Gebäude von Stararchitekt Frank Gehry

Bilbao und der Guggenheim-Effekt – Ein Museum feiert silbernes Jubiläum

Das futuristische Guggenheim-Museum hat die Stadt Bilbao auf die touristische Landkarte gesetzt (Archivbild).

Das futuristische Guggenheim-Museum hat die Stadt Bilbao auf die touristische Landkarte gesetzt (Archivbild).

Madrid. Um den Guggenheim-Effekt zu verstehen, muss man sich eine Vorstellung von der Fallhöhe machen. Bilbao war eine Stadt, die einem, um mit Heinrich Heine zu sprechen, am besten gefiel, wenn man sie mit dem Rücken ansah. Dann kam das Museum. „Plötzlich sahen wir Leute mit dem Stadtplan in der Hand durch die Straßen laufen“, erzählte die Bilbainerin Ana Isabel ein paar Monate nach der Eröffnung. „Wir hatten gar nicht geahnt, dass es Stadtpläne von Bilbao gibt.“

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Es ist nicht so, dass früher niemand nach Bilbao gekommen wäre. Es erinnert sich nur niemand mehr, warum. 1996 kamen 266.000 Besucher in die baskische Industriestadt, zehn Jahre später mehr als 600.000, im letzten Vorpandemiejahr 2019 schon knapp eine Million. Fast die Hälfte von ihnen Ausländer, vor allem Franzosen und Deutsche. „Ausländische Touristen hat es hier früher nicht gegeben“, sagte Jon, ein Barmann, im Sommer 1998, als den Bilbainern noch ganz schwindelig war vom Guggenheim-Effekt.

Das alles hat ein Museum gemacht, und auch wieder nicht. Wenn es so einfach wäre, wäre es auch anderen geglückt. Viele haben versucht, Bilbao nachzueifern. Nirgends hat sich das Wunder wiederholt.

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Der erste Grund für den Erfolg des Projektes ist das Guggenheim selbst, seine Hülle: das Gebäude, das der kanadische Architekt Frank Gehry entwarf. „Es war ein glückliches Projekt und gar nicht teuer“, sagte der heute 93-Jährige vor ein paar Tagen in einem Interview mit der spanischen Zeitung El Mundo. Er ließ sich von sich selbst inspirieren, von seinem Entwurf für die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles, den er vor dem Bilbainer Guggenheim gezeichnet hatte, der aber erst sechs Jahre später nach diesem verwirklicht wurde.

Er schuf eine Architekturikone, vergleichbar der Sydney-Oper von Jørn Utzon oder Antoni Gaudís Sagrada Familia in Barcelona: Man erkennt sie auf der ganzen Welt und verbindet sie mit der Stadt, in der sie stehen. Das ist nicht vielen Architekten des 20. Jahrhunderts gelungen. Die Produzenten der James-Bond-Filme, immer auf der Suche nach spektakulären Drehorten, ließen Pierce Brosnan 1999 seine Abenteuer in „The world is not enough“ in Bilbao gegenüber dem Guggenheim beginnen.

Stadt hatte viel nachzuholen

Ein tolles Museum macht noch keine schöne Stadt. „Wir sind Lichtjahre entfernt von der Stadt, die die Touristen erwarten“, sagte die oben erwähnte Ana Isabel im Sommer 1998. Die 350.000-Einwohner-Stadt hatte viel nachzuholen und tat es. Fünfmal teurer als das Guggenheim war die Sanierung des Flusses Nervión, den zwei Jahrhunderte Industriegeschichte in eine Kloake verwandelt hatten. Heute ist er von 60 Fischarten und etlichen Ausflugsbooten bevölkert. Die Altstadt, nach einem Hochwasser 1983 halbzerstört, wurde respektvoll saniert. 1995, noch vor der Guggenheim-Eröffnung, ging eine erste Metrolinie in Betrieb, der Entwurf für die Bahnhöfe stammte von Norman Foster. Ein weiterer Star, Santiago Calatrava, baute eine elegante (allerdings rutschige) Fußgängerbrücke über den Nervión. Am Fluss entlang fährt seit 2002 eine Straßenbahn von der Altstadt zum Guggenheim-Museum.

Der Gehry-Bau blieb kein Solitär. Er war die Krone eines umfassenden Stadtumbaus, das weithin sichtbare Symbol eines auf lange Jahre angelegten Projektes, das Bilbao zur „Dienstleistungshauptstadt in einer modernen Industrieregion“ machen wollte. Der Erfolg misst sich nicht nur in Besucherzahlen, aber auch. Der Flughafen von Bilbao wird heute, abgesehen vom Inlandsverkehr, aus 21 europäischen Städten angeflogen; die Passagierzahlen verdreieinhalbfachten sich von 1996 bis 2019 auf knapp sechs Millionen.

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Bilbao ist die fünftreichste unter den 50 spanischen Provinzhauptstädten (nach San Sebastián und Vitoria, den baskischen Nachbarstädten, und Madrid und Barcelona). Vor einem Vierteljahrhundert musste Bilbao fürchten, sich nie mehr vom Niedergang seiner Industrie zu erholen. Heute strahlt die Stadt nach innen und nach außen. Nicht nur dank dem Guggenheim-Museum, aber auch.

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