Stimme für Sieg und Frieden

„Jetzt bieten sie Tee an“ – Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Ukrainer Serhij Zhadan

Die Stimme der Ukraine: Serhij Zhadan (hier 2017 beim 22. Internationalen Literaturfestival Leukerbad) erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2022.

Die Stimme der Ukraine: Serhij Zhadan (hier 2017 beim 22. Internationalen Literaturfestival Leukerbad) erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2022.

Serhij Zhadan schreibt über den Krieg in der Ukraine. Nicht aus der Ferne, nicht aus entbrannter Fantasie heraus, sondern direkt, als Erlebender, mittendrin. Am Montag twitterte der Schriftsteller über den russischen Beschuss seiner Heimatstadt: „Der Morgen in Charkiw, nach den nächtlichen Bombardierungen, erinnerte an den Schlafwagen, in dem die Arbeiter die ganze Nacht gestritten hatten. Ruhig, friedlich. Jetzt bieten sie Tee an.“

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Krieg bei Tag und Nacht - drei nüchtern-poetische Sätze

Der unwirkliche Tod in der Nacht, gefolgt von der ebenso unwirklichen Rückkehr zu beruhigenden Ritualen bei Tage – zusammengefasst in drei nüchtern-poetischen Sätzen. Der 47-Jährige Dichter, der in Starobilsk in der von den Russen jetzt nahezu eroberten Oblast Luhansk geboren wurde, und der auch nach der Invasion im umkämpften Charkiw blieb, um dort zu helfen, wird am 23. Oktober in der Frankfurter Paulskirche den mit 25.000 Euro dotierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2022 erhalten.

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„Wir ehren den ukrainischen Schriftsteller und Musiker für sein herausragendes künstlerisches Werk sowie für seine humanitäre Haltung, mit der er sich den Menschen im Krieg zuwendet und ihnen unter Einsatz seines Lebens hilft“, erklärte der Stiftungsrat des Börsenvereins am Dienstag. Gekürt wird Zhadan, so heißt es, wegen der Worte, die er für eine traditionelle Welt findet, die massiven Umbrüchen unterworfen ist. „Seine Texte erzählen, wie Krieg und Zerstörung in diese Welt einziehen und die Menschen erschüttern. Dabei findet der Schriftsteller eine eigene Sprache, die uns eindringlich und differenziert vor Augen führt, was viele lange nicht sehen wollten.“

Zhadan, der zu den wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen ukrainischen Literatur zählt, unterfüttert die Wirklichkeit mit Surrealem. 15 Gedichtbände sind von dem Autor bisher erschienen, dazu neun Prosawerke – Kurzgeschichten und Romane wie „Die Erfindung des Jazz im Donbass“ (2010, erschienen bei Suhrkamp) über einen Großstädter, der gezwungen wird, seine kleine Heimat im Osten der Ukraine wiederzufinden.

Freiheit von der Sowjetunion, Angriffskrieg der Russen

Die Freiheit der Demokratie ist dabei voller Herausforderungen, nach den langen bleiernen Zeiten des Landes unter sowjetischer Knute. Anfang Mai erst brachte das Theater Dortmund Zhadans Romandebüt „Depeche Mode“ (2004) auf die Bühne, die mit grandiosem Grotesken reichlich gewürzte Geschichte dreier arbeitsloser junger Männer in Charkiw, die 1993 durch die postsowjetische Welt driften und versuchen, sich im Chaos des Umbruchs zurechtzufinden.

Und im Roman „Internat“ (2017, ebenfalls Suhrkamp) wird diese Freiheit schon wieder von Russland im diktatorischem Größenwahn begraben. Da erzählt Zhadan, wie ein junger Lehrer und sein 13-jähriger Neffe im Donbass auf dem Weg durch die Stadt die Apokalypse des Putin-Kriegs durchmessen.

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Zhadan schreibt musikalisch, dass die Sätze nur so swingen. Und er rockt auch – am bekanntesten als Songwriter der Ska-Formation Zhadan i Sobaky (Zhadan und die Hunde), bei der er seit fast 15 Jahren auch Sänger ist. „Diti“ (Kinder) heißt der jüngste Song dieser Band, ein folkiges Stück, das den Krieg beschreibt und mit Trost schließt: „Alles, was dich bis heute trägt / wird dich auch morgen noch tragen!“

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Seit die Kämpfe im Donbass 2014 von prorussischen Separatisten losgetreten wurden, war Zhadan immer wieder an vorderster Front und gründete im Februar 2017 eine Stiftung, um humanitäre Hilfe in die ukrainischen Frontstädte zu bringen. Der Dichter ist politisch – 2004 war er Teilnehmer bei den Demos der Orangenen Revolution gegen Korruption und 2013 Mitglied des Koordinationskommitees beim Euromaidan von Charkiw. Er sieht sich als Patriot, grenzte den Begriff aber in einem Interview im Juli des Vorjahres ganz klar von Rechten und Nationalisten ab: „In der Ukraine ist ‚Patriot‘ ein Synonym für jemanden, der auf Seiten unserer Soldaten an der Front steht – jemand, der unser Land unterstützt.“

„Ein großes Dankeschön an alle für ihre Solidarität“

So sieht er auch den Friedenspreis. „Es ist wichtig, dass die Ukraine auf der Frankfurter Buchmesse im Herbst thematisiert wird“, schrieb der Dichter bei Facebook pragmatisch, nachdem er von seiner Würdigung erfahren hatte. „Wir werden Waffen brauchen, aber wir brauchen auch ‚Informationsunterstützung‘. Wir wollen diesen Krieg gewinnen, wir wollen unsere Zukunft schützen. (…) Ein großes Dankeschön an alle für ihre Solidarität!“

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„Nachdenklich und zuhörend, in poetischem und radikalem Ton erkundet Serhij Zhadan, wie die Menschen in der Ukraine trotz aller Gewalt versuchen, ein unabhängiges, von Frieden und Freiheit bestimmtes Leben zu führen“, begründet der Stiftungsrat seine Entscheidung für Zhadan.

Dieser Tonfall findet sich wie eine Verpflichtung auch in seinen Facebook-Posts – etwa vom vergangenen Freitag: „Die späte Nachmittagssonne ist schwarz und rosig, wie ein Poststempel. Schnell schließt sie sich, eingezogen von den Frösten. Es wird langsam Abend. Die Nacht bricht an. Es ist ziemlich ruhig. Ich möchte, dass es so ist.“ Und mit der ganzen Zuversicht der tapferen Ukraine: „Ruht euch aus, Freunde. Morgen werden wir unserem Sieg einen weiteren Tag näher kommen.“

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