Sohn der Beatles-Legende im Interview

Julian Lennon: „Ich habe mich aufs Neue in meinen Dad verliebt“

Hat nach langer Pause ein neues Album gemacht: Julian Lennon.

Hat nach langer Pause ein neues Album gemacht: Julian Lennon.

Hannover. Julian Lennon, auf dem Cover Ihres neuen Albums „Jude“ ist ein Foto des fünfjährigen Julian Lennon zu sehen. Was kommt Ihnen spontan in den Sinn, wenn Sie das Bild sehen?

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Der arme Kerl! (lacht) Nein, im Ernst, ich wäre heute nicht der Mensch, der ich bin, hätte ich nicht schon sehr früh einiges an Irrungen und Wirrungen, an Tiefschlägen und Demütigungen durchlitten. Ich habe über die Jahre manchen Kampf ausgefochten, und ich bin zunächst einmal glücklich, dass ich noch am Leben bin. Soweit ich das beurteilen kann, bin ich gesund, und der Kopf sitzt am richtigen Platz.

Es scheint Sie zu verblüffen, eine intakte Person zu sein?

Ich hatte so viele Gelegenheiten, falsche Abzweigungen zu nehmen. Einige Male wäre das fast passiert, ich stand zuweilen nah ab Abgrund. Meine Mutter war hin und wieder sehr besorgt um mich, aber da war ich noch jung. Irgendwie habe ich mich durchschlagen können durch dieses Chaos namens Leben.

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Der Albumtitel ist eine Anspielung auf den Beatles-Song „Hey Jude“, den Paul McCartney für Sie schrieb, um Sie nach der Trennung Ihrer Eltern aufzumuntern. Gefällt Ihnen das Lied eigentlich?

Heute mag ich den Song. Lange hatte ich ein schwieriges und ambivalentes Verhältnis zu „Hey Jude“, weil es mich immer an eine traurige Zeit in meinem Leben erinnerte.

Ist der Titel ein weiterer Schritt, sich mit Ihrer Vita zu arrangieren?

Ja, das ist korrekt. „Jude“ fühlte sich jetzt einfach stimmig an. Der Titel ergibt Sinn.

Warum?

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Ich habe einen langjährigen Annäherungsprozess hinter mir. Es war nicht so, dass ich mich und meine familiären Bindungen versteckt oder negiert hätte. Ich hielt immer auch eine Verbindung zu den Beatles, zu ihrer ganzen Geschichte, ich bin freundschaftlich mit Paul verbunden und hatte ein gutes Verhältnis zu George. Die Beatles und John Lennon waren in der Vergangenheit aber irgendwie auch ein beständiger Stressfaktor für mich. Es war eine Bürde, ein Lennon zu sein. Die Leute, wirklich ausnahmslos, sahen in mir zuallererst mal den Sohn von John. Das war natürlich wenig verwunderlich, aber für einen jungen Mann, der seinen eigenen Weg finden und gehen will, war es natürlich auch hart.

Können Sie diesen Annäherungsprozess etwas genauer beschreiben?

Es gab nicht den einen Schlüsselmoment, sondern viele einzelne Schritte, die mich zu einem Ort gebracht haben, an dem ich meinen Frieden damit machen konnte, wer ich bin und wer ich immer sein werde. Ein besonderes Signal für mich war die Sache mit der Namensänderung. Mein legaler Name war John Charles Julian Lennon. Glaub mir, es gab nicht eine einzige Pass­kon­trol­le in all den Jahren, an der ich mir keinen Kommentar anhören musste, von bewundernd bis fies war alles dabei. Wo auch immer ich meinen ursprünglichen Namen vorzeigen musste, wurde ich nervös und gestresst. Also entschied ich 2020: „Ich will jetzt auch offiziell Julian sein.“ Also änderte ich den Namen in Julian Charles John Lennon.

Haben Sie sich dadurch nicht eher von Ihrem Vater distanziert?

Ich habe das Gegenteil empfunden. Die bewusste Auseinandersetzung mit meinem Namen hat mich ihm nähergebracht. Und dann war da im vergangenen Jahr „The Beatles: Get Back“, der großartige Film von Peter Jackson. Ich habe ihn mir mit Sean zusammen angeschaut (Sean Lennon ist der gemeinsame Sohn von John und Yoko Ono, Anm. d. Red.), wir haben heute ein viel engeres Verhältnis als früher. Und ich habe mich wirklich aufs Neue in meinen Dad verliebt. In dem Film war er wieder der liebenswert tapsige Typ, den ich mit drei, vier, fünf Jahren kannte, bevor sich alles für uns als Familie veränderte.

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Wie wichtig ist Ihr eigener Erfolg für die Emanzipation des Julian Lennon?

Immens wichtig. Ich fühle mich komplett angekommen bei mir selbst und bei meiner Arbeit. Ich konnte mir mit meinen Tätigkeiten, von Wohltätigkeitsveranstaltungen bis zum Schreiben von Kinderbüchern, ein so starkes Fundament aufbauen, dass ich die Angst nicht mehr habe, unzulänglich zu sein. Ich habe es vollbracht, über den Buckel, den mir das Leben in den Weg gelegt hat, nicht nur zu springen, sondern auf der anderen Seite sicher aufzukommen.

„Jude“ ist Ihr erstes Album seit 2011, Sie arbeiten als Dokumentarfilmer und Fotograf, haben die Kinderbuchtrilogie „Touch the Earth“ geschrieben, und mit Ihrer Stiftung The ­White Feather Foundation vergeben Sie beispielsweise Stipendien an afrikanische Schülerinnen. Warum laden Sie sich mit so viel Arbeit voll?

