Im Kopf des Erlöschenden – Demenzdrama „The Father“ mit Anthony Hopkins

Seine Welt löst sich auf: Anthony (Anthony Hopkins) spielt in „The Father“ einen Demenzkranken.

Seine Welt löst sich auf: Anthony (Anthony Hopkins) spielt in „The Father“ einen Demenzkranken.

Wie fühlt sich das wohl an? Wenn plötzlich ein Fremder in der eigenen Wohnung steht, von dem man nicht so genau weiß, ob man ihn vielleicht doch kennen sollte? Oder wenn das Lieblingsbild, gemalt von der seltsamerweise verschwundenen jüngeren Tochter Lucy, nicht mehr an der Wand hängt, wo es immer hing? Oder wenn die ältere Tochter Anne am Morgen ganz anders aussieht als am Abend zuvor – aber immer noch behauptet, sie würde nach Paris ziehen und einen in London zurücklassen?

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Anthony erlebt jeder Tag solche verwirrenden Veränderungen – und er ist keinesfalls die Figur in einem Hitchcock-Thriller, in dem die Dinge ja auch nicht immer das sind, was sie zu sein scheinen. Anthony (Anthony Hopkins) ist ein gepflegter alter Herr, der gern im Jackett in seinem großzügigen Londoner Apartment sitzt und klassische Musik hört. In solchen Momenten wirkt er höchst konzentriert und mit sich im Reinen.

Ohne Musik zerfällt Anthonys Welt in Stücke

Doch sobald Anthony die Kopfhörer abnimmt, zerfällt die Welt vor seinen Augen in Stücke, die einfach nicht zueinander passen wollen. Und weil wir Zuschauer in Florian Zellers Regiedebüt „The Father“ diese Welt allein mit Anthonys Augen wahrnehmen, erfasst diese Beunruhigung auch uns. Unser Misstrauen wächst genauso wie das von Anthony.

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Seltsame Überlegungen durchzucken den Zuschauer anfangs: Wäre es möglich, dass jemand Anthony Böses will, vielleicht seine Tochter Anne (Olivia Colman), die doch mit Engelsgeduld für ihn da ist und ergeben akzeptiert, dass er wieder mal eine eigens engagierte Betreuerin mit Beleidigungen und Verdächtigungen vergrault hat? Und dann ist da auch noch dieser Fremde, der sich als Annes Gatte ausgibt und Anthony mit unflätigen Worten aus dessen eigener Wohnung scheuchen will.

Was wir erst allmählich begreifen: Anthony leidet unter Demenz, und er selbst kämpft mit zunehmender Verzweiflung gegen diesen Zustand an.

Zeit lässt sich nicht mehr in ein Vorher und Nachher sortieren

Wut, Zorn, Hilflosigkeit: So reagiert Anthony auf das, was sich immer mehr seiner Kontrolle entzieht. Nicht einmal die Zeit will sich noch in ein Vorher und ein Nachher sortieren lassen. Die Gegenwart entgleitet, wenn morgens und abends allmählich ineinanderfließen. An­tho­nys Leben gerät in eine Zeitschleife – und statt im Jackett geht er jetzt immer öfter im Pyjama durch den Tag.

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Nur als die neue Kraft Laura (Imogen Poots) sich vorstellt und ihn unverhofft an seine Tochter Lucy erinnert, wird er noch einmal zum unbeschwerten Charmeur im Schlafanzug. Aber da warnt Anne aus eigener leidlicher Erfahrung Laura auch schon: So zugänglich und zugewandt werde ihr Vater nicht bleiben.

In dem packenden Kinodebüt des französischen Theaterautors Florian Zeller werden wir an die Krankheit Demenz herangeführt wie wohl kaum je zuvor in einem Film. Zeller hat sein eigenes Stück zusammen mit dem Briten Christopher Hampton („Mary Reilly“, „Abbitte“, „Eine dunkle Begierde“) in ein Drehbuch verwandelt.

Die Farben der Wände verändern sich unverhofft

Nun sitzen wir fest im Kopf von Anthony – so ähnlich wie einst in dem von John Malkovich in „Being John Malkovich“. Aber das war 1999 eine abgedrehte Komödie. Im Film von Zeller dagegen können wir nicht erkennen, wo die Wirklichkeit aufhört und das Halluzinieren beginnt.

Dazu trägt auch das clevere Setting bei, das zusätzliche Unruhe garantiert: Die Farben an den Wänden verändern sich unverhofft zwischen zwei Einstellungen, Türen werden zu Schränken, die Wohnung erscheint mal größer und mal kleiner. Manchmal lassen sich diese Veränderungen auch nur erspüren, ohne dass man sie genau benennen könnte.

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Das ist noch einmal ein ganz anderer Ansatz als der in dem ebenso faszinierenden Demenzdrama „Still Alice – Mein Leben ohne Gestern“ (2014), in dem wir einer Linguistikprofessorin in die Abgründe ihrer Krankheit folgen (bravourös gespielt von Julianne Moore), und auch ganz anders als der in Michael Hanekes Drama „Liebe“ (2012), in dem Georges (Jean-Louis Trintignant) das Leiden seiner dementen Frau Anne (Emmanuelle Riva) nicht mehr erträgt und ihr ein Kissen ins Gesicht drückt, bis sie erstickt.

Anthony Hopkins spielt mit grandioser Selbstverständlichkeit

Das Einzige, woran man sich festhalten kann in diesem aufrührenden Film, ist die gänzlich unangestrengte Darstellungskunst von Anthony Hopkins. Mit grandioser Selbstverständlichkeit taucht er ein in die Rolle, die ihm näher kommen müsste, als ihm lieb ist: Sein Filmcharakter heißt nicht nur wie er, sondern hat auch noch am selben Tag Geburtstag, ist zudem genauso alt.

Hopkins, einst der kulinarisch veranlagte Serienkiller Hannibal Lecter („Das Schweigen der Lämmer“) und kürzlich der deutsche Papst Benedikt („Zwei Päpste“) bei Netflix, bekam für den Auftritt als dementer Anthony im April den verdienten Oscar zugesprochen. 83 Jahre war er da alt – und damit der älteste Preisträger bislang.

„The Father“, Regie: Florian Zeller, mit Anthony Hopkins, Olivia Colman, Imogen Poots, 97 Minuten

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