Impfstoffforscher appelliert: Jetzt impfen lassen, und nicht auf Omikron-Impfstoff warten

Ein Mann lässt sich in einem Fitnessstudio impfen: Es braucht drei Impfdosen, um ausreichend vor Omikron geschützt zu sein.

Ein Mann lässt sich in einem Fitnessstudio impfen: Es braucht drei Impfdosen, um ausreichend vor Omikron geschützt zu sein.

Die fünfte Corona-Welle, ausgelöst durch die hochansteckende Virusvariante Omikron, fegt über Deutschland hinweg. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt mittlerweile bei mehr als 700, die Zahl der Neuinfektionen erreicht beinahe täglich neue Rekordwerte. Dass es derzeit so viele Ansteckungen gibt, ist vor allem dem Immunescape von Omikron geschuldet. Die Virusvariante infiziert nicht nur Ungeimpfte, sondern auch Geimpfte und Genesene.

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Dass Omikron in der Lage ist, den Immunschutz teilweise zu umgehen, hat Impfstoffhersteller dazu veranlasst, ihre Vakzine anzupassen. In den kommenden Wochen würden die Pharmafirmen Biontech/Pfizer, Moderna und Janssen mit den entsprechenden klinischen Studien beginnen, berichtete Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), im Gespräch mit dem Science Media Center (SMC). Erste Daten seien im zweiten Quartal zu erwarten. „Wir haben alle Weichen gestellt, damit eine schnelle Umstellung auf neue, variante Impfstoffe und damit auch Omikron adaptierte Impfstoffe möglich ist“, sagte er.

Virologin spricht von „Kommunikationsfehler“

Gegen die Omikron-Welle werden die neu angepassten Corona-Impfstoffe wohl nichts mehr ausrichten können. Dafür dauert es einfach zu lange, bis diese in Europa zugelassen werden. Gänzlich schutzlos sei Deutschland gegen die Virusvariante aber nicht, betont der PEI-Chef. „Weil wir wahrgenommen haben, dass die dritte Impfung sehr gut auch vor Omikron schützt.“ Die Booster-Impfung erhöht noch einmal den Schutz vor Infektionen, sie verbessert die Immun- und Antikörperantworten und verstärkt somit den Schutz vor schweren Covid-19-Krankheitsverläufen.

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„Unser Immunsystem braucht diesen dreimaligen Kontakt, um eine entsprechende Breite, aber auch Stärke zu entwickeln“, erklärte Prof. Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie an der Technischen Universität München, im SMC-Gespräch. Dass die zweimalige Impfung zu Beginn als vollständige Impfung bezeichnet wurde, sei ein „Kommunikationsfehler“ gewesen. „Das war vielleicht etwas, was wir wissenschaftlich nicht korrekt kommuniziert haben“, merkte sie an, „und was in der Bevölkerung für Verwirrung gesorgt hat.“

Infektionen mit dem Coronavirus bleiben riskant

Auch eine einmalige Infektion mit dem Coronavirus reiche nicht aus, um einen optimalen Immunschutz aufzubauen. „Man würde auch da noch mal eine Impfung brauchen“, sagte Protzer. „Oder eben eine zweite Infektion – wenn man sich das dann antun möchte – wäre theoretisch auch eine Möglichkeit, die dann aber mit einer höheren Krankheitslast verbunden ist.“

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Omikron führt zwar in der Regel seltener zu schweren Verläufen, aber gerade in Hinblick auf mögliche Spät- und Langzeitfolgen nach einer Infektion gibt es noch Unsicherheiten. Das heißt: Sich nun also absichtlich mit Omikron zu infizieren, um eine Immunität aufzubauen, ist und bleibt risikoreich.

Risikogruppen profitieren von Omikron-Impfstoff

Der sicherere Weg sind die Corona-Impfungen. Es sei deshalb besser, sich mit den jetzt schon vorhandenen Vakzinen impfen zu lassen, als auf einen an Omikron angepassten Corona-Impfstoff zu warten, machte Prof. Leif Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung an der Berliner Charité, deutlich. Menschen, die ein erhöhtes Risiko für schwere Krankheitsverläufe haben, wie Ältere, würden zukünftig dennoch von einem angepassten Vakzin profitieren.

Dass sich ein solcher adaptierter Impfstoff positiv auf die Immunität auswirken könnte, würden internationale Studien zeigen. „Menschen, die mit den jetzt zugelassenen Impfstoffen immunisiert sind und dann in Kontakt mit der Omikron-Variante durch eine natürliche Infektion kommen, sind sehr gut in der Lage, ihre Immunantworten zu verbreitern und gleichsam die älteren Virusvarianten und Omikron zu neutralisieren“, sagte Sander dem SMC. „Deswegen gehe ich davon aus, dass es gut funktionieren wird, wenn man immunisiert mit einem an die Omikron-Sequenz angepassten Impfstoff.“

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Ein großes Problem ist laut Sander allerdings die Impflücke, die es derzeit in Deutschland durch die vielen Ungeimpften noch gebe, weshalb viele Menschen das Stadium der Grundimmunität noch gar nicht erreicht hätten. „Es ist eine Illusion, dass wir jetzt quasi in kurzer Zeit die Bevölkerung durch natürliche Infektionen immunisieren“, betonte er mit Blick auf die Frage, ob man Omikron mittlerweile in der Bevölkerung durchlaufen lassen könne, um die Immunitätslücke zu schließen. Wenn das passiere, breche nicht nur das Gesundheitssystem, sondern auch die gesamte kritische Infrastruktur zusammen, warnte der Experte. „Das ist überhaupt keine Strategie.“ Natürlich werde das Virus weiter zirkulieren und nach und nach die Grundimmunität vieler erzeugen oder auffrischen. Dennoch gebe es gerade keine Alternative zur Impfung.

PEI-Präsident: regelmäßige Nachimpfungen möglich

Ob sich die Menschen zukünftig immer wieder gegen Covid-19 impfen lassen müssen, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. „Wir sind im Moment in dem Stadium, dass wir wissen, eine gewisse Grundimmunisierung ist erst einmal gut“, sagte PEI-Chef Cichutek. Regelmäßige Nachimpfungen schloss er aber nicht aus: „Wir werden möglicherweise dann zu dem Stadium kommen, dass wir periodische Auffrischimpfungen brauchen. Und die Frage ist dann: Reicht ein Omikron adaptierter Impfstoff oder müssen wir auf Dauer – das ist eher mittel- bis langfristig gedacht – zu varianten Impfstoffen kommen, die eine breite Abdeckung möglicher anderer Varianten haben?“

Cichutek wies ferner darauf hin, dass schon bei einem an Omikron angepassten Corona-Vakzin die Herstellungskapazitäten der Pharmafirmen begrenzt seien. „Wir müssen irgendwo ein gemeinsames Signal suchen, wann sollte denn ein Großteil dieser Herstellung umgestellt werden“, sagte er. Vieles spreche derzeit dafür, dass dieses Signal von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausgehen sollte. Dort sei bereits eine entsprechende Arbeitsgruppe gebildet. Die WHO legt beispielsweise auch die Zusammensetzung der Grippeimpfstoffe jedes Jahr aufs Neue fest.

mit dpa

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