„Ich nutze Prominenz dafür“

Was zieht Sie immer wieder auf die Straße, Fatih Akin?

Fatih Akin: „Hätte ich einen ähnlichen Film über den Kaufhauserpresser Dagobert gedreht, hätte keiner gesagt: Muss das sein?“

Fatih Akin: „Hätte ich einen ähnlichen Film über den Kaufhauserpresser Dagobert gedreht, hätte keiner gesagt: Muss das sein?“

Die Berlinale 2004 endete mit einer Sensation: Fatih Akin gewann mit „Gegen die Wand“ den Goldenen Bären – als erster deutscher Filmemacher seit 18 Jahren. Das Kinodrama mit Biröl Ünel und Sibel Kekilli über eine unglückliche Scheinehe katapultierte Akin in den Kinohimmel. Von da an war er Gast bei den großen Festivals. In Cannes zeigte er 2017 das NSU-Drama „Aus dem Nichts“, das Diane Kruger die Darstellerinnen-Palme in Südfrankreich und ihm selbst in Hollywood den Golden Globe bescherte. Seiner Heimatstadt Hamburg blieb der 1973 geborene Sohn türkischer Eltern stets treu, wie sein wohl größter Publikumserfolg „Soul Kitchen“ (2009) bewies, eine Kneipenkomödie. Nun widmet sich Fatih Akin im Drama „Rheingold“ dem bewegten Leben des Deutschrappers Xatar.

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Fatih Akin, seit Ihrem Berlinale-Sieg 2004 mit „Gegen die Wand“ stehen Sie für das Wilde, Unbändige im deutschen Kino: Sind diese Eigenschaften eine Frage des Alters oder der Haltung?

Das entspricht wohl meinem Charakter und wird sich hoffentlich auch nicht mehr ändern. Ich habe aber auch schon Filme mit einem eher melancholischen Ton gedreht wie „Auf der anderen Seite“, die Geschichte von sechs Menschen aus der türkischen und der deutschen Kultur, deren Schicksal miteinander verflochten ist. Bei dem Film wollte ich mir beweisen, dass ich auch etwas Ruhiges hinbekomme. Damals, 2007, war nicht ganz unwichtig, dass ich gerade Vater geworden war. Aber das Wilde liegt mir sicher näher.

Wie abgeklärt gehen Sie heute in ein neues Projekt: Ist eine gewisse Naivität immer noch hilfreich?

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Bei jedem Film ist das anders. Das macht ja gerade den Reiz aus. Erfahrung ist wichtig, sie ist ein verlässlicher Partner. Ich versuche aber zu vermeiden, Gewohnheiten nachzugeben. Bei mir steht am Anfang jedes Films ein Gefühl. Hinterher kann ich dann hoffentlich sagen, dass der Film diesem Gefühl entspricht. Bei meinem aktuellen Film „Rheingold“ über den Rapper Xatar sollte alles großzügig sein. Der Film ist wie eine rasante Autofahrt: Immer wieder gibt es Abfahrten in neue Genrelandschaften – Einwanderungsdrama, Coming-of-Age-Geschichte, Musik- und natürlich Gangsterfilm.

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Sie gehen schnurstracks auf die 50 zu und sind auf Fotos mit großer Lesebrille zu sehen: Können Sie mit dem Begriff Midlife-Crisis etwas anfangen?

Was die Brille betrifft: Das ist eine Gleitsichtbrille. Die brauche ich jetzt halt. Und was die Krise angeht: Wenn ich eine hatte, dann schon vor sieben oder acht Jahren – nach dem Flop meines Kinodramas „The Cut“ über den Völkermord an den Armeniern.

Was ist damals mit Ihnen passiert?

Ich wusste nicht mehr, ob das alles richtig ist, was ich mache. Das war eine harte Zeit. Damit meine ich jetzt nicht das Wochenende beim Festival in Venedig, als dieser 15-Millionen-Euro-Film von der Weltpresse zerlegt wurde, sondern die Zeit danach. So etwas war mir bis dahin noch nicht passiert. Es kam mir so vor, als würde ich für meine vorherigen Erfolge bestraft. Das hat lange nachgewirkt. Ich habe mich gefragt, ob das bürgerliche Leben wirklich etwas für mich ist, ob es mir nicht künstlerisch im Wege steht.

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Was hat Sie aus Ihrem Loch wieder herausgeholt?

Die Verfilmung des Romans „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf über zwei jugendliche Außenseiter, die mit einem gestohlenen Auto in den Sommerferien durch den Osten Deutschlands düsen. Dieses Projekt war mir gewissermaßen zugeflogen, wenige Wochen vor Drehbeginn. Es war eigentlich viel zu wenig Zeit zum Vorbereiten. Damals sagte ich mir: Was kann ich schon verlieren, was ich nicht schon verloren habe? Ohne die bittere Erfahrung mit „The Cut“ hätte ich den Film nie gemacht. So bin ich einfach reingesprungen, was sonst gar nicht meine Art ist.

