„Ich bin genau der, der ich sein muss“

Fantastic Negrito: Wer ist dieser verrückte Typ?

Kleidet Leid und Hoffnung in ein großes Werk: Fantastic Negrito.

Kleidet Leid und Hoffnung in ein großes Werk: Fantastic Negrito.

Hannover. Wie will er angesprochen werden? Fantastic Negrito, so wie er sich als Künstler nennt, oder Xavier Amin Dphrepaulezz, wie er eigentlich heißt? „Lass mich in deine Augen schauen“, antwortet der 54-Jährige. Schließlich sagt er: „Ich vertraue dir. Entscheide selbst.“ Dphrepaulezz gibt das Zoom-Interview in seinem Hotelzimmer in Valencia. Am Abend tritt er in der spanischen Mittelmeermetropole auf, um die Songs seiner neuen LP „White Jesus Black Problems“ vorzustellen.

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Dphrepaulezz erzählt auf diesem Konzeptalbum die Geschichte des weißen schottischen Dienstmädchens Elizabeth Gallamore und eines schwarzen Sklaven, seiner Ururururururgroßeltern. Wie er bei seiner Ahnenforschung im Internet erfuhr, lernten sich die beiden 1759 auf einer Plantage in Virginia kennen, verliebten sich ineinander und bekamen mehrere Kinder.

„Ich bin nicht der, für den ich mich gehalten habe, aber ich bin genau der, der ich sein muss“, sagt Dphrepaulezz. „Wer hätte gedacht, dass ich mütterlicherseits von freien Menschen abstamme?“ Seinen Ururururururgroßvater nennt er einfach Großvater. Wie dieser hieß, ist nicht bekannt. Deshalb hat er ihm nun selbst einen Namen verliehen: Courage. Mut. Denn es habe nicht nur damals Mut gebraucht, diese verbotene schwarz-weiße Liebe zu leben, es brauche bis heute Mut, um sich Rassismus entgegenzustellen und sich für Menschlichkeit und ein echtes Miteinander starkzumachen. „Meine Großeltern haben dies vorgemacht.“ Ihre geradezu unglaubliche Entschlossenheit inspiriere ihn dazu, selbst „auf diesem evolutionären, transzendentalen, intergalaktischen Raumschiff der Liebe, der Geduld, des Verständnisses, der Freundschaft und des guten Willens zu reisen“, wie Dphrepaulezz es mit den bunten Worten eines Hippies formuliert.

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Der 54-Jährige mixt Blues, so wie man ihn zuerst am Mississippi und später in Chicago spielte, mit Punk und mit Prince. Sein Sound ist vernarbt und wahr. Immer wieder streunt er zu Funk und Pop. Wie schon auf seinen drei ersten Alben singt er an gegen Hass und Gewalt, damit sein eigener Sohn weder bei einem Amoklauf in der Schule noch von einem weißen Polizisten auf offener Straße erschossen wird.

Der Musiker hat in seinem Leben mehrfach bewiesen, dass man sich seinem vermeintlichen Schicksal nicht ergeben muss. Dphrepaulezz wuchs er im ländlichen Massachusetts in einer konservativen muslimischen Familie auf. Sein Vater, Jahrgang 1905, besaß ein Restaurant. Als eines von 14 Kindern musste er um alles kämpfen, selbst um ein Glas Milch. Als er zwölf war, zog die Familie ins kalifornische Oakland. Anstatt neue Freunde zu suchen, lief er von zu Hause fort, trieb sich herum und vertickte Drogen.

Auf dem Album bezeichnet Dphrepaulezz seinen Vater als „Elvis Presley of the Ghetto“. Was meint er damit? „Ich habe ein kompliziertes Verhältnis zu meinem Vater“, erzählt er. „Mein Vater starrte aus dem Fenster und zeigte mit dem Finger auf den Teufel. Doch er sah eigentlich nur sein eigenes Spiegelbild.“ Der Sohn sehnte sich nach Liebe. „Die konnte ich nicht von ihm bekommen“, sagt er. „Also versuche ich es weiter.“

Dphrepaulezz liebte Punk und Hip-Hop, doch es war Prince, dessen Songs ihn retteten. Er hörte dessen Album „Dirty Mind“ und flüchtete sich von der Straße in die Musik. Der Popstar aus Minneapolis, ein Autodidakt, regte ihn dazu an, sich so viele Instrumente wie möglich selbst beizubringen. Dphrepaulezz, inzwischen nach Los Angeles umgezogen, schlich sich dazu in den Musikraum der University of California in Berkeley, obwohl er gar kein Student war.

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1999 erhielt seine wundersame Lebensgeschichte einen weiteren, zunächst furchtbaren Dreh. Der Musiker verunglückte mit dem Auto und fiel für drei Wochen ins Koma. Nachdem er daraus erwacht war, zählte sein Arzt auf, wozu er künftig nicht mehr fähig sein werde, unter anderem zum Gitarrespielen. „Noch während der Doktor sprach, begann ich unter der Bettdecke damit, meine Finger und Zehen zu bewegen“, erinnert sich Dphrepaulezz. „Ich wollte ein Kämpfer sein, kein Verlierer.“

18 Jahre später, mit Ende 40, gewann er seinen ersten Grammy als neue schwarze Blues-Sensation. Zwei weitere sollten folgen.

