Beschränkte Wirksamkeit zugelassener Medikamente

Studie untersucht: Können „Magic Mushrooms“ bei Depressionen besser helfen?

Der halluzinogene Pilz Psilocybe semilanceata im Wald.

Der halluzinogene Pilz Psilocybe semilanceata im Wald.

Eine halluzinogen wirkende Substanz aus Pilzen kann zumindest vorübergehend die Symptome einer schwer behandelbaren Depression lindern. Das berichtet ein internationales Wissenschaftlerteam nach einer vergleichsweise großen Studie zur Wirksamkeit von Psilocybin im „New England Journal of Medicine“. Die Ergebnisse rechtfertigen die Weiterführung der klinischen Prüfung der psychoaktiven Substanz, meinen die Autorinnen und Autoren sowie auch einige nicht an der Untersuchung beteiligte Experten und Expertinnen.

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Psilocybin findet sich in halluzinogenen Pilzen, auch „Magic Mushrooms“ genannt. Einige Menschen nehmen solche Pilze aufgrund der bewusstseinsverändernden Wirkung der Substanz gezielt als Droge. Dass sich Psilocybin womöglich therapeutisch nutzen lässt, zeigten zunächst Studien an Patienten mit einer lebensbedrohlichen Krebserkrankung – bei ihnen linderte der Wirkstoff Ängste und Depressionen. Später lieferten weitere Studien Hinweise darauf, dass Psilocybin auch gegen Depressionen helfen könnte. Allerdings beruhen die positiven Ergebnisse auf kleineren Untersuchungen mit wenigen Patienten aus meist nur einzelnen Kliniken oder Studienzentren.

Sonstige Therapiemöglichkeiten waren gescheitert

In der nun vorgestellten größeren Studie erhielten insgesamt 233 Teilnehmende aus zehn Ländern in Nordamerika und Europa, darunter auch Deutschland, eine einmalige Dosis von synthetisch hergestelltem Psilocybin. Bei allen Teilnehmenden hatten mindestens zwei vorherige Therapien nicht zu einer merklichen Verbesserung der Depression geführt, sie galten somit als therapieresistent. Schätzungen zufolge leiden etwa 100 Millionen Menschen weltweit an so einer schwer behandelbaren Depression.

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Aus medizinischer Sicht ist eine Depression eine ernste Erkrankung, die die Betroffenen schwer im Denken, Fühlen und Handeln beeinträchtigt. Nur selten schaffen es Betroffene, sich ohne Therapie von der Depression zu befreien. Im Rahmen der Studie erhielten die Teilnehmenden nun einmalig entweder 25 Milligramm Psilocybin, 10 Milligramm oder in der Kontrollgruppe ein Milligramm. Den halluzinogenen Rausch erlebten sie unter therapeutischer Aufsicht.

Deutliche Verbesserung bei höchster Dosierung

Über den Studienzeitraum hinweg bekamen alle Teilnehmenden psychologische Unterstützung. Andere Medikamente nahmen sie während des Studienzeitraums nicht ein – es sei denn, die Symptomatik verschlechterte sich so stark, dass dies nach Ansicht eines Therapeuten notwendig war. Mithilfe eines Fragebogens ermittelten Experten und Expertinnen zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Studie, wie stark die Depression ausgeprägt war, wobei höhere Werte auf einer Skala von 1 bis 60 eine stärkere Problematik anzeigen.

Das zentrale Ergebnis: In der Gruppe mit der höchsten Dosierung verbesserte sich die Symptomatik bis zu drei Wochen nach der Einnahme des Psilocybins deutlich im Vergleich zur Kontrollgruppe. Die niedrigere 10-Milligramm-Dosierung brachte keine deutliche Verbesserung im Vergleich zur Kontrollgruppe. Die Behandlung ging mit einer Reihe von unerwünschten Wirkungen einher, wie Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindel.

