Interview

Bietet der Brexit Stoff für einen Krimi, Richard Osman?

Richard Osman, englischer Autor, Fernsehmoderator und Produzent, bei einem Get-together zur Vorstellung seines Buches „Der Donnerstagsclub“ im Garten des Ullstein Buchverlages.

Richard Osman, englischer Autor, Fernsehmoderator und Produzent, bei einem Get-together zur Vorstellung seines Buches „Der Donnerstagsclub“ im Garten des Ullstein Buchverlages.

Richard Osman, wer nachmittags das britische Fernsehen einschaltet, kennt Sie: als Moderator von Quizshows, unter anderem von „Pointless“ in der BBC ...

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ja, ich bin irgendwie immer da ... (lacht)

Nun sind Sie mit Ihren zwei „Donnerstagsmordclub“-Büchern zum Bestsellerautor geworden. Worauf spricht man Sie in England jetzt an – auf Ihre Quizshows? Oder sagen die Leute „Hey, ich habe Ihre Bücher gelesen“?

Das ist wirklich interessant, wie sich die Popularität verändert. Vor zehn Jahren hielten mich die Leute auf der Straße an, und jeder wollte über „Point­less“ reden. Im vergangenen Jahr aber waren es nur noch Leute, die sagten: Ich habe Ihr Buch gelesen. Für mich ist das wirklich schön. Wir reden über die Charaktere, plaudern über neue Bücher. Und ich liebe es, mich zu unterhalten, ich liebe es, neue Menschen zu treffen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ihre Romane sind im feinsten britischen Stil geschrieben: mehr Miss Marple, weniger Jason Bourne. Hatten Sie Vorbilder?

Jemand beschrieb „Der Mann, der zweimal starb“ mal als „James Bond trifft Miss Marple“. Und ich dachte: Hey, das trifft es! Das ist ungefähr so britisch, wie es nur irgend sein kann. Wie die meisten britischen Autoren liebte ich Agatha Christie schon immer. Das fließt in deine Knochen, wenn du aus England kommst: all diese Geschichten, die sie schrieb, diese tollen Wendungen, diese Britishness … Ich kann ein Buch schreiben, in dem oberflächlich alles charmant und lustig scheint – grüne Wiesen und blauer Himmel und so –, aber dann kann ich die schlimmstmöglichen Dinge geschehen lassen. So sind wir in Großbritannien: Wir sind dermaßen höflich, aber wir meinen nie wirklich das, was wir sagen.

„Ich glaube, absolut niemand hat jemals ein Angebot von Steven Spielberg abgelehnt“

Ihr erster Roman ist in 43 Ländern zum Bestseller geworden, auch in Deutschland. Und dann hat Steven Spielberg auch noch die Filmrechte erworben. Wie reagiert man, wenn einer der größten Filmemacher anruft und das erste Buch verfilmen will?

Das Buch war damals noch gar nicht erschienen, es gab nur eine Vorabversion und einige Leute hatten davon gehört. Es gab eine Auktion für Leute, die eine Fernsehserie daraus machen wollten. Wir hatten also ein paar Gespräche mit Interessenten, bis meine Agentin plötzlich sagte: Wir haben einen Anruf von Steven Spielberg, der einen Film daraus machen will. Da war klar: Okay, wir machen es mit ihm – es wäre absolut verrückt gewesen, es nicht zu tun. Ich meine, für fünf Minuten sitzt du da und denkst: Ach, vielleicht sollten wir es lassen. Aber ich glaube, absolut niemand hat jemals ein Angebot von Steven Spielberg abgelehnt.

Zur Person

 

Vom Fernsehen zum Krimi

Er gilt als der kluge Mann mit der Brille, der im Plauderton Prominente wie Nichtprominente durch seine Quizshows lenkt: Richard Osman (52) ist seit Jahren fester Bestandteil des BBC-Programms. Erst stand er als Produzent im Hintergrund, dann trat er 2009 in der Gameshow „Pointless“ an der Seite von Co-Moderator Alexander Armstrong vor die Kamera. Mit der Sendung „House of Games“ hat der gebürtige Engländer seit 2017 seinen Ruf als Gameshowmaster gefestigt. „Der Donnerstagsclub“ (‎List-Verlag, 464 Seiten, 15,99 Euro) war Osmans erster Roman – und er landete 2020 umgehend in den Bestsellerlisten. Auch der Nachfolgeband „Der Mann, der zweimal starb“ (List, 448 Seiten, 16,99 Euro) wurde zum Bestseller: Allein in der ersten Woche ging er in Großbritannien mehr als 100 000-mal über den Ladentisch und wurde damit zu einem der am schnellsten verkauften Romane. Osmans britischer Verlag Penguin zitiert gern die Euphorie eines nicht näher benannten Buchhändlers: „So etwas haben wir seit ,Harry Potter‘ nicht mehr gesehen.“ Im Herbst erscheint in England Band drei des Donnerstagsmordclubs, in Deutschland werden seine ersten beiden Bände ab Oktober auch als Taschenbuch erhältlich sein. Und währenddessen arbeitet ein ganz anderer mit der Geschichte weiter: Steven Spielberg verfilmt Osmans Debütroman. Er soll 2023 in die Kinos kommen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Der „Donnerstagsmordclub“ lebt nicht zuletzt davon, in England zu spielen – haben Sie Bedenken, dass sich der Film sehr vom Buch unterscheiden könnte?

