Wegen Corona-Erkrankungen und Quarantäne

Steigende Corona-Zahlen: Zahlreiche Personalausfälle in Kliniken

Eine Mitarbeiterin der Pflege läuft über einen Gang auf der Corona-Intensivstation des Universitätsklinikums Essen.

Eine Mitarbeiterin der Pflege läuft über einen Gang auf der Corona-Intensivstation des Universitätsklinikums Essen.

Höhere Inzidenzen, mehr Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen, wieder mehr Patienten und Patientinnen mit Covid-19 auf Intensivstationen – zuletzt zeigt sich das Infektionsgeschehen dem Robert Koch-Institut (RKI) zufolge mit dynamisch steigender Tendenz. Das führt auch wieder zu mehr Personalausfällen – etwa in den Kliniken. „Fast alle Krankenhäuser sind derzeit stark von Corona-Erkrankungen beziehungsweise Quarantäne in der Belegschaft getroffen“, sagt die stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Henriette Neumeyer dem RND. Die Personalausfälle beträfen die gesamten Klinken und nicht nur die Intensivstationen, sagte sie.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Bereits am vergangenen Wochenende hatte der wissenschaftliche Leiter des Divi-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, vor Personalengpässen auf Intensivstationen gewarnt. Fast die Hälfte der Intensivstationen, also 630 von 1300, hätten bislang erhebliche Personalengpässe gemeldet, Tendenz steigend. Dadurch sinke die Zahl der Betten, die belegt werden können. So wenige betreibbare High-Care-Betten habe es noch nie gegeben, sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Deutscher Pflegerat: Personal fehlt überall

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Dass das Personal in allen Bereichen der Pflege fehlt, bestätigt auch Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerates. „Das ist kein regionales, sondern ein bundesweites Phänomen.“ Doch Vogler kritisiert: Es gebe dazu keine ausreichende Zahlenerfassung. So lasse sich das Problem zwar partiell einschätzen, wie auf den Intensivstationen, aber wie viele Pflegende derzeit in allen Pflegebereiche hinweg ausfallen und fehlen, lasse sich nicht sagen.

Ausmaß laut Studie kritischer als vermutet

Klar ist, das Problem ist nicht neu. Eine Berechnung der Hans-Böckler-Stiftung aus dem Juni zeigt, wie viel Personal im Jahr 2020 tatsächlich auf den Intensivstationen nötig gewesen wäre – und wie wenige Kräfte es tatsächlich waren. Durchschnittlich waren in dem Jahr 21.000 von 28.000 Intensivbetten in deutschen Krankenhäusern belegt. Die sogenannte Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung, die seit 2019 gilt, gibt eine Mindestbesetzung dafür vor: Demnach brauche es bundesweit 50.800 Vollkräfte, um die Vorgaben für die belegten Intensivbetten einhalten zu können. Doch nur etwa die Hälfte (28.000) war auch tatsächlich vorhanden. Die Divi empfiehlt sogar noch mehr Personal für die gleiche Anzahl an Betten einzusetzen.

Es fehlen in Deutschland also Zehntausendende Pflegekräfte. Bundesweit gebe es eine „erhebliche Unterbesetzung im Pflegedienst der Intensivstationen […], die weit über die bisher diskutierte Zahl von 3000 bis 4000 unbesetzten Stellen hinausgeht“, folgert die Studie.

Verschiedene Möglichkeiten, Pflegende zu entlasten

„Die Zahlen sprechen für sich“, sagt Pflegeratspräsidentin Vogler dazu. Die Expertinnen und Experten sind sich einig: Es braucht eine schnelle Entlastung der Pflegekräfte. Andernfalls werde sich die Lage verschlechtern und mehr Personal kündigen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Um die Situation zu verbessern, gibt es laut Vogler viele Möglichkeiten, die alle bereits seit Jahren bekannt seien: Angemessenere Löhne oder steuerliche Entlastungen sowie flexible und sichere Schichtdienstsituationen. Außerdem fordern Pflegende mehr Mitspracherecht. Vogler spricht sich dafür aus, Pflegenden mehr Kompetenzen zu zutrauen und ihnen mehr Aufgaben zu übertragen, beispielsweise bei der Wundversorgung, der Aufklärungsarbeit oder auch teils Verschreibung von Medikamenten. Zudem fordert sie eine Reform des Gesundheitssystems: „Die Strukturen in Deutschland sind hochbürokratisch und kaum mehr nachvollziehbar.“

Zahl der Corona-Patienten und ‑Patientinnen steigt

Ähnlich sieht es auch Neumeyer von der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Den einen „Königsweg“ gebe es hier nicht. Doch die Pflegekräfte könnten schnell und wirksam entlastet werden, indem ihnen bürokratische Aufgaben abgenommen werden würden – ein „Bürokratie-Lockdown“. „Pflegekräfte verbringen mehrere Stunden ihres Arbeitstages mit Bürokratietätigkeiten. Ein großer Teil davon dient nicht der medizinisch-pflegerischen Dokumentation und führt nicht zu einer verbesserten Versorgung der Patientinnen und Patienten“, sagt Neumeyer.

Dadurch hätten sich bereits Urlaubsansprüche bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern angehäuft, „die dringend eingelöst werden müssten, um den Beschäftigten nach mehr als zwei Jahren Höchstbelastung Raum für Erholung zu bieten“, sagt Neumeyer. Nehmen Personalausfälle weiter zu drohten im Extremfall außerdem wieder Verschiebungen planbarer OPs. „Dies versuchen wir aber unter allen Umständen im Sinne der wartenden Patienten zu vermeiden.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Laut des aktuellen RKI-Wochenberichts gab es bei der Zahl der Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen und der Zahl auf Intensivstationen behandelter Menschen mit Covid-19 in der vergangenen Woche erneut ein deutliches Plus. Die Zahl der Patienten und Patientinnen auf einer Intensivstation lag laut Divi-Intensivregister am Donnerstag bei 934 – im Vergleich zu gut 600 Patienten und Patientinnen zu Monatsbeginn.

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter

Mehr aus Gesundheit

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen