockieren. Und es wurde ein Gesetz erlassen, das die Verbreitung von Informationen unter Strafe stellt, die der Propaganda des Staates widersprechen.

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Die jüngsten Zensur-Bemühungen des Kremls zeigen allerdings auch erhebliche Schwachpunkte hinsichtlich des größeren Plans, das Internet im eigenen Land vollständig zu kontrollieren. Denn jeder Russe und jede Russin mit einigen technischen Grundkenntnissen kann die Blockaden umgehen. Zum Beispiel gelingt es Moskau bisher kaum, die Nutzung von sogenannten VPNs (Virtual Private Networks) zu verhindern. Auch andere Software-Lösungen gegen Zensur-Maßnahmen funktionieren weiterhin.

Öffentlicher Druck versus Kampf gegen Desinformationen

Somit stehen ausländische Anbieter von Internet-Bandbreite und damit verbundenen Diensten vor schwierigen Fragen. Auf der einen Seite stehen sie öffentlich unter großem Druck, Russland und die russische Wirtschaft nicht weiter zu unterstützen, während sie zugleich damit rechnen müssen, dass Rechnungen für in Russland erbrachte Leistungen womöglich nicht mehr ordnungsgemäß bezahlt werden. Auf der anderen Seite wissen sie, dass ein kompletter Rückzug aus dem Land dem Kreml bei seinen Kampagnen zur Desinformation in die Hände spielen könnte.

Amazon Web Services, einer der großen Cloud-Computing-Anbieter, nimmt in Russland nach eigenen Angaben zwar keine neuen Kundinnen und Kunden an, ist aber weiter im Land aktiv. Auch Unternehmen wie Cloudflare, das Websites vor Angriffen und Viren schützt, und Akamai, das die Performance von Websites optimiert, unterstützen Kundinnen und Kunden in Russland weiterhin – es sei denn, es handelt sich bei ihnen um Akteurinnen und Akteure, die wegen des Angriffskriegs in der Ukraine mit Sanktionen belegt sind.

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Von gekappten Verbindungen bis normalem Betrieb

Microsoft hat zwar ebenfalls den Vertrieb von Produkten und Diensten in Russland eingestellt, aber sich noch nicht dazu geäußert, ob es seine Cloud-Angebote in dem Land aufrechterhalten will. Der Internetprovider Cogent hat direkte Verbindungen innerhalb Russlands gekappt. Unternehmens-Chef Dave Schaeffer sagte in einem Interview, dass diese sonst von der russischen Regierung für offensive Cyber-Aktivitäten genutzt werden könnten. Über indirekte Wege seien aber für russische Einzelpersonen die Leitungen weiter offen.

Wenn es um Zensur geht, sind die einzigen, die es wirklich hinbekommen, die Chinesen

Serge Droz,

Proton Technologies

Das Unternehmen Lumen, ein weiterer sogenannter Backbone-Provider aus den USA, fährt einen ähnlichen Kurs. Andere wichtige Provider aus Europa und Asien bedienen den russischen Markt ebenfalls weiter. Cloudflare führt den Betrieb von vier Rechenzentren in Russland fort. „Russland braucht mehr Internetzugang, nicht weniger“, begründete das Unternehmen diese Entscheidung am 7. März in einem Blogbeitrag.

Putins Krieg: Kaspersky-Virenschutz nicht mehr sicher

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) warnt vor der Verwendung von Virenschutz-Software des russischen Herstellers Kaspersky.

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Laut Cognet-Chef Schaeffer beruhte der Beschluss seines Unternehmens nicht auf finanziellen Erwägungen. Er räumte aber ein, dass es angesichts des Kursverfalls des russischen Rubels, der importierte Produkte und Dienste im Land teurer mache, womöglich schwieriger werde, Kundenzahlungen einzuziehen. Kundinnen und Kunden in der Ukraine biete Cogent seine Dienste während des aktuellen Konflikts kostenlos an, sagte er.

Russlands versuchte Kontrolle über das Internet

Im Jahr 2019 schuf Moskau mit einem neuen Gesetz die Basis für ein Internet, das von der restlichen Welt unabhängig sein soll. Das Land ging damit weiter in Richtung intensiver Überwachung und Kontrolle, wie in China und im Iran. Mithilfe von Geräten, die alle Internet-Provider in Russland einbauen müssen, kann der Kreml einzelne Websites und Dienste sperren und zugleich die eigene Bevölkerung ausspionieren. Die Medienaufsicht Roskomnadsor testete das eigene System 2021 in größerem Maßstab, als es den Zugang zu Twitter drosselte.

Expertinnen und Experten zufolge ist das System aber weit weniger effektiv als die „Große Firewall“ Chinas. Laut Andrew Sullivan, dem Leiter der Organisation Internet Society, gibt es keine Belege dafür, dass der Kreml in der Lage wäre, Russland tatsächlich vom Rest des Internets abzutrennen. „Das Internet eines Landes abzuschotten, ist kompliziert – kulturell, wirtschaftlich und technisch“, sagt er. „Und es ist umso komplizierter in einem Land wie Russland, dessen Internet, anders als in China, nicht ursprünglich mit dem Ziel von staatlicher Kontrolle aufgebaut wurde.“

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Bevölkerung will die Zensur umgehen

„Wenn es um Zensur geht, sind die einzigen, die es wirklich hinbekommen, die Chinesen“, sagt Serge Droz von dem in der Schweiz ansässigen Unternehmen Proton Technologies, das Software zur Erstellung von VPNs anbietet. Bei dem Dienst ProtonVPN, der bei der Umgehung von Zensur-Bemühungen hilft, werden laut Droz derzeit pro Tag zehn Mal so viele Neuanmeldungen registriert wie vor Beginn der russischen Invasion. Allerdings klagen Russinnen und Russen, sie hätten Schwierigkeiten, ausländische VPN-Dienste zu bezahlen, weil die Kreditkartenunternehmen Visa und Mastercard Russland gesperrt haben.

Von den Moskauer Zensur-Bemühungen ausgenommen ist bisher der Instant-Messaging-Dienst Telegram. Dies dürfte damit zu tun haben, dass der Dienst auch für die Propaganda des Kremls intensiv genutzt wird. Hinzu kommt, dass bei Telegram – anders als bei den US-Diensten Signal und WhatsApp – eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung nicht die Standard-Einstellung ist. Signal-Gründer Moxie Marlinspike erinnerte nach Beginn der russischen Invasion in einem Tweet daran, dass Kommunikation über eine hinsichtlich der Verschlüsselung unsichere App in einem Krieg buchstäblich zu einer Frage von Leben und Tod werden könne.

RND/AP

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