Nein, ich glaube sogar, das muss er. Filme und Bücher sind unterschiedliche Dinge. Das Beste, das ich im Roman machen kann, ist, in die Köpfe der Charaktere zu schlüpfen. Aber das kann man in Filmen nicht. Und es gibt Strukturen, die für Filme notwendig sind, die man im Buch nicht braucht. Ein Film dauert zwei Stunden, ein Buch umfasst 90.000 Wörter. Beide sind sehr, sehr unterschiedlich. Ich bin sehr gespannt, wie sie es machen, aber ich bin sicher, sie bleiben dem Stoff sehr treu. Und der Film soll ebenfalls in England spielen. Das ist ja schon mal was.

Wann wird der „Donnerstagsmordclub“ in die Kinos kommen?

Sie werden hoffentlich dieses oder nächstes Jahr mit dem Drehen beginnen. Das Filmgeschäft ist so langsam. Ich habe schon drei Bücher geschrieben in der Zeit, in der sie das Drehbuch fertig hatten. Aber im nächsten Jahr soll er erscheinen, das sind meine jüngsten Informationen dazu.

Werden Sie im Film mitspielen?

Nein, ich glaube nicht. Viele Autoren tauchen in ihren Filmen auf, Harlan Coben zum Beispiel. Aber in England würde sich jeder fragen: Was macht der Typ aus dem Fernsehen da in einer Polizeistation in Kent? Ich könnte mir vorstellen, dass meine Mutter gern eine Nebenrolle hätte.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Sie könnten irgendwo im Hintergrund auf einem Fernsehschirm mit Ihrer Show zu sehen sein.

Oh, das ist eine sehr gute Idee! Niemand hat das bislang vorgeschlagen. Das gefällt mir.

„Es gibt also noch sehr viel mehr Donnerstagsmordclub“

Wann löst der Donnerstagsmordclub seinen nächsten Fall?

Ich habe Band drei gerade abgeschlossen, der im September in Großbritannien erscheint und in Deutschland wohl im Februar. Er heißt „The Bullet That Missed“ (Die Kugel, die nicht traf). Und ich habe gerade mit dem vierten Band begonnen. Es gibt also noch sehr viel mehr „Donnerstagsmordclub“ für die Leute.

Wir sind umgeben von guten Nachbarn, guten Freunden und Menschen, die anderen Gutes wünschen.

Richard Osman,

Autor und Fernsehmoderator

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

In Ihren Quizshows treffen Sie Tag für Tag jede Menge unterschiedliche Charaktere. Tauchen einige davon in Ihren Büchern wieder auf?

Ich treffe in der Tat einen Haufen Menschen in diesen Shows, aus allen Teilen der Gesellschaft. Und das hat mich vor allem zu einer Erkenntnis gebracht: Wir leben in einer Welt, in der uns in sozialen Medien kontinuierlich weisgemacht wird, dass jeder den anderen hasst, dass wir nichts gemeinsam haben, die Gesellschaft zerrissen ist. Wenn Sie aber über mehr als zehn Jahre eine Gameshow machen, stellen Sie fest: Wir sind alle gleich. Wir haben so viel mehr gemein, als uns trennt. In meinen Büchern will ich deswegen auch zeigen: Die Leute, die uns gegeneinander aufhetzen wollen, sind nicht in der Mehrheit. Es ist eine Minderheit. Die Shows zeigen: Wir sind umgeben von guten Nachbarn, guten Freunden und Menschen, die anderen Gutes wünschen.

Apropos Zerrissenheit: Bietet der Brexit Stoff für einen Krimi?

Nein, und ich sage Ihnen, warum: Da fehlt der Humor. Jeder Einzelne in Großbritannien steht auf der einen oder der anderen Seite. Menschen lieben den Brexit oder hassen ihn. Ich glaube, wir wollen das alles nur noch vergessen und sehen, ob wir einen Weg finden, da durchzukommen. Ich kann mir niemanden in Großbritannien vorstellen, der ein Jahr damit verbringen möchte, über den Brexit zu schreiben. Es ist deprimierend für die Seite, die gewonnen hat, und deprimierend für die, die verloren hat. Niemand möchte da noch mal durch. Das hat unser Land für immer verändert. Aber das ist Demokratie.

„Wenn Sie heute in einem Pub das Wort Brexit sagen, müssen Sie Geld in ein Glas werfen“

Das klingt sehr britisch: Keep calm and carry on.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Wir sind darüber hinweggekommen, indem wir es tief vergraben haben. Wir haben es unterdrückt. Wenn Sie heute in einem Pub das Wort Brexit sagen, müssen Sie Geld in ein Glas werfen. Einfach niemand möchte je wieder davon hören. Es ist, wie es ist. Ich kann nachvollziehen, wie es passiert ist und warum. Das 21. Jahrhundert wird hoffentlich eine andere Geschichte erzählen.