„Komm hierher nach West Oakland, 32nd und San Pablo Avenue“, singt er nun, „die Dinge sind noch genauso wie heute vor 30 Jahren.“ In einem Film, der das Album begleitet, fragt er: „Was genau ist dieser amerikanische Traum, diese Bill of Rights, diese Besessenheit, was Freiheit und Waffen betrifft, dieses Versprechen von Freiheit und Gerechtigkeit für alle? Wann, wann, wann?“ Millionen Menschen gingen nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd auf die Straße, um gegen Polizeigewalt zu demonstrieren. Doch die „Black Lives Matter“-Bewegung scheint in den Corona-Jahren stark an Schwung verloren zu haben. Haben die Proteste etwas bewirkt? „Ich war nie jemand, der Slogans mag“, sagt Dphrepaulezz. „Schwarze Leben waren immer bedeutsam. Ich brauche niemanden, der mir sagt, dass mein Leben wichtig ist. Ungerechtigkeit ist Ungerechtigkeit, egal ob sie vor 2000 Jahren oder gestern geschah. Es passiert immer wieder.“

Musik, damit die Leute nachdenken

Lässt ihn das manchmal verzweifeln? „Ich bin nicht verzweifelt. Ich bin ein Künstler, und ich denke, ich bin bereit, der Welt beim Heilen zu helfen. Ich bin bereit, die Fragen zu stellen, die die Leute nicht stellen wollen. Ich bin bereit, mich all den schrecklichen Dingen in der Welt zu widmen. Ich bitte um nichts, nicht um Erlaubnis und nicht um Hilfe. Worum ich dich bitte, ist zuzuhören. Ich bitte dich, unvoreingenommen zu sein, und dein Herz wird zu dir sprechen. Denn die Wahrheit ist befreiend. Ich bin verliebt in diese Denkweise“, sagt Dphrepaulezz und klingt wie ein Mann mit einer geradezu heiligen Mission. „Ich mache keine Musik, damit die Leute sie genießen. Ich mache Musik, damit die Leute nachdenken. Ich mache Musik, damit wir eine Verbindung herstellen können. Das ist viel wichtiger. Wenn die Leute klatschen, sage ich manchmal: Hört auf! Ich will euren Applaus nicht. Was soll das bringen? Lasst uns lieber miteinander in Verbindung treten.“

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Doch das scheint in den USA immer schwieriger zu werden. Man ist sich über nichts mehr einig. Das Land wirkt gespaltener denn je, gerade wenn es um die Themen Waffenbesitz, Schwangerschaftsabbruch und Klimawandel geht. Sogar Wahlergebnisse, die Basis von Demokratie, werden angezweifelt.

Trotzdem singt Dphrepaulezz „Freedom will come I know one day I‘m sure that freedom will come“ – unüberhörbar inspiriert von „A Change is Gonna Come“, einer der Hymnen der Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre, und Martin Luther Kings „I have a dream“-Rede. Woher nimmt er diese Zuversicht? „Ich habe sie von meinen Großeltern“, antwortet er, speziell von seinem Großvater, der als Sklave wie Vieh behandelt worden sei. „Egal, was heute passiert, nichts ist vergleichbar mit dem, was sie damals durchmachen mussten.“

Prince, auch David Bowie, Miles Davis und George Clinton mit seinen Projekten Parliament und Funkadelic, sind seine Idole, weil sie sich niemals beirren oder verbiegen ließen. Am Anfang seiner Karriere hatte sich Dphrepaulezz noch beeinflussen lassen. Er hatte zwar einen Plattenvertrag. Das Album aber, das er aufnahm, floppte, weil er einfach nicht der nächste Michael Jackson war, den sich sein damaliges Label Interscope erhoffte. Ein „Chor von Leuten“ habe ihm vorschreiben wollen, wie er zu sein habe, wie er aussehen und klingen sollte, erinnert er sich in einem früheren Interview.

Nach dem Unfall ließ ihn Interscope fallen. „Ich war froh“, erzählt er. Gescheitert, aber frei tauchte er in das Nachtleben von Los Angeles ab, betrieb ein paar illegale Clubs, feierte, ging erst morgens um zehn schlafen, „dekadenter konnte man nicht leben“, erzählte er. „Oh, Mann. Das war so eine großartige Zeit.“

Der 2016 verstorbene Sänger Prince zählt zu seinen Idolen.

Der 2016 verstorbene Sänger Prince zählt zu seinen Idolen.

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Schließlich beschloss er, eine eigene Familie zu gründen und Marihuana-Farmer zu werden. Er zog zurück nach Oakland, verkaufte all seine Instrumente – bis auf eine Gitarre. Wieso behielt er gerade die? „Weil sie niemand haben wollte.“ – Wie hieß das Modell? – „Keine Ahnung. Nennen wir sie einfach Shit Guitar.“

Das Mistding sollte eine entscheidende Rolle spielen. Ohne sie wäre aus ihm wohl nicht Fantastic Negretio geworden: Eines Tages wollte sein Sohn nicht einschlafen. Dphrepaulezz konnte ihn nicht beruhigen. Da erblickte er die Gitarre unter dem Sofa, zog sie hervor und schlug mit seiner vom Unfall bis heute lädierten rechten Hand einen Akkord an. G-Dur. „Wow!“ Das Gesicht seines Sohnes werde er niemals vergessen, erzählt er. „Mein Kind erinnerte mich daran, welche unfassbare Power Musik hat. Warum sollte ich das aufgeben?“

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