Weil ich irgendwo hinmuss mit meiner Energie. Ich liebe es, Projekte anzuschieben und auf einer ganzen Reihe von Ebenen kreativ zu sein. Wenn ich viel Zeit habe, um mich zu sammeln, wird mir relativ schnell unwohl. Ich langweile mich schnell, wenn nichts los ist. Gerade erst vergangene Woche hatte ich praktisch frei, und dann habe ich mal schnell hier eine Wand rausgerissen. Unglaublich, was das für einen Müll gemacht hat. Ich glaube, ich bin immer noch ein bisschen staubig.

Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass Ihre Arbeit Wirkung hat?

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Das war Anfang der Neunzigerjahre, als ich mit meinem Umweltsong „Saltwater“ in Australien tourte. Eine Ureinwohnerin kam zu mir in die Hotellobby, überreichte mir eine weiße Feder und sagte: „Du hast eine Stimme, du kannst uns helfen.“ Sie erzählte mir, wie ihr Stamm seit Hunderten von Jahren unterdrückt wurde, und so verbrachte ich später zehn Jahre, um über diesen Stamm die Dokumentation „WhaleDreamers“ zu drehen, für die wir diverse Filmpreise bekamen und mit der wir Geld sammeln konnten für die Stiftung.

Gemeinsam in Hollywood: In Los Angeles haben Julian (l.) und Sean Lennon eine Vorstellung von Peter Jacksons „The Beatles: Get Back“ besucht.

Gemeinsam in Hollywood: In Los Angeles haben Julian (l.) und Sean Lennon eine Vorstellung von Peter Jacksons „The Beatles: Get Back“ besucht.

Was hatte es mit der weißen Feder auf sich?

Mein Vater sagte einmal zu mir – und ich weiß nicht mehr, wann oder wo –, dass, sollte ihm etwas zustoßen, er mir mit einer weißen Feder mitteilen wird, dass alles in Ordnung kommt. Ich bekomme bis heute Gänsehaut, wenn ich an die Ureinwohnerin und ihre Feder denke.

Gibt es einen bestimmten Grund, warum Sie seit 2011 zum ersten Mal wieder ein Album aufgenommen haben?

Ich habe nie aufgehört, Musik zu machen. Vor ein paar Jahren räumte ich die Kisten aus dem Büro meines Ex-Managers aus und fand darin alte Demoaufnahmen aus den Achtzigern und Neunzigern von Songs, die nie ganz fertig oder nie ganz rund geworden sind. Während Corona nahm ich mir die Lieder aus den Kartons vor und polierte sie im Studio so weit auf, bis ich dachte: Das wird ja wirklich ein Album.

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Sie haben im April bei einer Onlinebenefizveranstaltung zugunsten ukra­ini­scher Geflüchteter zum ersten Mal „Imagine“, das wohl berühmteste Lied Ihres Vaters, gesungen. Wie war das?

Auf vielen Ebenen äußerst bewegend. Der Moment war einzigartig. Ich war mir ja immer sicher, dieses Lied niemals im Leben singen zu müssen, es war auch generell nie meine Absicht, Songs der Beatles oder meines Vaters neu aufzunehmen. Warum sollte ich auch? Mein Vater hat „Imagine“ perfekt hinbekommen, das lässt sich nicht übertreffen. Aber dann brach dieser Krieg aus mit seiner unvorstellbaren Grausamkeit. Überall auf der Welt gibt es Flüchtlinge, und es ist immer ein schreckliches Schicksal, aber dank der Medien konntest du jetzt hautnah dabei sein und in Echtzeit sehen, was Putins Angriff für ein Leid verursacht. Als die Anfrage kam, schaute ich meine Managerin an, sie schaute zurück. Wir mussten nichts sagen, wir wussten beide: Okay, jetzt ist es so weit. Wir haben es gemacht, um den Flüchtenden so gut es geht zu helfen. Später haben wir ein Video aufgenommen und den Song als Single veröffentlicht.

Ihre Neuaufnahme ist sehr gut angekommen. Hat Sie das überrascht?

Ich war erst unsicher, wie die Öffentlichkeit und speziell John-Lennon-Fans darauf reagieren würden, aber es war verrückt. Ich bekam mehr Respekt als je zuvor in meinem Leben, und dafür bin ich unendlich dankbar. Ich habe den Eindruck, die Menschen schauen mich seitdem anders an. So, als würden sie denken: „Er hat seine Sache wirklich gut gemacht.“

Der Filmer macht jetzt wieder Musik

Julian Lennon, geboren 1963 in Liverpool, ist der älteste Sohn von John. Nach der Trennung seiner Eltern wuchs er bei seine Mutter Cynthia auf. In den Achtzigern veröffentlichte er einige mittelmäßig erfolgreiche Songs und Alben. Heute ist der Brite als Dokumentarfilmer, Fotograf und Autor erfolgreich. Musik machte er nur noch sporadisch, doch jetzt hat er zum ersten Mal seit 2011 wieder ein Album veröffentlicht. „Jude“ heißt es, und es steckt voller sehr gelungener und oft recht melancholischer Popsongs. Seinen ersten Wohnsitz hat Lennon in Monaco – „ich mag die Sonne und die Natur ringsherum“, sagt er beim Zoom-Gespräch. Er gehe „wahnsinnig gerne“ spazieren, entweder am Strand oder oben in den Bergen.

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