Was ist Ihre Art?

Bis dahin habe ich mich immer extrem lange und präzise vorbereitet. Bei „Tschick“ empfand ich die Dreharbeiten wie Jazz. Ich habe improvisiert und aus dem Bauch heraus entschieden. Der Film hat mich in jeder Hinsicht gerettet. Zum zweiten Mal nach „Solino“ arbeitete ich nicht mit einem eigenen Filmstoff, ebenso wie später bei meinem Frauenmörderfilm „Der Goldene Handschuh“. Bei „Tschick“ habe ich viel für mein Handwerk als Regisseur gelernt. Irgendwann habe ich gemerkt: Das klappt.

Jetzt haben Sie einen Film über einen Mann mit einem wilden Leben gedreht, über den Deutschrapper Xatar: Was muss ein Kinoheld mitbringen, damit er Sie anspricht?

Bei Xatar war es dessen Biografie. Seine ersten Erinnerungen führen zurück in die Zeit im Knast in einem irakischen Gefängnis. Seine Eltern, iranische Kurden, waren vor Chomeini geflüchtet. Das klingt heute wieder erschreckend aktuell. Da muss man sich nur mal hineinversetzen. Ich bin zehn Jahre älter als er. Was sind die ersten Erinnerungen meines Lebens? Ich bin mit meinen Eltern behütet in Hamburg aufgewachsen. In Xatars Leben steckt so viel mehr drin als das eines Gangsta-Rappers, der mal einen Transporter mit Zahngold überfallen hat.

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Was denn?

In Xatars Musik spielen viele Traditionen rein. Kurdische Balladen zum Beispiel. Oder denken Sie an Bob Dylan und Joni Mitchell. Für sie alle geht es immer auch darum, mit der Musik Geschichten zu erzählen. Oder auch Klagelieder zu singen. Das ist richtige Oral History.

Xatars kleine Tochter fragt ihren Vater im Film einmal entsetzt, ob er ein Krimineller sei. Ist ein Typ mit so einer Vergangenheit eine geeignete Identifikationsfigur für ein breites Publikum?

So etwas frage ich mich nie. Sonst müsste ich mich ja auch fragen, ob der Hamburger Frauenmörder Fritz Honka als Identifikationsfigur taugt. Ich interessiere mich für diese Figur. Deshalb glaube ich, dass das auch andere da draußen tun. Zumal Xatar mit seiner Musik ein großes Publikum hat, vor allem ein junges. Für mich ist „Rheingold“ mehr als ein Gangsterfilm, aber wenn er nur das wäre: Deren Helden waren nie reine Sympathieträger. So ein Charakter ist rein filmisch und dramaturgisch viel aufregender. Aber auch im Leben interessieren mich kaputte Typen mehr als die heile Welt.

Sie haben aber auch schon mit Glamourfiguren wie Diane Kruger gedreht.

Das war ein Findungsprozess. Was ich bei meinem NSU-Drama „Aus dem Nichts“ bestimmt nicht wollte, war so ein Bling-Bling-Ding. Erst als ich Diane beim Castingprozess besser kennenlernte, wusste ich, dass ich mit ihr tiefer würde schürfen können. Es ging auch darum, diese schöne Hülle zu knacken.

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Ihr Hauptdarsteller Emilio Sakraya sagt über seine Figur Xatar: „Für die Deutschen bleibt er immer der Kanake.“ Wie dringlich ist das Thema Fremdenfeindlichkeit in diesem Film?

Noch keinem meiner anderen Filme ist so viel Ablehnung entgegengeschlagen.

Ablehnung von wem?

Wenn ein sogenannter Politiker wie Wolfgang Kubicki den immerhin vom Volk gewählten türkischen Präsidenten „Kanalratte“ nennt, was glauben Sie, was andere Leute über einen Gangsta-Rapper wie Xatar sagen? Mir ist so viel Vulgäres, Ablehnendes, Beleidigendes über ihn entgegengeschleudert worden. Hätte ich einen ähnlichen Film über den Kaufhauserpresser Dagobert gedreht, hätte keiner gesagt: Muss das sein? Hier ist mir viel versteckter Rassismus entgegengekommen. Das ist alles sehr ernüchternd gerade.

Sie haben, so weit bekannt, anders als Xatar weder mit Kokain gedealt noch Leute krankenhausreif geprügelt noch zentnerweise Zahngold geklaut: Sehen Sie dennoch Parallelen zu Ihrem Leben?

Wir sind beide in sozialen Brennpunkten aufgewachsen. Auch meine Hamburger Hochhaussiedlung war ein hartes Pflaster mit ziemlich vielen Kriminellen. Er schaffte es aufs Gymnasium, ich auch. Das taten nur ganz wenige aus meiner Nachbarschaft. Mein Gymnasium war allerdings ziemlich multikulturell. Xatar und ich sind beide in der Unterhaltungsindustrie gelandet, weil wir unsere eigenen Erfahrungen zu Kunst gemacht haben. Mein erster Spielfilm „Kurz und schmerzlos“ erzählt vom Gangleben auf der Straße.

