Keine Überlastung in Krankenhäusern? Corona-Intensivpfleger: „Das ist wie ein Schlag ins Gesicht“

Es gebe nicht genügend Pflegende in der Klinik, berichtet Ralf Berning. Auch in der Omikron-Welle könnten an seinem Standort von eigentlich 16 zur Verfügung stehenden Intensivbetten nur zwölf aktiv genutzt werden.

Es gebe nicht genügend Pflegende in der Klinik, berichtet Ralf Berning. Auch in der Omikron-Welle könnten an seinem Standort von eigentlich 16 zur Verfügung stehenden Intensivbetten nur zwölf aktiv genutzt werden.

Ralf Berning ist Krankenpfleger auf einer Intensivstation in Nordrhein-Westfalen. Nach einem echt harten Winter mit der Delta-Variante, wie der 37-Jährige erzählt, haben sich die Problemlagen mit Omikron im Klinikalltag verschoben. Das weiterhin drängendste Problem? Sei der Personalmangel, der von der Politik nicht wirklich gesehen werde. Ein Protokoll:

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„Zwischen Weihnachten und Neujahr habe ich gemerkt, wie stark ich eigentlich seit zwei Jahren unter Stress stehe. Wir hatten da tatsächlich mal ein Wochenende mit keinem einzigen Covid-19-Patienten auf Intensivstation. Plötzlich musste ich ‚nur‘ noch zwei Erkrankte gleichzeitig betreuen. Es hat sich auch wie Luxus angefühlt, dass noch zwei Betten für mögliche neue Patienten frei geblieben sind.

Ich erinnere mich an eine ganz ungewöhnliche Ruhe. Da gab es auf einmal keinen plötzlichen Notfall, kein Abwägen, wer sich jetzt noch kümmern kann, keine Intubation und keine Bauchdrehung. Ich konnte in dieser Schicht einfach mal eine reguläre Pause einlegen, etwas essen und mich mit Kollegen und Kolleginnen unterhalten. Es wäre schön, wenn das bald häufiger vorkommt. Ich hoffe ganz stark auf einen entspannten Sommer.

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Ralf Berning war erst 15 Jahre im Militärdienst, bevor er Intensivkrankenpfleger wurde. In seinem Job motiviere ihn, einem Menschen helfen zu können, damit es ihm besser geht.

Ralf Berning war erst 15 Jahre im Militärdienst, bevor er Intensivkrankenpfleger wurde. In seinem Job motiviere ihn, einem Menschen helfen zu können, damit es ihm besser geht.

Es ist bestimmt zwei Monate her, dass ich den letzten verstorbenen Covid-Patienten in die Kühlung geschoben habe. Die Bilder der Deltawelle verfolgen mich manchmal immer noch. Ich bin jetzt sehr froh um jeden Patienten, der nicht mehr bei uns landet, sondern mit Omikron auf Normalstation behandelt wird und nach ein paar Wochen wieder zurückkann ins normales Leben. Auch aktuell haben wir glücklicherweise nur zwei Patienten mit schwerem Covid-Verlauf auf Intensiv liegen. Die haben noch die Delta-Variante.

Omikron ist glücklicherweise nicht mehr so tödlich. Im Januar sind nun nach und nach die ersten Erkrankten mit der neuen Variante eingetroffen. Da gibt es eine große Gruppe, die eigentlich wegen einer anderen Erkrankung in die Klinik kommt und zufällig zeitgleich eine Corona-Infektion hat. Diese Patienten haben dann keine großen Probleme mit der Lunge oder Gerinnungsprobleme wegen Covid und müssen nicht ins Koma oder wochenlang auf Intensivstation beatmet werden.

Es landen aber weiterhin viele Menschen mit schwerem Verlauf bei uns, die dann auf Normalstation behandelt werden. Der Verlauf bei Omikron äußert sich anders als bei Delta. Oft sind Betroffene total geschwächt und ausgelaugt. Sie trinken nicht, essen nicht, sind ausgetrocknet. Viele haben Durchfall und Erbrechen. Sie bekommen über eine Nasenbrille Sauerstoff verabreicht und intravenös Medikamente verabreicht. Dabei sind sie wach. Sie melden sich, wenn sie mal auf die Toilette müssen, wenn sie Luftnot haben oder mit Angehörigen telefonieren wollen. Pflegende, Ärzte und Ärztinnen haben also auch mit der Betreuung dieser Covid-Patienten alle Hände voll zu tun.

