Weihnachtsgeschenke: Diese Romane machen Freude

Auf der Suche: In Bücher finden sich viele gute Geschichten, wichtige Wahrheiten und leichte Lebenshilfe.

Auf der Suche: In Bücher finden sich viele gute Geschichten, wichtige Wahrheiten und leichte Lebenshilfe.

Im März 2021 fliegt ein Flugzeug von Paris nach New York. Nix Besonderes. Doch im Juni 2021 landet dieselbe Boeing 787 ein zweites Mal in New York. An Bord derselbe Flugkapitän, dieselbe Besatzung, dieselben Flugpassagiere. Es gibt diese Menschen nun zweimal. Der Roman von Hervé Le Tellier erzählt die Geschichte aus der Perspektive mehrerer Menschen, die sich mit sich selbst konfrontiert sehen. Aber anders als der menschliche Verstand das zulässt. Ein großartiges, verwirrendes, nachhallendes Buch.

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Hervé Le Tellier: „Die Anomalie“. Übersetzt von Romy Ritte und Jürgen Ritte. Rowohlt. 352 Seiten, 22 Euro.

Ist es Christian Kracht, oder ist er es nicht?

Ist er es, oder ist er es nicht? Auch in seinem neuen Roman „Eurotrash“ spielt Christian Kracht mit einer Romanfigur namens Christian Kracht und der Frage, wie viel Wahrheit steckt in diesem vermeintlich autobiografischen Roman. Kracht begleitet seine Mutter, die reich und verwahrlost, medikamentenabhängig und alkoholkrank ist, auf eine Reise. Diese führt zum einen in die Berge, aber auch in die Vergangenheit – die deutsche und die von Mutter und Sohn. Es ist die Geschichte einer Familie, die auf unterschiedliche Weise in die NS-Vergangenheit verstrickt ist, eine Geschichte von Vergewaltigung in der Kindheit, von Neureichtum und Sylter Boheme. Und es ist natürlich die Geschichte eines Sohnes, dessen Lebensaufgabe der Ausbruch aus diesem Familiengefängnis ist.

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Christian Kracht: „Eurotrash“. Kiepenheuer & Witsch. 224 Seiten, 22 Euro.

Susan Taubes war die erste Ehefrau des berühmten Religionswissenschaftlers und Philosophen Jacob Taubes. In ihrem letzten Roman „Nach Amerika und zurück im Sarg“ schreibt sie über diese Ehe. 1928 in Budapest geboren emigriert die Enkeltochter des Oberrabiners von Budapest 1939 mit ihrem Vater in die USA. Sie lernt Taubes kennen, promoviert über Simone Weil, lehrt als Philosophin. 1961 verlässt Susan Taubes ihren Mann. Es folgt die Scheidung. Wenige Tage nach Erscheinen des Buches im Jahr 1969 bringt sich Taubes um. Amerika verlässt sie im Sarg. Eine der klügsten Frauen des 20. Jahrhunderts hat einen faszinierenden Roman hinterlassen, bei dem man sich nicht zu sicher sein sollte, dass er ausschließlich die Lebensgeschichte von Susan Taubes erzählt, auch wenn sich vieles ähnelt.

Susan Taubes: „Nach Amerika und zurück im Sarg“. Matthes & Seitz. Aus dem amerikanischen Englisch von Nadine Miller. 372 Seiten, 22 Euro.

Gedichte von Ai Weiweis Vater

Das Leben des chinesischen Dichters Ai Qing lässt sich gerade in der Autobiografie seines Sohnes Ai Weiwei nachlesen. Nun erscheinen seine Gedichte, neu übersetzt von Susanne Hornfeck. Ai Qings Gedichte erlauben eine gedankliche Reise zurück in die chinesische Geschichte des 20. Jahrhunderts. In freien Versen schreibt Ai unter dem Einfluss des endenden Kaiserreichs, der neu gegründeten Volksrepublik und Maos Kulturrevolution. Eine Reise durch den Suezkanal bannt er ebenso in Verse wie seine Erinnerungen an seine Amme. Ein poetisches Zeugnis und sprachmächtige Lyrik gilt es zu entdecken.

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Ai Qing: „Schnee fällt auf Chinas Erde“. Gedichte. Aus dem Chinesischen von Susanne Hornfeck. Penguin. 144 Seiten, 20 Euro.

Hatte einen berühmten Dichtervater: Ai Weiwei.

Hatte einen berühmten Dichtervater: Ai Weiwei.

Mit Dave Eggers und seinem Bestseller „The Circle“ konnten wir tief in die Welt der Internetgiganten wie Google und Facebook eintauchen. Nun hat die Konkurrenz „The Circle“ aufgekauft. Das neue große Ding heißt „Every“ und jeder, also Everybody, nutzt diese App. Deswegen weiß „Every“ everything über everybody. Der Konzern weiß alles über alle. Nur Delaney will das nicht akzeptieren. Eine düstere Vision einer möglichen nahen Zukunft.