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„Ein positiver Schritt in die richtige Richtung“

Weitere Auswertungen zeigten, dass insgesamt 37 Prozent der Teilnehmenden der Hochdosisgruppe so gut auf die Behandlung ansprachen, dass sich ihre Fragebogenwerte um mindestens 50 Prozent gegenüber dem Ausgangswert verbesserten. 29 Prozent erreichten nach drei Wochen einen Wert von unter 10 auf der Skala – für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen die Grenze zur Remission, also dem zumindest vorübergehenden Nachlassen oder Verschwinden von Symptomen einer Erkrankung.

„Diese Ergebnisse sind ein positiver Schritt in die richtige Richtung“, sagte Co-Autor James Rucker. „Unsere Aufgabe ist es nun, Psilocybin gegen therapieresistente Depressionen in größeren klinischen Studien mit mehr Teilnehmern zu erforschen, und die Wirkung mit der von etablierten Medikamenten und einem Placebo zu vergleichen.“

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Beschränkte Wirkung zugelassener Medikamente

Depressionen stellten eine erhebliche persönliche Belastung, aber auch eine enorme wirtschaftliche Belastung vieler Länder dar, schreibt Bertha Madras, Psychobiologin unter anderem an der Harvard Medical School, in einem Kommentar zur Studie. Mindestens 30 Medikamente seien von der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) zur Behandlung zugelassen, allerdings zeigten Studien, dass deren Wirksamkeit beschränkt sei. Aufgrund dieses „therapeutischen Vakuums“ würden psychoaktive Substanzen wie Psilocybin oder LSD als Arzneimittelkandidaten neu bewertet.

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Die nun vorgestellten Ergebnisse seien gleichermaßen faszinierend und ernüchternd, schreibt Madras. Zwar führte die hohe Dosierung zu einem signifikant niedrigerem Level depressiver Symptome, allerdings sei der Effekt geringer als bei konventionellen Antidepressiva und weniger robust als etwa in einer anderen Studie zu Psilocybin. Die Wissenschaftlerin weist darauf hin, dass die Behandlung mit halluzinogenen Drogen sehr aufwendig ist. Es brauche eine gute Vorbereitung seitens der Therapeuten, die zudem in den sechs bis acht Stunden, in denen die Wirkung anhält, anwesend sein müssten. Sie warnt auch vor möglichen gesellschaftlichen Folgen, die eine „Medizinalisierung“ halluzinogener Substanzen haben können, etwa eine leichtfertige Legalisierung und Kommerzialisierung.

Nicht alle profitieren gleichermaßen

Experten und Expertinnen aus dem deutschsprachigen Raum sprechen sich für die weitere Untersuchung der Wirksamkeit aus. Es müsse etwa besser untersucht werden, wer von der Therapie profitiere und wer nicht, sagte Katrin Preller von der Universität Zürich, die selbst an Untersuchungen zur Psilocybin-Wirksamkeit beteiligt ist. Dass, wie in der aktuellen Studie beobachtet, nicht alle Menschen gleichermaßen von der Behandlung profitieren, sei bei psychiatrischen Erkrankungen nicht überraschend. Es sei auch nicht ungewöhnlich, dass in kleineren Pilotstudien stärkere Effekte gezeigt werden als in größeren, gut kontrollierten Studien.

Gerhard Gründer vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim weist darauf hin, dass die Patienten nur eine einmalige Dosis bekommen haben. „Viele Patienten brauchen die Möglichkeit, eine zweite Dosis und dann wahrscheinlich auch weitere Dosen zu erhalten, um eine dauerhafte Verbesserung zu erreichen“, sagte Gründer. „Das aber wird nur sinnvoll umsetzbar sein, wenn die Therapie in eine systematische psychotherapeutische Begleitung eingebettet wird.“ Gründer ist unter anderem in einer Praxis tätig, die auf Halluzinogene gestützte Therapien anbietet.

RND/dpa

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