Von Wien lernen: Können Gurgeltests den PCR-Engpass lösen?

Das Testkit für den PCR-Selbsttest gibt es in Wien beispielsweise im Drogeriemarkt.

Das Testkit für den PCR-Selbsttest gibt es in Wien beispielsweise im Drogeriemarkt.

Es ist nur ein kleiner Hauseingang neben einem Restaurant in der Innenstadt von Hannover. Absperrbänder auf dem Gehweg weisen den Weg. Hinter der Haustür, an dem ein „Personal gesucht“-Zettel klebt, sitzt eine Frau hinter einer Plexiglasscheibe an einem hohen Tisch. Durch die Scheibe hindurch scannt sie den QR-Code und gleicht ihn mit dem Namen im Ausweis ab.

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Dann geht es nach oben, durch das enge Treppenhaus, in den ersten Stock. Blätter und Lianen an den Wänden, auf den Holzsteg sind in rot-weißem Klebeband Pfeile geklebt, die die Laufrichtung vorgeben. Der Gang ähnelt einem Dschungel – denn eigentlich sind das hier Räumlichkeiten eines Escape Rooms. Eine weitere Frau hinter einer Plexiglasscheibe reguliert, wer wann in das Testzimmer darf. Die Frau drückt mir einen Sticker in die Hand – meine Daten, die soll ich bitte auf das Fläschchen kleben.

Gurgeln vor der Kamera für das PCR-Testergebnis

Der Testraum ist weitestgehend leer. Ein Fernseher ist direkt auf die Tür gerichtet. „Kommen Sie rein. Nehmen Sie sich zu Ihrer Rechten ein Fläschchen, kleben Sie Ihre Daten drauf, gurgeln sie 30 Sekunden, möglichst tief im Rachen, danach spucken sie die Flüssigkeit wieder rein“, sagt der junge Mann, der aus dem Monitor mit mir spricht. Ob ich auch wirklich zwei Stunden vorher nichts gegessen habe, worauf ich online bei der Terminbuchung hingewiesen wurde, fragt er nicht.

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Die Lösung schmeckt salzig, je länger ich sie im Mund habe, desto ekliger wird es. Ich habe das Gefühl, es ist keine Flüssigkeit mehr übrig, um sie zurück in den Behälter zu spucken. „Danke, das war es schon. Setzen Sie die Maske bitte wieder auf und stellen Sie den Behälter auf das andere Tablett.“ Etwa 22 Stunden später kommt die Mail, das Ergebnis des PCR-Tests.

Wien testet mehr als 300.000 Menschen täglich – per PCR-Test

Was in Deutschland noch eher Ausnahme ist, ist in der österreichischen Hauptstadt Wien Alltag. Wobei – man geht längst nicht mehr in Testzentren, stattdessen können alle Menschen, „die in Wien leben, dort arbeiten oder dort Urlaub machen“, wie Elisabeth Pelzer, Sprecherin des Gurgeltestherstellers Lead Horizon sagt, sich online registrieren und mit einem Abholcode in der Drogerie ein Testkit abholen. Zu Hause wird gegurgelt, vor der Kamera, die zur Kontrolle Fotos macht. Stichprobenartig, in rund 20 Prozent der Fälle, wird manuell kontrolliert. Die Gurgelflüssigkeit kann dann im Supermarkt, an Tankstellen, in Drogeriemärkten abgegeben werden und fertig ist der PCR-Test.

Seit einem Jahr läuft das Projekt „Alles gurgelt“ in Wien. Mehr als 300.000 Menschen werden derzeit täglich getestet, sagt Pelzer. Es gab im vergangenen Jahr Wochen, in denen in Wien, 1,9 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner, mehr PCR-Tests ausgewertet wurden als in ganz Deutschland, 83,2 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner, hätten ausgewertet werden können. Während laut Global Change Data Lab in Österreich 73 von 1000 Personen täglich PCR-getestet werden, sind es in Deutschland nur 3,3.

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Gurgel-PCR-Tests kosten den Staat weniger als Bürgertests

6 Euro kostet es den österreichischen Staat pro PCR-Test, den jede und jeder in Wien theoretisch täglich kostenfrei machen kann. Zum Vergleich: Der kostenlose Bürgertest in Deutschland, der als Antigen-Schnelltest häufiger falsche Ergebnisse ermittelt, kostet den deutschen Staat pro Test 11,50 Euro. Zudem ist die Sicherheit der österreichischen Variante deutlich höher: Auf eine Trefferquote von 99,2 Prozent kommt der Gurgeltest von Lead Horizon.

