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„Arme Menschen laufen in die Schuldenfalle“

Zwegat-Nachfolger: Wie lassen sich diese Energiekosten noch bezahlen, Herr Brusenbach?

Steuerberater Stilianos Brusenbach.

Herr Brusenbach, erst hat die Corona-Pandemie viele Menschen in finanzielle Not gebracht. Jetzt sind es die hohen Energiekosten. Kommt diese Entwicklung bereits bei Ihnen in der Kanzlei an?

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Ja. Das merken wir bei zwei unterschiedlichen Gruppen. Die erste Gruppe ist die arbeitende Bevölkerung, die auf ein Auto angewiesen ist. Diese Menschen spüren den Preisanstieg unmittelbar an der Tankstelle. Aber das hat auch einen – wenn man so will – Vorteil: Sie müssen das Geld nicht später aufwenden, sondern bezahlen es sofort. Somit ist das Geld aus dem Portemonnaie weg und kann an anderer Stelle nicht noch mal ausgegeben werden. Auf diesem Weg werden sich die Menschen nicht verschulden. Das klingt kurios, ist aber ganz entscheidend für die Frage, wie Schulden entstehen. Das passiert nämlich meistens, wenn es Menschen nicht merken und Risikopositionen aufbauen, die sie später an anderer Stelle dann erschlagen.

Sie spielen auf die zweite Gruppe und die unabsehbaren Energiekosten an. Das betrifft fast alle Menschen.

Genau. Aber auch hier müssen wir unterscheiden: zwischen Vermietern und Mietern. Der Mieter hört zwar im Fernsehen, dass die Preise explodieren, aber er merkt es aktuell noch nicht unbedingt an seinem Portemonnaie. Der Vermieter gibt die Nebenkosten an den Mieter weiter. Er hätte die Möglichkeit, auf den Mieter zuzugehen und ihm zu empfehlen, den Abschlag für Gas zu verdoppeln, bevor auf einen Schlag die Nachzahlung kommt. Das Problem ist nur: Das funktioniert nur theoretisch. Denn der Mieter kann das zum Teil gar nicht stemmen.

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Um dieses Problem abzufedern, hat sich die Bundesregierung auf ein zweites Entlastungspaket geeinigt. Das sieht eine Energiepreispauschale, eine zeitweise Senkung der Energiesteuer und einen Zuschuss für Kinder und Sozialhilfeempfänger vor …

… der wahrscheinlich viel zu niedrig bemessen sein wird.

Also bleiben die Verbraucherinnen und Verbraucher Ihrer Meinung nach auf den Kosten sitzen. Was können die dagegen tun?

Theoretisch sollte man versuchen, diese Kosten primär zu bedienen. Aber dann müssten manche alles andere einsparen. Ich werde Mandanten keine Ratschläge geben, dass sie hungern oder ihre Heizung runterdrehen sollen. Denn man kann nur das einsparen, was da ist, und die meisten Menschen haben schon zu wenig. Also laufen sie geradewegs in eine Schuldenfalle, die sich mit dem aktuellen Maßnahmenpaket nicht verhindern lassen wird. Das ist die bittere Wahrheit.

Es ist wichtig, die Menschen zu sensibilisieren, dass sie proaktiv auf Vermieter, Arbeitgeber oder auf die Bank zugehen müssen.

Steuerberater Stilianos Brusenbach

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Also sollte die Politik die Zuschüsse ausweiten?

Auf jeden Fall. Die Politik muss ein Entlastungspaket drei, möglicherweise ein Entlastungspaket vier schnüren. Wenn unser Bundeskanzler innerhalb von drei Tagen beschließt, dass man die Bundeswehr mit 100 Milliarden besser ausstatten kann, dann stelle ich mir vor, dass man das für die deutsche Bevölkerung auch finanzieren muss, um ihr zu helfen. Denn die Menschen haben ja keine Alternative, wo sollen sie denn die Einnahmen hernehmen?

Rechnen Sie in diesem Jahr mit mehr Privatinsolvenzen?

Ja. In diesem Jahr schon allein, weil die Löhne gar nicht so schnell steigen können, wie die Energiepreise steigen. Hinzu kommen die Lebensmittel- und Benzinpreise. Und dieses Geld fehlt dann, um latente Schulden, die man über Nebenkostenabrechnung aufgebaut hat, zu bezahlen. Aber im nächsten Jahr rechne ich dann wirklich mit massiven Steigerungen von Privatinsolvenzen. Weil: Die Leute bekommen nicht nur die Abrechnung für 2022, sondern gleich auch die Anpassung für 2023. Da kommen also massive Nachzahlungen auf die Menschen zu.

Welche Tipps haben Sie für Verbraucherinnen und Verbraucher, die trotzdem versuchen wollen, diese Kosten aus eigener Kraft heraus zu zahlen?