Dave Eggers: „Every“. Kiepenheuer & Witsch. 592 Seiten, 25 Euro.

Ein alter Mann auf der Suche nach einem neuen Leben

Das beginnt ja wirklich mit einer Überraschung für den 85-jährigen Hugo Gardner: Seine Frau will sich von ihm scheiden lassen. Zudem hat der einst erfolgreiche Auslandskorrespondent des „Time Magazine“ auch noch Krebs. Was tun? Gardner begibt sich auf die Reise und sucht in der Vergangenheit seine Zukunft. In Paris trifft er sich mit seiner ehemaligen Liebschaft Valerie. Kann man einfach so wieder an alte Zeiten anknüpfen? Wie immer erzählt Louis Begley mit viel Ironie und Lakonie.

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Louis Begley: „Hugo Gardners neues Leben“. Aus dem amerikanischen Englisch von Christa Krüger. Suhrkamp. 236 Seiten, 24 Euro.

In Hollywood ist vieles ein Traum: Das Wetter, die Fabrik, das Leben. Doch auch Hollywood musste einst erst einmal werden, was es ist, und von dieser Zeit handelt Christine Wunnickes Erzählung. Ein Filmunternehmern und sein Spielleiter wollen ein neues Filmstudio eröffnen und suchen einen Ort dafür. Mr. Selig und Mr. Boggs wollen in die Sonne, aber die Suche nach diesem geeigneten Ort ist nicht einfach. In dieser Hommage an das frühe amerikanische Kino dreht sich viel um Pioniergeist, Lebensmut und Abenteuerlust. Gibt es ein Happy End?

Christine Wunnicke: „Selig & Boggs. Die Erfindung von Hollywood“. Berenberg. 112 Seiten, 20 Euro.

Man wird Friedrich Christian Delius dereinst als einen der wichtigsten Chronisten unserer Zeit bezeichnen. Romane und Erzählungen über das Wunder von Bern, über eine intensive Jazzerfahrung in den USA oder das Leben des Computerpioniers Konrad Zuse gehören zu seinen Themen. In seinen neuen essayistisch-biografischen Texten geht er mit Imre Kertész durch Jena oder verarbeitet ein dreiwöchiges Koma. Dabei geht es um Reden und Schweigen und die Vorzüge des Stillseins. Gerade richtig zu Weihnachten.

Friedrich Christian Delius: „Die sieben Sprachen des Schweigens“. Rowohlt Berlin. 192 Seiten, 20 Euro.

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Mit Literatur durch Jahr kommt man mit dem Literaturkalender 2022. Simone de Beauvoir begegnet uns im Januar mit freundlich-herausforderndem Blick. Truman Capote im August sieht leicht derangiert aus, wie nach einer langen Nacht im Studio 54. Und im Juni lacht uns Judith Kerr an. 52 Bilder mit Informationen, runden Geburts- und Todesdaten begleiten uns durch die Wochen des Jahres. Ein treuer Gefährte.

Der Literatur-Kalender 2022. Momente der Erinnerung. Hg. von Elisabeth Raabe. Gestaltet von Max Bartholl. 60 Blatt, 55 Fotos. 22 Euro

Hier wird mal zurecht gehasst

Fast 30 Jahre hat es gedauert, bis dieser Roman ins Deutsche übersetzt wurde. Aber nun liegt er endlich vor, diese Erzählung, die im Jahr 1883 spielt. Die Handlung dauert nicht länger als gut 24 Stunden. Es ist die Geschichte einer hasserfüllten Beziehung zwischen dem protestantischen Großgrundbesitzer Billy Winters und seiner Stieftochter, dem „katholischen Kuckuckskind“ Beth. Die 25-Jährige will sich für die erlittenen Jahre bei ihrem Stiefvater rächen und sich mit seinem Gold und ihrem ungeborenen Kind aus dem Staub machen. Schwieriges Thema, aber sehr poetisch geschrieben.

Eugene McCabe: „Tod und Nachtigallen“. Steidl. 296 Seiten, 19,90 Euro.

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Klar, wir sind alle genug gebeutelt von der Corona-Gegenwart. Will man da noch einen Roman zu dem Thema lesen? Wenn es mit so viel Wortwitz und mit so frischen Dialogen geschrieben ist wie René Freunds Geschichte aus der Quarantänehölle, dann ja. Corinna und David haben sich gerade erst auf Tinder kennengelernt, da zwingt der positiv getestete Pizzabote sie in ein 14-tägiges Zusammenleben. Veganer trifft auf Fleischesserin, Ordnung auf Chaos, ein Spiel mit Klischees, ohne klischeehaft zu sein.