Doch warum steht Deutschland im europaweiten Vergleich so schlecht da? Denn auch andere Nachbarstaaten haben eine bessere Teststruktur, was PCR-Tests angeht. In Frankreich beispielsweise, das 16 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner weniger hat als Deutschland, wurden zu Wochenbeginn 501.635 Neuinfektionen mit dem Coronavirus binnen 24 Stunden nachgewiesen. Eine Zahl, die Deutschland nicht erreichen werden kann. Aber nicht etwa, weil sich in Deutschland viel weniger Menschen infizieren. Es liegt schlicht daran, dass in Deutschland derzeit maximal 429.898 PCR-Tests am Tag ausgewertet werden können.

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Österreich hat frühzeitig in die PCR-Test-Infrastruktur investiert

Ein Blick nach Österreich zeigt, was dort anders lief. Man hat den Prozess optimiert – und das zu einem Zeitpunkt, als die Welt noch nichts von Omikron gehört hatte, ja, noch nicht einmal von Delta. Lead Horizon hat vor mehr als einem Jahr begonnen, den PCR-Test massentauglich zu machen.

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Statt nur Verdachtsfälle mit dem sicheren Verfahren zu testen, wie Deutschland es durch die Antigen-Schnelltest-Strategie macht, investierte man in den Ausbau der Infrastruktur. Lead Horizon entwickelte nicht nur den Gurgeltest, sondern auch eine Web-App. Dadurch wurde ermöglicht, sich selbst daheim via PCR-Test zu testen und wenig geschultes Personal einbinden zu müssen.

Man hat stattdessen durch automatisierte und digitalisierte Prozesse wenig Aufwand. Die Menschen holen sich die Tests selbst ab und geben sie an den Abgabeorten ab, das ist 24/7 möglich. Wer in Quarantäne ist oder Symptome hat, kann eine andere Person mit dem Code schicken, da die Identifikation nur vor der Kamera beim Gurgeln selbst erfolgt. Die Post fährt die Abgabestellen zweimal täglich an und bringt die Kits ins Labor. Auch hier hat Österreich frühzeitig investiert, rund 40 Millionen Euro ließ es sich das Wiener Labor Lifebrain kosten, vor anderthalb Jahren den PCR-Sektor auszubauen. 800.000 PCR-Tests können hier täglich ausgewertet werden – auch, weil die Gurgeltests mit dem RT-PCR-Kreuz-Pooling-Verfahren analysiert werden.

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Kapazitäten einsparen durch das RT-PCR-Kreuz-Pooling-Verfahren

Das heißt: In Wien werden aktuell sieben Proben zusammengekippt und analysiert. Ist das Ergebnis negativ, bekommen alle sieben Personen einen negativen Bescheid. Ist das Ergebnis positiv, werden die Restbestände der einzelnen Proben erneut untersucht, um den positiven Test herauszufischen. „Vor Omikron hatten wir 10er-Gruppen im Pool, jetzt steigt die Positivitätsrate, daher ist zehn keine sinnvolle Anzahl mehr“, sagt Michael Havel, Geschäftsführer bei Lifebrain. Damit hat das Labor generell eine viele höhere Kapazität bei gleichem Personalstand.

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PCR-Tests, bei denen kein Abstrich in Rachen oder Nase genommen wird, sondern bei der eine Salzlösung gegurgelt wird, gibt es seit Monaten auch in Deutschland. Verschiedene Anbieter haben den Markt entdeckt. Corona Freepass ist einer der größten, ein Unternehmen der Hamburg Access Technologies HAT GmbH, mit 16 Gurgeltest-PCR-Stationen in deutschen Städten, überwiegend im Norden und Osten des Landes. In drei Laboren werden die Tests ausgewertet. Entstanden ist das Prinzip aus der Not, wie Geschäftsführer Axel Strehlitz sagt. „Ich komme aus der Veranstaltungsbranche - und wir haben eine Möglichkeit gesucht, Veranstaltungen trotz Pandemie sicher und zugänglich zu machen.“ Als er in einem Bericht von Gurgeltests las, arbeitete er sich ein.

Allerdings: Nur wer keine Symptome hat, wird laut Website bei Corona Freepass getestet – also rein für den Freizeitgebrauch, etwa, wenn Einreisebestimmungen eines Landes einen PCR-Test erfordern. Sollte der deutsche Staat aber auf Gurgeltests setzen wollen, stehe Corona Freepass bereit. „Es wird etwas dauern, die Kapazität zu erhöhen, aber wir haben noch Kapazitäten“, sagt Strehlitz.

