Kommentar zum Streit um „Layla“

Schlager, das ist Wahnsinn: Warum schickst du den Sexismus nicht in die Hölle?

Sänger Dieter Thomas Kuhn in der Berliner Waldbühne vor Schlagerfans

Sänger Dieter Thomas Kuhn in der Berliner Waldbühne vor Schlagerfans

Am Freitagabend war das verbotene Lied in Düsseldorf nicht zu verhindern. Bei der Eröffnung der Kirmes legte der DJ auf dem Gelände der St.-Sebastianus-Schützen „Layla“ auf. Ältere Männer mit lichtem Haar, junge Frauen, sogar Kinder hüpften zum Beat und sangen: „Ich hab’ ’nen Puff und meine Puffmama heißt Layla. Sie ist schöner, jünger, geiler.“ Können sie alle Sexistinnen und Sexisten sein, nur weil sie einen Schlager singen?

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Kritikerinnen und Skeptiker fällen dieses Urteil schnell, seit der Song die Charts gestürmt und damit eine Debatte ausgelöst hat, in die sich sogar der Justizminister eingemischt hat. Sich von Schlagerfans zu distanzieren und das Genre grundsätzlich abschätzig zu behandeln ist einfach, denn der Schlager hat in Deutschland ein Schmuddelimage. Dabei kann er so viel mehr – Branche und Fans müssen die Aufmerk­samkeit für „Layla“ nur nutzen, um das zu zeigen.

Schlager, die Musik der anderen?

„Layla“ bestärkt die Vorurteile derjenigen, die Schlager ohnehin ablehnen. Meist sind das jüngere und gebildetere Gruppen, die die einfachen und damit eingängigen Melodien und Texte mit primitiven Hörerinnen und Hörern assoziieren. Schlager sehen sie als billige Musik für die stumpfe Masse. Ihre Vorurteile über Schlagerfans mischen sich daher oft mit solchen über Alte, Arme oder Ostdeutsche, für die einfache Lieder gerade recht seien. Schlager, das ist in dieser Sichtweise die Musik der anderen.

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Dabei zählten nach einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach 2021 rund 47 Prozent der Deutschen Schlager zu einer ihrer bevorzugten Musikrichtungen, selbst in der Gruppe zwischen 20 und 29 Jahren waren es knapp 23 Prozent. Auch wenn die Schlagerbegeisterung nicht gleich in der Bevölkerung verteilt ist, sie ist zu groß, um nur Angelegenheit der einfachen Leute zu sein. Wie sonst soll „Layla“ auf den ersten Platz der deutschen Charts gestürmt sein? Auch junge, gebildete und eher linke Menschen hören Schlager – dann aber meist beschämt als heimliches Laster. Denn sexistische Beschreibungen von Frauen wie in „Layla“ würden ihnen eigentlich nie über die Lippen kommen.

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Sie wünschen sich einen Schlager, den man bedenkenlos mitgrölen kann, der aber trotzdem das bewahrt, was ihn so beliebt gemacht hat: den Hedonismus, die Sehnsüchte, den Witz. Viele haben zum Ende der Corona-Pandemie mit einer überschießenden Lebenslust gerechnet. Nicht aber damit, dass sie sich in dem ersten Sommer, in dem große Stadt-, Volks- und Schützenfeste wieder stattfinden dürfen, in Begeisterung für Schlager ausdrücken wird. Dabei liegt es nahe, denn gerade jetzt steht das ausgelassene Feiern für viele ganz oben – ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, ob das Gesungene vertretbar ist.

Frivole Texte und Urlaubssehnsüchte

Auch die frühen Vorgänger des heutigen deutschen Schlagers waren eingängige Lieder mit teils frivolen Texten, wie sie bei „Layla“ kritisiert werden. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde in den Goldenen 1920ern beispielsweise „Veronika, der Lenz ist da“ mit der sexuellen Zweideutigkeit eines wachsenden Spargels versehen. Das hatte etwas Emanzipatorisches, Aufklärerisches. In der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs begeisterten dann Schlager wie „Pack die Badehose ein“ oder „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt“, die kleine und große deutsche Urlaubssehnsüchte vertonen.

