Nackte Haut und Schimpfworte: Schulbann für Spiegelmans Graphic Novel „Maus“ stößt auf Widerstand

Ein Mann versucht, sich in die Situation seiner Eltern zu versetzen: In der Graphic Novel „Maus“ setzte sich der Comicautor Art Spiegelman mit dem Leben seiner Eltern auseinander, die im von Nazis besetzten Polen den Holocaust erlebten.

Ein Mann versucht, sich in die Situation seiner Eltern zu versetzen: In der Graphic Novel „Maus“ setzte sich der Comicautor Art Spiegelman mit dem Leben seiner Eltern auseinander, die im von Nazis besetzten Polen den Holocaust erlebten.

Dreimal hat man Art Spiegelmans Graphic Novel „Maus“ durchgeblättert, Seite um Seite, und das anstößige Bild immer noch nicht gefunden – das Panel, aufgrund dessen das School Board des McMinn County in Tennessee einstimmig beschlossen hat, das Buch in der Mittelstufe der Schule zu verbieten. Es wurden Einwände wegen „Schimpfwörtern und Nacktheit“ erhoben, die unangemessen für Achtklässler seien.

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Nackte Körper entdeckt man aber nur auf Seite 184, wo männliche Häftlinge im Vernichtungslager Auschwitz unter den „Lebensduschen“ stehen (den Duschen, aus denen tatsächlich Wasser und nicht Gas kam) und danach über einen verschneiten Appellplatz getrieben werden.

Das Bild, an dem das School Board Anstoß nimmt, ist winzig

Dann findet man das Bild des Anstoßes doch. Im oberen Viertel eines Panels ist die gezeichnete Mutter des „Maus“-Autors Spiegelman zu sehen. Es ist der Moment ihres Suizids, als sie sich 23 Jahre nach Kriegsende zu Hause in der Badewanne das Leben nahm. Eine Tragödie, deren Ursache Spiegelman zu wissen glaubt: „Hitler war es!“

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Die Erinnerung an die Jahre der Demütigung, Erniedrigung, Verfolgung und der steten Angst vor dem Tod durch die Vernichtungsmaschinerie der Nazis habe sie, so suggeriert der Sohn, nicht mehr ertragen. Und der drei Jahre nach Kriegsende geborene Art – er zeichnet sich selbst in Gefängniskleidung hinter Gittern – klagt wiederum: „Du hast mich ermordet, Mami.“ Das Leiden der Opfer ist auch auf die nächste Generation übergegangen.

Das School Board in Athens hält sich an einer toten, nackten Frau auf, anstatt die Tragödie dieses Moments zu erkennen, wie nämlich das Unfassbare und Unerträgliche, der Millionenmord an Europas Juden, noch lange nach dem Ende des Dritten Reichs Opfer unter den Überlebenden forderte und auch noch ihre Nachkommen seelisch zermürbte.

„Maus“ gewann als erster Comic den Pulitzerpreis

„Maus“ gewann vor 30 Jahren – als erster Comic überhaupt – den Pulitzerpreis. Art Spiegelman erzählt darin die Lebensgeschichte seiner Eltern Anja und Wladek Spiegelman – wie sich der junge Jude aus Tschenstochau, von dem die Leute sagten, er sehe aus wie der Stummfilmstar Rudolph Valentino, in die Strumpffabrikantentochter Anja aus Sosnowitz verliebte. Wie sie heirateten, eine Familie gründeten und wie nach ihren Erfahrungen mit dem Antisemitismus ihrer polnischen Landsleute der Krieg und die Schreckensherrschaft der Nazis über Polen begann, die das Paar bis nach Auschwitz brachte.

Immer wieder gibt es Einschübe der Gegenwart – die Interviews des Sohns mit dem Vater in New York verlaufen nicht immer harmonisch. Der alte Wladek Spiegelman geht nicht gut mit seiner zweiten Frau Mala um und hat rassistische Vorurteile gegenüber Schwarzen. Spiegelman färbt in seinem Schwarzweiß-Bildroman nirgends schön. Er ist in allen Dingen genau.

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In Deutschland hat es das Buch nie in die Lehrpläne geschafft

Und das Stilmittel einer Transformation der Figuren ins Fabelartige – die deutschen Unterdrücker sind Katzen (mit Menschenkörpern), die jüdischen Opfer sind Mäuse in Menschengestalt – erlaubt dem Betrachtenden, alles mit einer anfänglichen Distanz zu sehen. Um hernach mehr als durch alle Dokus in den Sog der Ereignisse und auf die Seite der Verfolgten gezogen zu werden. Man folgt hier einzelnen Menschen, die nicht viel anders sind als man selbst, normale Leute mit Wünschen, Träumen, Hoffnungen.