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Wären Sie wirklich noch viel lieber Musiker geworden?

Musik ist Therapie. Musik ist Heilung. Musik ist das Schönste. Musik ist die purste Kunstform von allen. Da beziehe ich deutschen Rap ein. Ein Rapper wie Haftbefehl benutzt seine Stimme beinahe wie ein Instrument. Das sind alles hochkarätige Leute.

Sie haben „Kurz und schmerzlos“ von 1998 erwähnt: Wieso zieht es Sie immer wieder zurück auf die Straße?

Westernhagen singt ja auch: Ich will zurück auf die Straße. Damit kann ich mich voll identifizieren. Anfangs hatte ich gedacht, ich drehe „Rheingold“ mal eben so. Und dann habe ich gemerkt, wie groß das ist. Krieg, Flucht und Vertreibung spielen rein. Aber ich konnte mich auf mein Wissen über die Straße verlassen. Damit habe ich mich wohlgefühlt. Es würde mich nicht wundern, wenn ich alle fünf, zehn Jahre wieder auf der Straße lande. Aber dazwischen mache ich Liebesfilme, Horrorfilme, Dokumentarfilme .

Und was ist mit der schon lange angekündigten Serie über Marlene Dietrich?

Die kommt, wenn es mit der Finanzierung klappt. Natürlich mit Diane Kruger. Wenn es passiert, wird es das größte aller meiner Projekte, größer als „The Cut“ und „Rheingold“ zusammen. Aber ich bin ja immer mit mehreren Filmen gleichzeitig beschäftigt: Gerade bereiten wir die Verfilmung eines Drehbuchs von Hark Bohm über seine Kindheit auf der Nordseeinsel Amrum vor.

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Wäre Fatih Akin derselbe Filmemacher geworden ohne seinen Mentor Martin Scorsese?

Scorsese war richtungweisend für mich, so eine Art Kompass. Das heißt nicht, dass ich meine Filme so machen wollte wie er. Er war ein Mutgeber: Man kann aus dem Ghetto kommen und es im Film trotzdem zu etwas bringen. Man muss kein blaues Blut haben. Mit Scorsese und seiner Jugend in Little Italy in New York konnte ich mich identifizieren. Von ihm wusste ich auch, dass man aus Krisen wieder hervorkommt, wenn man nur zäh genug ist. Um es mit Rocky Balboa zu sagen: „Der Punkt ist nicht der, wie hart einer zuschlagen kann. Es zählt bloß, wie viele Schläge einer einstecken kann und ob er trotzdem weitermacht.“

Ihre frühere Filmfirma hieß Corazón. Auch Sie haben Ihr Herz immer vorangetragen: Was reizt Sie daran, politisch Stellung zu beziehen?

Es gibt einfach Sachen, die ungerecht sind und auf die ich aufmerksam mache. Ich nutze Prominenz dafür. Ich würde mich aber nie bei einer Partei einordnen.

Vor zehn Jahren kam Ihr Dokumentarfilm „Müll im Garten Eden“ ins Kino: Was ist aus der stinkenden Müllkippe an der Schwarzmeerküste beim Dorf Ihres Großvaters geworden?

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Die gibt es tatsächlich nicht mehr. Sie ist erfolgreich gestoppt worden. Allerdings: Dafür ist eine Müllkippe zwei Dörfer weiter eröffnet worden. Der Sieg schmeckt also bitter.

Sind Kulturschaffende heute mehr gefährdet denn je – siehe ganz aktuell die iranischen Regisseure Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof?

Heutzutage ist jeder Einzelne gefährdet. Vielerorts Frauen, nur weil sie Frauen sind. In manchen Ländern sind Darth-Vader-Typen am Ruder, in anderen bereichern sich Politiker. Überall gibt es Demokratiefeinde. Um dagegen anzugehen, braucht es mehr als Solidaritätserklärungen unter Filmemachern. Es muss Solidarität zwischen allen Menschen geben. Die Freiheit kommt ja nicht mit der Post. Sie muss hart erarbeitet werden.

Trauen Sie sich nach Ihrem Film „The Cut“ noch, in die Türkei zu reisen?

Zunächst bin ich noch hingefahren. Heute weiß ich allerdings nicht mehr, wie cool das wäre. Ich weiß es wirklich nicht.

Wie schauen Sie heute auf das Herkunftsland Ihrer Eltern?

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Das Land bleibt das Land. Die Menschen sind immer noch dieselben. Aber Regierungen sind wie Wolken, die ziehen vorüber.

Noch mal zurück zum Film „Rheingold“: Das Gold aus dem Transporter ist bis heute nicht wieder aufgetaucht. Sie müssen es jetzt doch wissen: Wo ist es versteckt?

Ich habe Xatar nie gefragt, wo der Goldschatz abgeblieben ist. Ich komme genau wie er ja auch von der Straße. So etwas fragt man da nicht.

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