René Freund: „Das Vierzehn-Tage-Date“. Zsolnay. 160 Seiten, 18 Euro.

Schöne, neue Arbeitswelt

Peter Licht, Sonnendeckkapitän und Wettentspanner, hat seinen ersten Roman geschrieben. Er spielt in einem Co-Working-Space, also dort, wo Kapitalismus auf Coolness trifft und sich arbeitende Menschen Raum und manchmal auch Leid teilen. Es ist einer dieser Orte, an denen es vorangeht, ohne dass man genau wüsste, was genau. Und auch der Protagonist des Romans weiß das nicht so recht. Also erstmal einen Kaffee. Die Wege zum Erfolg sind verstellt von lauter Ablenkungen, die Kaffeemaschine ist nur eine von vielen. Eine andere Ablenkung sind Partys. Eine wird ganz entscheidend werden. Ein lustiges, genau beobachtetes Buch vom Sonnendeck des Kapitalismus.

Peter Licht: „Ja okay, aber“. Tropen. 240 Seiten, 20 Euro.

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Heute sorgt das Gleichstellungsgesetz dafür, dass ein Unternehmen niemanden ablehnen darf, nur weil sie eine Frau ist. Das war in den Siebzigern noch anders. Christine Drews erzählt auf Grundlage einer wahren Geschichte den Kampf der ersten Linienflugkapitänin in Deutschland. Sie musste sich erst einklagen. Auch wenn heute die Gleichberechtigung der Frauen noch immer nicht selbstverständlich ist, sind wir heute schon einen großen Schritt weiter. Ein Roman, der trotzdem die Augen öffnet.

Christine Drews: „Freiflug“. Dumont. 352 Seiten. 20 Euro.

Kleine Puzzleteile und ein ganzes Leben

Ein weißer Bademantel. In ihm hat der erste Liebhaber von Sophie Calle ihr die Tür geöffnet. Sie war 18, es lief ein Jahr gut. Als er ging, ließ er ihr den Bademantel. Er ist einer von 65 Miniaturen aus dem Leben der Konzeptkünstlerin. Die „wahren Geschichten“ erzählt Sophie Calle nun schon seit 40 Jahren. Ein Foto, ein kleiner Text, ein Puzzlestück aus einem Leben. In dieser Sammlung – mal todtraurig, mal saukomisch – verstecken sich offene Fragen nach der Identität eines Menschen und lassen einen neuen Blick auf die Gegenstände und Momente des eigenen Lebens zu.

Sophie Calle: „Wahre Geschichten“. Aus dem Französischen von Sabine Erbrich. Suhrkamp. 141 Seiten, 22 Euro.

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Hat einen besonderen Roman geschrieben: Die Schriftstellerin Eva Menasse.

Hat einen besonderen Roman geschrieben: Die Schriftstellerin Eva Menasse.

Dunkelblum heißt die Kleinstadt, in der es in diesem Roman geht. Eine Kleinstadt voller Altnazis und voller Schweigen. Was verschwiegen wird, ist ein furchtbares Verbrechen aus den Kriegsjahren. Das ändert sich auch nicht, als der Ort zur Besucherattraktion werden soll. Eva Menasse hat sich augenscheinlich am Massaker von Rechnitz, bei dem 180 Juden ermordet wurden, orientiert. Die Österreicherin hat eine besondere Sprache gefunden, diese Geschichte zu erzählen, sie ist der eigentliche Star dieses Buches. Ein ungewöhnlicher, ein besonderer Roman über die NS-Vergangenheit.

Eva Menasse: „Dunkelblum“. Kiepenheuer und Witsch. 528 Seiten, 25 Euro.

Unsichere Schritte in einen neue Beziehung

Heinz Strunk hat seine Leserinnen und Leser unter anderem in die dunkle Kneipen- und Außenseiterwelt in „Der goldene Handschuh“ entführt. Nun hat der Hamburger einen Liebesroman geschrieben. In „Es ist immer so schön mit dir“ geht es trotzdem wieder um einen Außenseiter. Der Protagonist, dessen Namen wir nicht erfahren, verliebt sich mitten in seiner Midlife-Crisis in die junge Schauspielerin Vanessa. Strunk lässt uns an den Gedanken seines unsicheren, befangenen, zwischen Glück und Unglück schwankenden Antihelden teilhaben. Es ist immer so schön mit ihr. Mag sein, aber leicht ist es nicht. Mit ihr nicht und mit sich selbst erst recht nicht.

Heinz Strunk: „Es ist immer so schön mit dir“. Rowohlt. 288 Seiten, 22 Euro.

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