Ihr Buch spielt in einer Seniorenresidenz. Sie sind noch ein bisschen jung für solch eine Umgebung.

Meine Mutter lebt in einem Seniorendorf im Süden Englands. Ich besuche sie sehr oft, und ich unterhalte mich dort mit allen. Das ist ein wirklich netter Ort. Jeder ist über 70, aber es gibt so viel Tratsch, viele neue Freunde, es wird viel getrunken … Es ist immer irgendwas los, es gibt Komitees für einfach alles. Immer wenn ich dort runter fahre, bin ich von der Energie beeindruckt, die dort herrscht. Man erzählt uns ja immer: Alle über 70 sitzen in ihren Latschen vor dem Fernseher und tun nichts. Aber dort passiert so viel. Und ich dachte: Das ist eine ganz neue Welt, eine, von der ich so noch nie in Büchern gelesen habe.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Haben Sie Elizabeth, Joyce und andere Charaktere aus Ihren Romanen dort getroffen?

Wie in jedem Buch sind die Charaktere ein Mischmasch aus zahlreichen Menschen. Ich bin in einer großen Arbeiterklassefamilie in England aufgewachsen, und im „Donnerstagsmordclub“ gibt es zwei Leute aus dieser Gruppe – Joyce, die Krankenschwester, und Ron, der Gewerkschaftsführer war. Aber nun arbeite ich beim Fernsehen und lebe in London, ich treffe die ganze Zeit Leute aus der Mittelschicht. Also sind zwei der Charaktere Mittelschicht, Elizabeth, die frühere Spionin, und Ibrahim, der Psychiater. Und weil ich aus der einen Welt stamme und in der anderen gelandet bin, liebe ich es, über beide zu schreiben.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Würden Sie eines Tages gern in Coopers Chase leben, Ihrer fiktiven Seniorenresidenz aus den Büchern?

Oh ja, das würde ich sehr gern. Bei meiner Mutter haben sie ein schönes Restaurant, sie haben einen Fitnessraum, einen Pool, eine Bücherei, sie haben einen Snooker-Tisch, sie haben alles. Der Garten ist schön, und den ganzen Tag kommen irgendwelche Lieferwagen angefahren. Wenn meine Mutter ihre Ruhe haben will, geht sie in ihr Haus und schließt die Tür. Und wenn sie Gesellschaft will, geht sie auf ihre Terrasse und die Welt geht an ihrer Tür vorbei. Und das ist doch die Art, wie wir leben wollen, vor allem als ältere Menschen. Wir wollen uns nicht wegschließen lassen und keinen sehen. Wir wollen die Möglichkeit haben, Freunde zu treffen und Spaß zu haben. Und so ist es dort, wo meine Mutter lebt – sehr wie in Coopers Chase.

„Ich bin ein Entertainer“

In Ihrer Familie gibt es einen weiteren Prominenten: Ihr Bruder Mat ist eines der Gründungsmitglieder der Band Suede, und er schreibt ebenfalls. Haben Sie jetzt einen kleinen Wettbewerb unter Autoren gestartet?

Wir schreiben sehr, sehr unterschiedliche Bücher. Ich liebe meinen Bruder sehr, ich habe mich nie im Wettbewerb mit ihm verstanden. Ich wollte auch nie ein Rockstar werden. Wenn man uns trifft, erkennt man, dass wir Brüder sind. Man merkt aber auch, dass wir in völlig unterschiedlichen Richtungen unterwegs sind. Er ist so cool und so brillant. Und ich bin ein Entertainer. Wir ergänzen uns gut. Rund um Suede aufzuwachsen war schön. Jetzt mit ihm im selben Bereich unterwegs zu sein ist auch schön. Anders schön.

Ich glaube nicht, dass die Welt einen weiteren Prominenten braucht, der über Nachrichten redet oder seine Meinung kundtut.

Richard Osman,

Autor und Fernsehmoderator

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

War Ihr Bruder in einer Ihrer Shows?

Nein, nie. Weil er zu cool ist für mich. Ich habe ihn gefragt, aber er sagte nur: Hm, ich weiß nicht, ob das das Richtige für mich ist. Er ist cool, und das ist gut so.

Könnten Sie sich vorstellen, mal etwas anderes als Quizshows zu moderieren? Nachrichten oder das Frühstücksfernsehen?

Beim Moderieren mag ich Quizshows, etwas, das niemandem wehtut, und etwas, das ich selbst gern sehe. Aber ich äußere nicht gern meine Meinung. Ich glaube, in dieser Welt geben schon zu viele Prominente ihre Meinung zu irgendetwas ab. Und ich kenne so viele, die klüger sind als ich – Professoren und andere Leute, die ordentlichen Jobs nachgehen –, aber die fragt man nie, ob sie vielleicht im Fernsehen etwas sagen möchten. Ich glaube nicht, dass die Welt einen weiteren Prominenten braucht, der über Nachrichten redet oder seine Meinung kundtut. Ich bleibe lieber bei dem, das ich gut kann: unterhalten.

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter

Mehr aus Kultur

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Spiele entdecken