Antisemitismusvorwürfe

Rücktritte, Absagen und Ermahnungen nach Abbau von Documenta-Werk: Wie frei ist Kunst?

Das Banner des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi mit eindeutig antisemitischen Darstellungen wird abgehängt.

Das Banner des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi mit eindeutig antisemitischen Darstellungen wird abgehängt.

Kassel. Gerade mal knapp eine Woche ist es her, da sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: „Eine demokratische Gesellschaft darf Künstler nicht bevormunden, erst recht nicht instrumentalisieren. Kunst hat keinen politischen Auftrag. Politik richtet nicht über die Qualität von Kunst.“

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Steinmeier eröffnete damit die Documenta Fifteen, eine der bedeutendsten zeitgenössischen Kunstschauen der Welt in Kassel. Er sagte jedoch auch, es gebe Grenzen künstlerischer Freiheit. „Wo Kritik an Israel umschlägt in die Infragestellung seiner Existenz, ist die Grenze überschritten.“

Nun, fast sieben Tage später, ist das erste Kunstwerk schon lange abgebaut, es hagelt Vorwürfe gegen Künstlerinnen und Künstler, Kuratoren, die Politik, Generaldirektorin Sabine Schormann klammert sich an ihrem Amt fest und Bundeskanzler Olaf Scholz sagte seinen Besuch der Documenta ab. Jörg Sperling, Vorsitzender des Documenta-Forums, einem Unterstützergremium, musste zurücktreten, weil er die Entfernung des Bildes kritisiert hatte.

Welle der Empörung

Was war geschehen? Einer der üblichen Documenta-Skandale?

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Die neun mal zwölf Meter große Arbeit „People’s Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi hatte wegen seiner in Teilen antisemitischen Bildsprache für eine Welle der Empörung gesorgt.

Ausschnitt aus dem Werk „People’s Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi mit eindeutig antisemitischen Darstellungen.

Ausschnitt aus dem Werk „People’s Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi mit eindeutig antisemitischen Darstellungen.

Zu sehen waren etwa ein Mann mit Raffzähnen, dazwischen eine Zigarre. Eine angedeutete Schläfenlocke hängt herunter, auf seinem Hut prangt die SS-Rune. Auf einem anderen Detail wird eine Person in Uniform gezeigt, sie trägt die Nase eines Schweins, das bei gläubigen Juden als unrein gilt. Auf dem roten Halstuch ist der Davidstern zu sehen, auf dem Helm der Name des israelischen Geheimdienstes Mossad.

Ausschnitt aus dem Werk „People’s Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi mit eindeutig antisemitischen Darstellungen.

Ausschnitt aus dem Werk „People’s Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi mit eindeutig antisemitischen Darstellungen.

Nicht nur die Darstellung selbst, sondern nun auch die anfängliche Verhüllung und schließlich die Entfernung des Kunstwerks sorgen seitdem für eine Debatte über Kunstfreiheit, staatliche Förderung mit Steuergeldern und die Rolle der Politik in den Verfahren.

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Kuratoren entschuldigen sich

Das Kuratorenkollektiv Ruangrupa entschuldigte sich Donnerstagabend „für die Enttäuschung, die Schande, Frustration, Verrat und Schock, die wir bei den Betrachtern verursacht haben.“

Sabine Schormann, Generaldirektorin der Documenta und des Museums Fridericianum.

Sabine Schormann, Generaldirektorin der Documenta und des Museums Fridericianum.

Nun sollen die Werke von rund 1700 Künstlerinnen und Künstlern an 32 Standorten systematisch untersucht werden. „Es ist möglich, dass dafür einzelne Ausstellungsteile kurzzeitig geschlossen werden“, so Documenta-Generaldirektorin Schormann. „Eindeutig antisemitische Darstellungen werden deinstalliert, bei strittigen Positionen eine angemessene Debatte geführt.“

Keine Freigabe von Kunstwerken

Die Künstlergruppe Ruangrupa solle dabei ihre Aufgabe als Kuratorenteam und künstlerische Leitung in diesem Prozess wahrnehmen. Unterstützt werde sie von externen Fachleuten wie dem Direktor der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel. Schormann bestreitet Versäumnisse der Documenta: „Es ist nicht die Aufgabe der Geschäftsführung, alle Werke einmal vorab in Augenschein zu nehmen und freizugeben. Das würde dem Sinn der Documenta widersprechen“, sagt sie.

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Documenta-Skandale

Skandale begleiten die Documenta seit ihrer Gründung 1959. Auf der Documenta Fifteen geht es um den Vorwurf des Antisemitismus. Auf der „documenta 14″ - die Ausstellungen werden jeweils anders geschrieben - vor fünf Jahren ging es ums Geld. Nach Ende aller Prüfungen stand eine Finanzierungslücke von 7,6 Millionen Euro fest. Ursache für das Defizit war unter anderem die Ausrichtung der Schau an zwei Standorten - Kassel und Athen. Die damalige documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff musste ihr Amt vorzeitig aufgeben. Die vorherigen Skandale waren eher künstlerischer Art. Viele Kunstwerke stießen bei Bewohnern und Besuchern zunächst auf Ablehnung, etwa 1977 der „Vertikale Erdkilometer“ von Walter De Maria oder 1982 Joseph Beuys‘ „7000 Eichen“. 1972 kippte ein Landwirt zwei Fuhren Mist vor das Fridericianum. Auf einem Transparent war zu lesen: „Den, der darum sich empört, daß hier Mist nicht hergehört, sagen wir, daß noch mehr Mist in der Documenta ist.“

Dies sei eine Kernaufgabe der künstlerischen Leitung. Das Problem sei gewesen, dass die aus Indonesien stammende Kuratorengruppe Ruangrupa keinen Antisemitismus in den ausgestellten Werken gesehen habe. Es sei ihr aufgrund der „unterschiedlichen kulturellen Erfahrungsräume zu spät aufgefallen, dass ein solches Motiv in Deutschland absolut inakzeptabel ist“.

