60 Jahre Pille: Der fanatische Forscher

Weibliche Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz werden zum Arbeitseinsatz im Reichsgebiet abtransportiert. (Undatiertes Archivbild)

Weibliche Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz werden zum Arbeitseinsatz im Reichsgebiet abtransportiert. (Undatiertes Archivbild)

Sie hatte zu schweigen, das war die oberste Regel. Sie durfte nicht reden, nicht klagen, nicht fragen, wenn sie sich auf den Tisch legte und die Spritze bekam. Danach begann dann das eigentliche Martyrium. “Ich musste drei Tage liegen, mit schrecklichen Schmerzen”, erinnerte sich Renée Duering. Dann sollte sie unfruchtbar sein. So hatte es der Mann, der ihr die Spritze gab, geplant.

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Renée Duering, 1921 geboren, war eine Jüdin aus Köln, die 1943 deportiert wurde und in dem Dokumentarfilm “Menschenversuche in Auschwitz” aus dem Jahr 2019 ihr Leiden im Block 10 des Konzentrationslagers schilderte.

Der Mann wiederum, der den Frauen in Block 10 die Spritzen gab und sie mit seinen Versuchen quälte, war der Gynäkologe Carl Clauberg – der Mann, auf dessen Forschungen die Antibabypille beruht.

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Carl Clauberg zwangssterilisierte Hunderte Frauen

Clauberg war vor allem eines: ein grenzenlos ehrgeiziger Arzt und Wissenschaftler, der in seinem Streben nach Aufstieg und wissenschaftlicher Anerkennung Frauen vor allem als Versuchsmaterial betrachtete. Geboren wurde er 1898 im Rheinland, aufgewachsen ist er in Kiel, wo er nach dem Ersten Weltkrieg Medizin studierte und an der Universitätsfrauenklinik als Arzt arbeitete. Von 1932 an arbeitete er in Königsberg. 1942 ging er, gefördert vom SS-Reichsführer Heinrich Himmler, nach Auschwitz – wo er Hunderte von Frauen zwangssterilisierte.

Quälte Frauen: Carl Clauberg.

Quälte Frauen: Carl Clauberg.

Den Wissenschaftler Clauberg treibt in seiner Karriere die Lust am medizinisch Machbaren an, die keine ethischen Grenzen kannte. Ein Waffenliebhaber, Handwerkersohn, der sich im akademischen Milieu benachteiligt sah. Ein kleiner rundlicher Mann, der mit zwei Frauen in einer offenen Dreiecksbeziehung lebte: seiner Frau Frieda, einer ehemaligen Patientin von ihm, die keine Kinder bekommen konnte; und seiner Sekretärin Ilse, mit der er zwei Kinder hatte.

Im Zusammenhang mit der Vernichtungspolitik sieht Clauberg seine Chance genommen

Schon ab 1925 forscht Clauberg an Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit. Anders als seine Kollegen hat Clauberg eine Abneigung gegen das Operieren – und arbeitet, in Zusammenarbeit mit Schering, mit synthetischen Hormonen. Als er Mitte der Dreißigerjahre bei einer 26-Jährigen die Menstruation um einige Tage verschieben kann und es zu einer Reaktion der Uterusschleimhaut kommt, hat Clauberg “das noch heute gültige Prinzip der hormonalen Kontrazeption formuliert”, schreibt Silvia Wilking in ihrer 2016 erschienenen Dissertation über Clauberg.

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Doch die Anerkennung, auf die Clauberg hofft, bleibt aus. Empfängnisverhütung liegt nicht im Interesse der Nationalsozialisten, das Gegenteil wäre ihnen deutlich genehmer. Im Zusammenhang mit der Vernichtungspolitik sieht er nun jedoch seine Chance genommen. Bei einem Treffen stellt er Himmler 1941 seine Arbeiten vor – und erhält im Jahr darauf die Erlaubnis, seine Sterilisationsversuche in Auschwitz fortzusetzen. Clauberg, NSDAP-Mitglied seit 1933, sei kein radikaler Nazi oder fanatischer Antisemit gewesen, schreibt Wilking. “Bedenken gegenüber den entrechteten und für ihn selektierten Jüdinnen” habe er jedoch auch nicht gehabt – es sei ihm allein um seinen “Forschungsfanatismus” gegangen.

Nach Kriegsende wird Clauberg 1945 in Eckernförde festgenommen, 1948 wird er in der Sowjetunion zu 25 Jahren Haft verurteilt. Schon 1955 kehrt er jedoch zurück nach Kiel, wo er erneut festgenommen wird. Ihm soll nun wegen seiner Verbrechen in Auschwitz der Prozess gemacht werden. Kurz zuvor war er bereits in die Psychiatrie eingewiesen worden, weil er seine Frau mit dem Tod bedroht hatte.

Renée Duering konnte doch noch ein Kind bekommen

Er habe Frauen in Auschwitz geholfen und sie gerettet, erklärt Clauberg jetzt. Dass sie schreckliche Qualen erlitten und einige bei seinen Versuchen starben, leugnet er. Clauberg stirbt 1957 in der Untersuchungshaft an einem Schlaganfall, bevor es ein Urteil gegen ihn geben konnte. Viele seiner Opfer litten ein Leben lang unter seinen Versuchen. Bei den wenigsten ging es so aus wie bei Renée Duering, der Jüdin aus Köln: Sie war doch nicht unfruchtbar und bekam nach dem Krieg eine Tochter – es war auch ein später Triumph über ihren Peiniger.

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RND


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