Premiere

Viel Beifall für „Peer Gynt“ in Rostock

Szene aus „Peer Gynt“ am Rostocker VTR mit Oliver Breite, Gina Markowitsch und Bernd Färber (v.l.).

Szene aus „Peer Gynt“ am Rostocker VTR mit Oliver Breite, Gina Markowitsch und Bernd Färber (v.l.).

Rostock. „Mihilismus“ (mit „M“!): Den Begriff für einen Egoismus trotz eigenen Zweifels daran erfand Bazon Brock in einem Essay über „das Ichtum der Ichmenschen“ unserer Zeit. Ungefähr so einen „Mihilisten“ schälte Konstanze Lauterbach jetzt in ihrer Inszenierung am Volkstheater Rostock auf atemberaubende Weise aus Ibsens „Peer Gynt“ heraus und machte so das fast 150 Jahre alte „Dramatische Gedicht“ des Norwegers zur künstlerisch fesselnden und inhaltlich düsteren Gegenwartsdiagnose.

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Premiere ausverkauft

Die ausverkaufte Premiere wurde am Wochenende mit viel Beifall gefeiert. Alle Sparten des Hauses wirken zusammen: Auf der Bühne ein großartiges Schauspielensemble, im Orchestergraben führt die Norddeutsche Philharmonie unter Leitung von Martin Hannus die Schauspielmusik zu Peer Gynt von Edvard Grieg auf – nicht als Illustration von Stimmungen, sondern als eigenständiger und in den romantisch-sehnsuchtsvollen Wendungen oft aufregend kontrastierender Akteur, der innere seelische Widersprüche groß herausarbeitet. Dazu Tanzcompagnie und Opernchor, ebenso Solisten des Opernensembles, besonders berührend hier Judith Österreicher mit Solveigs Lied. Eindrucksvoll schafft dieses Großensemble ein intensives und kräfig irritierendes Gesamtkunstwerk, dessen Spieldauer von über drei Stunden an keiner Stelle zu lang wirkt.

Grandiose Schauspieler

Peer Gynt (grandios gespielt von Bernd Färber in der Jugend und Oliver Breite in den reiferen Jahren) geht durch ein fantastisch-abenteuerliches Leben, in welchem er – im Grunde tief verunsichert – den Egoismus als schon vorgegebene Leitnorm erlebt. Allerdings heißen die kategorischen Imperative, in denen er sich verliert, anders: „Sei du selbst!“ oder – die Variante aus der Welt der Trolle – „Sei dir selbst genug!“. Dass ihn die Dämonen seines „Ichtums“ von Solveig wegtreiben, die er liebt und die für ihn alles aufgegeben hat, wird zur bitteren Tragödie – vor allem für Solveig selbst. Regisseurin Lauterbach lässt die Gestalt, mit bewegender Präsenz gespielt von Sophia Platz, auch während der jahrzehntelangen Odyssee Peer Gynts durch die ferne Welt ständig als Rahmen auf der Bühne und zeigt, wie sich die Frau in ihrem Verzicht auf Leben verzehrt.

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Statt folkloristischer Anklänge (wie in der Musik) dominiert auf der Bühne präzise soziale Härte: Trolle mit Schweinsnasen etwa, bei denen man Stierpisse aus silberglänzenden Kännchen trinkt, oder die aus dem dörflichen Milieu kommenden, in Lauterbachs Fassung überdeutlich oft wiederholten Zuschreibungen wie „blöder Ochse“, „Drecksau“, „Schwein“ (Eltern öffentlich über ihre Kinder) oder „Schlachtet ihn“ (Ruf nach der Todesstrafe für den jungen Peer): Zeichen einer auf gewalttätig pöbelnder Demütigung des Anderen gegründeten Provinzgesellschaft. In dieser Ellbogen-Mobbingwelt gilt Peer, Sohn einer Witwe, als Nichtsnutz. Permanent ausgegrenzt, sucht er Halt in Fantasiegeschichten, gibt die Märchen aber als eigene Erlebnisse aus, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Und träumt von größenwahnsinniger Karriere: Prinz will er werden, Kaiser gar.

Trostlose Lebensbilanz

Nachdem er Ingrid entführt hat, die Braut eines anderen, befindet sich Peer auf der Flucht: vor den Leuten im Dorf, dann vor den Heimsuchungen der Trolle. Bei einem mit viel Gold drapierten Gelage 20 Jahre später prahlt er mit seinen Erfolgen als Großunternehmer (Sklavenhändler) in Amerika. Ausgeraubt von seinen Kumpanen, wird er in Marokko auf wundersame Weise zum Propheten, landet danach in Kairo in einem Irrenhaus, wo auf absurde Weise der Anbruch einer neuen Zeit gefeiert wird („Die Vernunft ist tot. Es lebe Peer Gynt!“). Auf weiteren Umwegen kehrt er schließlich als alter, heruntergekommener Mann in die Heimat zurück, mit trostloser Lebensbilanz.

Eindrucksvoll ist im zweiten Teil des Abends die Geschichte Solveigs als Kontrast zu Peers allegorischer Lebensreise inszeniert: Der Rahmen zeigt Solveig zweifach (Schauspielerin links, Sängerin rechts), und reißt den inneren Widerspruch der Figur groß auf. Von der Spiegelbildlichkeit beider Akteurinnen reicht das bis zu verzweifelter Zerrissenheit. Das Ganze ist unbequemes Theater, wenig kulinarisch, eher eine jener obligaten Ibsenschen Ohrfeigen für selbstzufriedene Kleinbürger; doch es ist auch das: große Schauspielkunst eines starken Ensembles. Sandra-Uma Schmitz gibt Peers Mutter in ihren starken Widersprüchen, hervorzuheben sind auch Gina Markowitsch, Frank Buchwald, Ulrich K. Müller, Pascal Lalo oder Ulf Pertel in jeweils drei bis sechs verschiedenen Rollen.

Termine: 13., 19., 26. April im Volkstheater Rostock

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Dietrich Pätzold

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