Geht es um Politik oder Kunst?

Der als Vorsitzender des Documenta-Forums zurückgetretene Jörg Sperling hatte in dem Wimmelbild eine Karikatur gesehen, die seiner Meinung nach von der Kunstfreiheit gedeckt sei. Das umstrittene Werk sei „auf politischen Druck hin“ abgehängt worden. Es gehe in dieser Debatte um Politik, nicht um Kunst. „Die Kunst hat ein Thema aufgebracht, das außerhalb der Kunst liegt: das Verhältnis von Palästinensern und Israelis. Dieses Problem kann die Kunst nicht lösen, das kann auch die Documenta nicht lösen.“

Der amtierende Präsident des deutschen Pen-Zentrums, Josef Haslinger, findet den Umgang mit dem Kunstwerk zumindest problematisch. „Je häufiger Konflikte zwischen öffentlicher Moral und der Freiheit künstlerischer Darstellung entstehen, desto schlechter steht es um die Freiheit in einer Gesellschaft“, sagte Haslinger dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Das klare Sich-Abgrenzen, die engagierte Kritik wären das demokratische Verhalten, das Verbieten, Verhüllen oder Verstecken sind es nicht.“

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Schriftsteller Josef Haslinger ist amtierender Präsident des deutschen Pen-Zentrums.

Schriftsteller Josef Haslinger ist amtierender Präsident des deutschen Pen-Zentrums.

Haslinger räumt jedoch ein: „Aber der Freiheit des Hassens und Vernichtens wird man schwerlich das Wort reden können, selbst wenn sie sich in der Kunst versteckt.“

Kunstrat: „Abbau unvermeidbar“

Die Vorsitzende des Bundesverbands der Bildenden Künstlerinnen und Künstler (BKK), Dagmar Schmidt, sagte dem RND: „Taring Padi haben offensichtlich ignoriert, wie zu Recht sensibel in Deutschland aufgrund seiner Geschichte und Verantwortung für den Holocaust auf die Darstellung von Juden, den Umgang mit dem Existenzrecht Israels und antisemitischen Tendenzen geachtet und reagiert wird.“

Schmidt, die zugleich Sprecherin des Deutschen Kunstrats ist, erinnerte an den Documenta-Künstler Christo. „Er hatte der Welt in wiederholten Sujets und Größen gezeigt, was Verhüllungen bewirken – versteckt wird jedenfalls dadurch nichts, eher hervorgehoben und inhaltlich aufgeladen. Der Abbau war nun unvermeidbar.“

Dagmar Schmidt ist Vorsitzende des Bundesverbands Bildender Künstlerinnen und Künstler sowie Sprecherin des Deutschen Kunstrats.

Dagmar Schmidt ist Vorsitzende des Bundesverbands Bildender Künstlerinnen und Künstler sowie Sprecherin des Deutschen Kunstrats.

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Fehler der Verantwortlichen

Schmidt bezeichnete das Scheitern der im Vorfeld geplanten Gesprächsreihe zu Postkolonialismus und zu Antisemitismus als einen „der zahlreichen (Kommunikations-)Fehler der Documenta.Verantwortlichen – sowohl der Documenta-Geschäftsführung als auch von Ruangrupa. Diese Fehler erschweren die Auseinandersetzung um die Documenta Fifteen, vor allem mit ihren so wichtigen inhaltlichen Themen.“

Eröffnung der Documenta Fifteen in Kassel

Die größte zeitgenössische Kunstausstellung in Deutschland ist nach fünf Jahren zurück. Bereits vor der Eröffnung hatte es Antisemitismusvorwürfe gegeben.

Nun soll es doch noch eine Gesprächsreihe richten, wie Documenta-Generaldirektorin Schormann diese Woche ankündigte. Als Auftakt werde die Documenta gemeinsam mit der Bildungsstätte Anne Frank kommenden Mittwochabend eine Podiumsdiskussion veranstalten.

Claudia Roth (Grüne), Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Claudia Roth (Grüne), Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Bleibt die Rolle der Politik zu beleuchten. Der Bund hatte sich 2018, obwohl weiter Bundesmittel in die Ausstellung fließen, aus dem Documenta-Aufsichtsrat zurückgezogen. Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) will wieder mehr Einfluss des Bundes auf die Documenta.

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Künftig sollen Verantwortlichkeiten „klar abgegrenzt und vereinbart werden“. Kurzfristig aber sollen die derzeit Verantwortlichen zeitnah sicherstellen, „dass keine weiteren antisemitischen Werke auf der Documenta ausgestellt werden“.

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