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Ich würde aktiv auf den Vermieter zugehen und eine Vorgehensweise bei einer möglichen Nachzahlung vereinbaren. Entweder ist der Vermieter so nett und bietet an, einen Teil der Energiekosten zu übernehmen, weil er es sich leisten kann und er den Mieter langfristig behalten will. Oder er bietet im Falle einer Nachzahlung eine Ratenzahlung an. Aber ich würde jetzt schon auf den Vermieter zugehen und etwas vereinbaren. Das ist eine Maßnahme in diesem Dilemma, bei der jeder langfristig gewinnen kann.

Was sonst noch?

Eine zweite Maßnahme wäre, das 9-Euro-Ticket zu nutzen und vom Auto auf den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen. Das können natürlich diejenigen Menschen nicht, die auf ihr Auto angewiesen sind. Aber die haben die Möglichkeit, den Arbeitgeber nach Tankgutscheinen zu fragen. Die kann der Arbeitgeber steuerfrei seinen Mitarbeitern rausgeben, wenn er sie schätzt. Insgesamt kann man also sagen: Es hilft, an jeglicher Stelle anzupacken und ein vernünftiges Gespräch zu suchen.

In der RTL-Sendung „Raus aus den Schulden“ helfen Sie Menschen, schuldenfrei zu werden. Darin kommt ein Tipp immer wieder vor: das gute alte Haushaltsbuch. Hilft das wirklich, Geld zu sparen?

Ich bin ein großer Freund davon. Ich selbst arbeite zum Beispiel nur mit Bargeld. Das hilft mir, ein Budget festzulegen, das ich für meinen Haushalt zur Verfügung habe. Und dem klassischen Schuldner hilft es ungemein, einfach mal festzuhalten, was er ausgibt. So kann er sich bei den Ausgaben besser beherrschen und behält den Überblick. Also ein Haushaltsbuch in Kombination mit Bargeld kann ich sehr empfehlen.

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Grundsätzlich hilft gegen die steigenden Energiepreise, seine Ausgaben zu kalkulieren und einen Überblick über die Fixkosten zu haben.

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Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit in der Sendung von Ihrer Arbeit als Steuerberater in der Kanzlei?

Fernsehen ist natürlich in erster Linie – das muss man ehrlich sagen – Entertainment. Die Schwierigkeit ist da, Protagonisten zu finden, die bereit sind, sich vor der Kamera komplett zu öffnen. Das Problem hat man als Schuldenberater aber immer. Auch im Vieraugengespräch. Weil die Menschen sich schämen. Aber ich kann Ihnen sagen: Ich habe keine Vorurteile. Denn man kann immer in diese Not kommen. Vor allem jetzt in der Situation mit Inflation und Energiepreisen. Im Fernsehen ist dann das Ziel, den Menschen sehr praktische Ratschläge zu geben, was sie besser machen können. Die Frage ist aber, ob der Protagonist die Kraft hat, die Ratschläge umzusetzen. Die Menschen haben oft einen langen Weg hinter sich, sind verunsichert und haben vielleicht psychischen Stress. Da können wir nur versuchen zu unterstützen. In der Kanzlei findet das alles unter vier Augen statt.

Ist Scham ein Grund, warum Menschen keine Hilfe annehmen, obwohl sie es bräuchten?

Das ist ein wichtiger Punkt. Der größte Teil unserer Mandanten kommt nicht sofort zu uns. Entweder sie sehen viele Videos von uns auf Social Media und nach dem fünften, sechsten Video können sie sich überwinden, bei uns anzurufen. Oder sie werden von der Familie oder vom Partner mit einem kleinen oder größeren Schubs gedrängt, die Probleme endlich mal zu lösen. Denn die lösen sich nicht von allein. Es braucht also auf jeden Fall einen Schubs, um die Scham zu überwinden. Und wenn sie dann bei mir sitzen, dann dauert das ein bisschen. Aber in den meisten Fällen öffnen sie sich dann und merken: Das ist gar nicht so schlimm.

Sie haben einen Spruch, den sie immer wiederholen. Eine Art Leitsatz. Der lautet: „Über Geld spricht man, denn vom Schweigen wird es auch nicht mehr.“ Wie wird es denn mehr? Reicht es, darüber zu reden?

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Es ist zumindest ein erster Schritt. Es ist wichtig, die Menschen zu sensibilisieren, dass sie proaktiv auf Vermieter, Arbeitgeber oder auf die Bank zugehen müssen, um die Angelegenheiten zu besprechen. Denn es wird im nächsten Jahr mit den aktuell beschlossenen Maßnahmen und der aktuellen Situation definitiv nicht besser für die Menschen. Da hilft es, proaktiv das Gespräch zu suchen. Deswegen lautet mein Rat: Über Geld spricht man.

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