Omikron sorgt in der Klinik auch für starken Mehraufwand, weil wir alle coronapositiven Patienten, auch mit Nebendiagnose, von anderen Erkrankten isolieren müssen. Dafür muss oft die halbe Station umstrukturiert werden, um noch freie Zimmer zur Verfügung zu haben. Aktuell haben wir auch massive Probleme damit, dass ständig Personal ausfällt, das positiv getestet wird und dann für einige Tage in Isolation muss.

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Dienstplan auf Kante: Das Pflegepersonal fehlt überall

Das Gesundheitssystem war vor Corona schon am Anschlag. Auch jetzt können wir von eigentlich 16 zur Verfügung stehenden Intensivbetten nur zwölf aktiv fahren. Es gibt einfach nicht genügend Personal. Wenn drei, vier Kollegen in Quarantäne sind und eine Kollegin noch erkältungsbedingt zu Hause bleibt, ist das schon fast eine komplette Schicht, die fehlt. Wir versuchen, das zu kompensieren, indem der Rest dann einspringt. Die Lücken im Dienstplan zu stopfen zehrt an den Nerven.

Es ist ganz normal für mich, zwölf Tage Dienst zu haben und dann vier Tage frei. Erholen kann ich mich da kaum. Wenn ich dann noch ab und an als Vertretung einspringe, fehlt dann ein freier Tag, das ist natürlich anstrengend. Und wenn ich dann mal ausfalle, habe ich auch ein schlechtes Gewissen. Ich weiß ja, was es bedeutet, wenn die anderen meine Patienten noch zusätzlich betreuen müssen. Mal ganz zu schweigen davon, dass es auch für die Erkrankten kein gutes Gefühl ist, wenn immer wieder andere sie pflegen. Aber es geht leider nicht anders. Die Kapazitäten sind seit Jahren knapp auf Kante genäht.

Wenn jetzt manchmal zu hören ist, dass es gar keine Überlastung des Gesundheitswesens gegeben hätte, ist das wirklich ein Schlag ins Gesicht für alle, die in diesem Bereich arbeiten.

Ich fahre auch in einer eigenen Firma Notdienste für Pflegeeinrichtungen, Pflegedienste und Palliativnetze. Da ist die Situation noch schlimmer, vor allem in Wochenend- und Nachtschichten. Es kommt immer häufiger vor, dass auf einer Station gar kein Fachpersonal mehr anwesend ist. Da sitzt dann beispielsweise eine noch nicht fertig ausgebildete Studentin, die sich etwas dazuverdient, und ist für 60 Bewohner und Bewohnerinnen gleichzeitig zuständig. Das sind doch keine tragbaren Zustände.

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Gesundheitswesen nicht überlastet? Vorwurf für Pflegende „ein Schlag ins Gesicht“

Wenn jetzt manchmal zu hören ist, dass es gar keine Überlastung des Gesundheitswesens gegeben hätte, ist das wirklich ein Schlag ins Gesicht für alle, die in diesem Bereich arbeiten. Ich will noch einmal an die Delta-Welle erinnern, die erst vor wenigen Wochen ausgelaufen ist. Es mussten zusätzliche Intensivstationen aufgebaut und andere Operationen abgesagt werden, um massenhaft Covid-Patienten überhaupt noch irgendwie versorgen zu können. Hubschrauber haben Schwerstkranke in andere Kliniken verlegen müssen. Auch jetzt stehen noch immer Patienten auf der Warteliste, die ein neues Knie, eine neue Hüfte, eine Tumoroperation brauchen und jeden Tag Schmerzen haben.

In zwei Jahren Pandemie ist offensichtlich überhaupt nicht verstanden worden, dass der Personalmangel in den Krankenhäusern und Pflegeheimen ein wirklich großes Problem ist. Das frustriert mich schon sehr. Und dann gibt es noch so viele weitere Baustellen: Ein halbes Jahr Wartezeit auf einen Facharzttermin ist normal. Eine Hebamme muss man sich suchen, wenn man gerade erst den positiven Schwangerschaftstest in den Händen hält.

Es ist immer noch nicht möglich, eine Patientenverfügung digital auf der Krankenkassenkarte zu hinterlegen. Ich würde mir wünschen, dass die Politik jetzt endlich mal an irgendeiner Stelle anfängt, unser Gesundheitssystem zu verbessern.“

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