„Man hat die Opfer zwei Mal umgebracht“

Fatih Akin und Diane Kruger bei den Dreharbeiten zu „Aus dem Nichts“

Fatih Akin und Diane Kruger bei den Dreharbeiten zu „Aus dem Nichts“

Herr Akin, was haben Sie am 4. März 2018 vor?

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Das ist der Tag der Oscar-Verleihung, richtig? Ist noch ein langer Weg bis dahin. Ich bin ja erst mal von deutscher Seite mit meinem NSU-Film „Aus dem Nichts“ ins Oscar-Rennen geschickt worden. Bei „Auf der anderen Seite“ ist mir das vor zehn Jahren auch schon mal gelungen, aber dann hat mich die Academy in Hollywood nicht für die Endauswahl nominiert. Vielleicht ist das jetzt eine ganz andere Nummer. Seit der Bekanntgabe Ende August fliege ich auch immer wieder in die USA.

Was tun Sie dort?

Es geht darum, den Film zu bewerben. Es kommt darauf an, sich in Hollywood vorzustellen, den Film zu präsentieren, Hände zu schütteln und Smalltalk zu machen.

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Was wissen die Amerikaner denn über die NSU?

Nicht viel. Aber die Wahrnehmung des Films hat sich seit der Premiere in Cannes im Mai verändert. Dazwischen ist Charlottesville passiert, der Aufmarsch von Rechtsextremisten mit Verletzten und einer Toten. Dieser Vorfall hat die Amerikaner ins Herz getroffen, ja, ein Trauma ausgelöst. Und nun entdecken sie einen Film, der aus der Perspektive von Opfern rechtsradikaler Gewalt erzählt. Über diesen Umweg wird den Amerikanern plötzlich klar, wie breit und tief der Rassismus überall auf der Welt verankert ist.

Hat Sie dieser aktuelle Bezug überrascht?

Als ich den Film gemacht habe, hatte ich die NSU vor Augen. Das hatte nichts mit weiser Voraussicht meinerseits zu tun: Das Thema war immer präsent. Ich habe es nicht erst ausbuddeln müssen.

Sind Sie wegen des Films schon von rechter Seite attackiert worden?

Nicht in dem Maße, wie es mir in der Türkei nach meinem Drama „The Cut“ über den Völkermord an den Armeniern passiert ist. Aber auch jetzt findet sich im Internet viel Ablehnung.

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Was hat Sie überhaupt dazu gebracht, ein so brisantes Thema anzupacken?

Wut! Man hat die NSU-Opfer quasi gleich zwei Mal umgebracht: Polizei, Medien, die Gesellschaft hatten den Ermordeten jahrelang unterstellt, sie seien im Drogen- oder im illegalen Spielemilieu aktiv gewesen, und dort seien auch die Täter zu suchen. Es dauerte Jahre, bis sich herausstellte, dass die Mörder Neonazis waren. Das hat mich wütend gemacht, so wütend, dass ich mich hingesetzt und mit den Recherchen begonnen habe.

Wie sahen die aus?

Ich bin allein drei Mal zum NSU-Prozess nach München gefahren.

Lernen, mit der Angst zu leben

Klingt, als hätten Sie dieses gesellschaftliche Versagen persönlich genommen.

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Schon wegen meines Aussehens hätte ich zu den Opfern zählen können. Ich habe schwarze Haare, meine Eltern sind aus der Türkei. Vor ein paar Jahren stand ich als Ziel auf einer rechtsextremen Internetseite. Und ich kenne auch aus meinem Alltag genügend rassistische Sprüche – die allerdings abgenommen haben, seit ich zur Prominenz zähle. Die Anfeindungen sind subtiler geworden ...

... und sehen wie aus?

Darüber möchte ich nicht reden.

Wie sind Sie damit umgegangen, auf einer Todesliste aufzutauchen?

Ich habe versucht, das als Kompliment zu nehmen. Immerhin ist es gelungen, den Feind zu provozieren. Ich muss also irgendwas richtig gemacht haben.

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Hatten Sie keine Angst?