In Deutschland hat es das Buch, das in einem jugendnahen Medium auch jüdische Kultur und Lebensart vermittelt, verwunderlicherweise nie zu einem festen Bestandteil der Lehrpläne gebracht. In den USA schon. Umso mehr erscheint die Entscheidung des School Boards von McMinn County zunächst als Versuch, ein unliebsames Thema auszuschließen.

School Boards respektive deren Mitglieder werden ernannt oder von den Bürgern und Bürgerinnen eines Schulbezirks gewählt. Hier werden auch politische Debatten in lokalen Unterricht verwandelt, in Sitzungen, in denen es zuweilen auch zu Ausschluss von Schullektüre kommt – etwa im Vorjahr unter anderem von Romanen der schwarzen Autorin Toni Morrison und von Susan Campbell Bartolettis Sachbuch „They Called Themselves The K.K.K. – The Birth of an American Terrorist Group“ durch ein School Board in Wichita, Kansas.

60 Prozent der Wahlbeteiligten im ländlichen, weißen und traditionell konservativen McMinn County haben Trump gewählt. Dennoch sehen amerikanische Kommentatoren in dem Verbot von „Maus“ nicht zwangsläufig politische, sondern eher lokal begrenzte puritanische Ursachen. Hier laufe die alte Diskussion, dass Schimpfworte und nackte Haut nicht in die Schule gehörten, sagt etwa „Washington Post“-Korrespondent Philip Bump. Er verweist dabei auf eine Studie von 2017, der zufolge amerikanische Jungen durchschnittlich mit 13 Jahren erstmals Pornografie konsumierten.

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Dass auch die Verwendung von acht Schimpfworten zum „Maus“-Bann geführt hätten, kann Bump nicht nachvollziehen: „Die Vorstellung, dass man durch das Schwärzen der Endungen ‚itch‘ und ‚amn‘ die Unschuld von Schüler*innen bewahrt, die mit dem richtigen Gebrauch dieser Wörter überaus vertraut sind“, so Bump, sei so, „als reiche man Leuten, die im Meer treiben, Regenschirme“.

Aus Kalifornien kommen „Maus“-Bücher zu Schülerinnen und Schülern

Die Mitglieder des School Boards in Athens betonten, dass der Holocaust auch weiterhin unterrichtet werden solle. Die Entscheidung gegen Spiegelmans Buch hat dennoch zu Protesten in Amerika geführt. Und zu Gegenmaßnahmen. „Maus“-Fan Ryan Higgins etwa, der seit 16 Jahren einen Comicshop im kalifornischen Sunnyvale betreibt, versteht nicht, warum man das Buch aus dem Lehrplan kippt, „wo es doch diesen Horror einem breiteren und jüngeren Publikum besser vermittelbar macht“. Er beschloss, 100 „Maus“-Exemplare an Interessierte ins McMinn County zu schicken. Zehntausende Likes bekam sein Tweet, auch der 15-jährige Malachi Cates an der McMinn County High School meldete sich bei Higgins.

„Als ich davon hörte, dass das Buch verbannt werden sollte, wusste ich, dass ich es erst recht lesen musste“, sagte der Schüler der „Washington Post“. Und bestellte über seine Mutter ein Exemplar. „Sie fühlen sich durch die Sprache (in dem Buch) angegriffen?“, wird die 44-jährige Cindy Cates zitiert. „Wollen die mich auf den Arm nehmen? Unsere Kinder haben doch schon jedes Schimpfwort gehört, das es dort draußen gibt.“

Der Autor selbst wollte sich gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) nicht mehr zu den Vorgängen äußern. Art Spiegelman, der heute (15. Februar) seinen 74. Geburtstag feiert, ließ seitens seines Verlages ein angefragtes Interview absagen und einen Kommentar in Form eines Lesezeichens übermitteln, das er für die „Woche der verbannten Bücher“ (Banned Books Week) in den USA geschaffen hatte.

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Zu sehen ist eine lesende Maus, die dem Betrachtenden einen guten Rat gibt, sich von niemandem Lektüre vorschreiben oder verbieten zu lassen: „Steck deine Nase in ein Buch, und halte die Nasen anderer Leute aus den Büchern heraus, die du fürs Hineinstecken deiner Nase ausgewählt hast“, heißt es da.

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