Gurgeltests: erfolgreich, weil sie weniger schmerzhaft sind

In München und Erlangen liefen Tests mit Gurgelproben – auch hier gibt es ein Aber: Sie entsprechen nicht dem Standard eines RT-PCR-Tests, sondern sind quasi ein Mix aus Schnelltest und PCR-Test. Sechs bis 30 Proben werden dabei zusammen ausgewertet. Auch das Kölner Gesundheitsamt nutzt Gurgeltests, vor allem bei Mitarbeitenden im Pflegebereich, die sich trotz Impfungen regelmäßig testen müssen.

Die wollten, so heißt es in einem Bericht des Bayerischen Rundfunk, nicht mehr die schmerzhafteren Rachen- oder Nasenabstriche machen. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb man bei Lead Horizon so früh auf Gurgeltests setzte: „Dass der Test schmerzlos ist, war für uns die wichtigste Komponente“, sagt Pelzer, „das ist der Pluspunkt, der für die hohe Testbereitschaft in Wien sorgt.“

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Deutschland benötigt Monate zum Aufbau der Wiener Infrastruktur

Entscheidend sei, sagt Havel, was ein Labor in Deutschland wolle – denn grundsätzlich kann jedes Labor, das Rachen- und Nasenabstriche nach dem PCR-Verfahren auswertet, das auch mit Gurgeltests tun. „Wenn ein Labor wie Synlab wirklich will, haben sie die Infrastruktur in zehn, zwölf Wochen aufgebaut, um solche Kapazitäten zu entwickeln wie wir.“ Synlab ließ eine Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland am Mittwoch unbeantwortet. Die Aussage deckt sich mit Erfahrungen von Strehlitz von Corona Freepass. „Ich habe nicht den Eindruck, dass Labore großes Interesse haben.“ Zum einen habe man ihm kommuniziert, dass man als Wissenschaftler ungern Proben vermische, zum anderen sei es für Labore finanziell deutlich lukrativer, auf die teureren PCR-Varianten zu setzen.

In Österreich zeigt man sich bereit, Deutschland auf die Sprünge zu helfen. „Wir haben kein Interesse an Austausch“, sagt Havel, „wir brauchen keine Infos aus Deutschland.“ Aber: „Jeder Laborbetreiber kann gerne bei uns vorbeischauen und sehen, wie wir das machen – wir verlangen dafür auch kein ein Geld.“ Laut der Aussage von Lead-Horizon-Sprecherin Pelzer ist das Interesse aus Deutschland hoch. Schon seit einiger Zeit sei man in Gesprächen mit Laboren, Städten und anderen „Komponenten“, wie sie sagt. Vor allem seit etwa einem Tag, nachdem Spiegel Online darüber berichtet hatte, dass sich Lead Horizon vorstellen könne, nach Deutschland zu expandieren, würde man von Anfragen aus Deutschland überrannt.

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Gurgeltests kämen wohl zu spät für die Omikron-Welle

Wer aber genau hinhört, hört, dass das Wiener Modell für die aktuelle Omikron-Welle nicht taugt. „Innerhalb weniger Wochen könnten wir eine entsprechende Kapazität bieten“, sagt Pelzer. Anfang März wäre es möglich, den deutschen Markt zu bedienen. Auch die Umrüstungen in den Labors, wenn überhaupt gewollt, wird dauern, eher drei als zwei Monate. Die Omikron-Welle könnte dann bereits überstanden sein – die Kapazitäten würden dann vor allem für mögliche Wellen und Varianten danach aufgebaut.

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Für Deutschland scheint es keine Priorität zu sein, derart viel Geld in eine verspätete PCR-Test-Infrastruktur zu stecken. Auch wenn Bund und Länder sich darauf einigten, mehr Kapazitäten bei PCR-Tests schaffen zu wollen, legte die Politik keinen Plan vor, wie das geschehen solle, monierte der Vorsitzende des Verbands Akkreditierte Labore in der Medizin (ALM), Michael Müller. Strehlitz glaubt, durch den politischen Willen könne viel erreicht werden etwa durch das Umverteilen von Subventionen. Aber: Bisher ist das nicht erkennbar.

Stattdessen setzt sich Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) für PocNat-Testverfahren ein – Tests, die binnen 15 Minuten ausgewertet und zehnmal sensibler als die herkömmlichen Antigen-Schnelltests sind. Bei PocNat werden keine Labore benötigt, aber spezielle Geräte – die pro Gerät drei bis vier Tests pro Stunde auswerten können.

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