Man muss die Angst überwinden, man muss mit ihr leben lernen. Ich hatte keine schlotternden Knie, war eher nervös. Aber Angst macht auch wieder wütend und treibt einen an.

Ihr Film könnte die Zuschauer auf die Idee bringen, dass Sie daran zweifeln, ob Beate Zschäpe tatsächlich verurteilt wird. Ist das so?

Ich will jetzt nicht klingen wie der Pöbel, der ja gelegentlich über das angeblich lasche deutsche Rechtssystem herzieht. Aber ich lese oft, dass scheinbar glasklare Fälle platzen. Der Film soll aber keinesfalls eine Warnung sein. Es handelt sich um eine rein fiktive Geschichte.

Wieso haben Sie bei so viel Wut im Bauch kein politisches Pamphlet inszeniert?

Während des Schreibens poppten andere Themen auf. Die Rolle der Mutter, gespielt von Diane Kruger, wurde immer wichtiger. Der Film entwickelte sich in Richtung Familienporträt: Was macht eine Mutter, der jeder Halt genommen wird? Grundsätzlich würde ich aber sagen, dass diejenigen meiner Filme, die aus Wut entstanden sind, kräftigere Farben haben, zum Beispiel „Gegen die Wand“.

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Über den Schmerz der Hinterbliebenen

Die Täter bleiben in Ihrem Figur blass und schemenhaft. Warum?

Ich wollte keine Empathie für Mörder wecken, sondern klar Position beziehen: Ich stehe eindeutig auf Seiten der Opfer. Die Motive der Täter kennen wir zur Genüge. Im ganzen Film finden Sie auch kein einziges Hakenkreuz.

Wie kam Diane Kruger als Hauptdarstellerin ins Spiel, also als jene Katja, die ihre Familie durch einen Anschlag verliert?

Diane wollte endlich mal in Deutschland spielen, das hatte sie ja noch nie zuvor gemacht. Sie war auf gesunde Weise ehrgeizig, auch mutig. Zudem kommen wir auch privat gut klar, das hat einfach gepasst. Sollte ich mal einen Bus verpassen, und Diane stünde an der Haltestelle herum, würde ich mit ihr wunderbar plaudern können. Übrigens: Auch wenn sie lange im Ausland gelebt hat, spricht sie cleanes Hannover-Deutsch.

Über das Ende des Films kann man streiten. Haben Sie zwischendurch mal Angst vor der eigenen Courage bekommen, so ein Rache-Finale hinzulegen?

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Ich habe das Ende so geschrieben, und es hat mir immer gefallen. Die Filmfigur Katja entscheidet, so zu handeln, wie sie es tut. Der Zuschauer kann das ja bewerten, wie er will. Katja hat ihre Motive, und sie sucht sich für ihre Tat gezielt die beiden Personen heraus, die ihr Leben zerstört haben. Das unterscheidet ihre Tat klar von Terroranschlägen..

Billigen Sie damit Rache?

Heute übernimmt es der Staat, das Bedürfnis nach Rache in Recht umzuwandeln. Aber das Ergebnis ist nicht immer mit den Vorstellungen des Einzelnen in Einklang zu bringen. Rache ist aus der menschlichen Geschichte nicht wegzudenken. Ob sie glücklich macht oder wenigstens befriedigt? Keine Ahnung. Von der Erziehung her weiß jeder, dass Rache nicht richtig sein kann, aber im Gehirn drängt irgendetwas danach. Die meisten können damit umgehen, aber eben nicht alle.

Soll Ihr Film der politischen Aufklärung dienen?

Never, wozu das denn? Ich bin doch kein Politiker, ich bin Filmemacher. „Aus dem Nichts“ ist ein Film über den Schmerz der Hinterbliebenen. Davon hört man in der Öffentlichkeit wenig, dafür umso mehr über die Täter. Aber was wissen wir über die Toten und Hinterbliebenen von Manchester, Berlin, Paris oder Istanbul?

Was tun Sie, wenn Beate Zschäpe tatsächlich freigesprochen werden sollte?

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Mein erster –zugegeben: zynischer – Gedanke wäre: Seht mal, mein Film ist doch nicht nur Fiktion.

Von Stefan Stosch

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