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Im Laufe der Jahrzehnte wich der Schlager als beherrschende Populärmusik anderen Genres und englischsprachiger Musik. Ganz verschwunden ist der Schlager aber nie, Guildo Horn und Helene Fischer konnten in verschiedenen Jahrzehnten mit Hits begeistern. Produziert wird heute aber in erster Linie für den maximalen Profit – Satiriker Jan Böhmermann nahm das vor einigen Monaten in seiner Sendung „ZDF Magazin Royale“ auf die Schippe, als er Musikmanager Michael Jürgens, der unter anderem für Florian Silbereisen zuständig ist, kritisierte.

Böhmermann hat recht mit seiner Kritik an den Verstrickungen einer Branche, die vor allem aufs Geld schaut. Er bedient aber auch die Abneigung derjenigen, die ohnehin nichts vom Schlager halten. Dabei ließe sich vieles auf andere Musikrichtungen übertragen: Ist Popmusik nicht ebenso profitgetrieben (Böhmermann selbst hat das mit „Menschen Leben Tanzen Welt“ demonstriert)? Sind Deutschrap und englische Popsongs nicht oft ebenso sexistisch – wenn nicht noch mehr als „Layla“?

Moderner Feminismus in eingängigen Texten

Das nimmt nicht die Verantwortung vom Schlager, sich zu ändern. Im Gegenteil, gerade er könnte das doch: Statt nachkriegsdeutsche Urlaubssehnsüchte nach italienischen Inseln zu besingen, könnte er in Zeiten von Pandemie, Krieg in der Ukraine und Klimakrise die Sehnsucht nach einer friedlichen und gesunden Welt zum Thema machen. Und statt des angestaubten emanzipatorischen Witzes des wachsenden Spargels könnte er einen modernen Feminismus in eingängige Texte verpacken. Der Schlager hat das Potenzial, gute Laune nicht mit bierseligem Sexismus zu verbreiten, sondern mit einer positiven Utopie über Bevölkerungs­schichten hinweg andere, zeitgemäßere Werte zu vermitteln.

Kiliani-Volksfest, Würzburg, Unterfranken, Franken, Bayern, Deutschland, Europa, ÖffentlicherGrund, Europa

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Nicole hat es 1982 mit dem politischen Schlager „Ein bisschen Frieden“ erfolgreich beim ESC vorgemacht. Wenn auch noch als Ausnahme gibt es solche Ansätze immer häufiger, zum Beispiel hat Kerstin Ott mit „Regenbogenfarben“ eine queere Schlagerhymne geschaffen. Vielleicht teils aus Überzeugung, teils weil sich mittlerweile auch damit Geld machen lässt, hat Helene Fischer im vergangenen Jahr „Die Erste deiner Art“ mit feministischen Anklängen veröffentlicht.

„Ist der Schlager dir zu hart, bist du zu weich“

Radikal grenzt sich Punkrocksänger Swiss, der nach eigenem Bekunden – unironisch – auch Schlager faszinierend findet, zu bekannten Schlagermotiven ab. Er hat in insgesamt fünf Songs eine dezidiert linke Schlagerutopie erschaffen. Zu einer eingängigen Melodie, die an „Moskau“ von Dschinghis Khan erinnert, singt er in seinem Song „Linksradikaler Schlager“: „Von den Karten Grenzen streichen, Staaten müssen Menschen weichen, wir sind alle Sterne, alle gleich, und Solidarität muss Praxis werden, fick die Abschiebe­behörden, ist der Schlager dir zu hart, bist du zu weich.“

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Man muss diese Positionen nicht mögen. Aber Schlager pauschal als doof, geschmacklos, einfach oder sexistisch abzustempeln, geht zu weit.

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