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Sicherheit am Strand

Retter in Rot: Wie die DLRG den Strand in Boltenhagen sicher macht

Sorgen für mehr Sicherheit am Ostseestrand: v.l. Sinan Brandt, Lara Unkelbach, Annika Ketzler und Robert Rauth sind Rettungsschwimmer im Ostseebad Boltenhagen.

Sorgen für mehr Sicherheit am Ostseestrand: v.l. Sinan Brandt, Lara Unkelbach, Annika Ketzler und Robert Rauth sind Rettungsschwimmer im Ostseebad Boltenhagen.

Ostseebad Boltenhagen. Eine rot-gelbe Flagge ist gehisst, Rettungswesten und Helme liegen bereit, Wasser steht kühl, eine Liege wurde aufgeklappt, Ferngläser stehen hinter den Fensterscheiben, Funkgeräte sind auf Empfang geschaltet. Sinan Brandt hat mit seinem Team die Hauptwache 11 im Ostseebad Boltenhagen eingenommen. Der 22-Jährige ist Wachführer bei der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), einem Verein, der grundsätzlich mit freiwilligen Helfern in den Bereichen Wasserrettung und Nothilfe arbeitet.

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An den Stränden der Ostsee haben die Freiwilligen nun wieder verstärkt ihre Arbeit aufgenommen. Sie überwachen die Abschnitte engmaschig, sind Ansprechpartner bei allen Sicherheits- und Gesundheitsfragen und geben Bade- und Urlaubsgästen jeden Tag ein gutes Gefühl am Ostseestrand. Immer wieder machen sie auf die Gefahren im Badeurlaub aufmerksam. Und berichten von den Auswirkungen der Corona-Pandemie.

Retter sein als Ehrenamt

Zu viert besetzen Sinan, Lara, Annika und Robert den Hauptwachturm 11 im Ostseebad Boltenhagen. Auch die acht anderen Türme sind mit Beginn der Sommerferien täglich mindestens von 10 bis 18 Uhr, oft auch länger, besetzt. Jeder Helfer in Rot ist freiwillig hier – als Ehrenamtlicher, im Rahmen ihres Bundesfreiwilligendienstes oder als Praktikant. Die Arbeit ist unentgeltlich. Gegen Verpflegungspauschalen, Fahrtkostenzuschüsse und Logis sichern sie täglich die Strände ab. Manche bleiben nur eine oder zwei Wochen und wechseln dann an einen anderen Badeort. Andere verbringen den ganzen Sommer in ein und demselben Ostseebad.

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Am Strandaufgang 11 befindet sich im Ostseebad Boltenhagen die Hauptwache der DLRG.

Am Strandaufgang 11 befindet sich im Ostseebad Boltenhagen die Hauptwache der DLRG.

Viele Ausbildungsmöglichkeiten

Sinan Brandt kommt wie viele Rettungsschwimmer an der Ostsee gar nicht aus der Region. Der 22-Jährige ist aus Rheinböllen im Hunsrück. Für die ehrenamtliche Arbeit bei der DLRG hat er sich bei seinem Arbeitgeber Urlaub genommen. Zwei Wochen verbringt er nun als Wachführer in Boltenhagen, ehe er auf der Insel Rügen in den Einsatz gehen wird. „Meine Ausbildung habe ich am Rheinufer absolviert“, berichtet der junge Rettungsschwimmer. Sinan ist nicht nur zertifizierter Rettungsschwimmer und Wachführer, er hat auch einen Schein als Wasserretter, Bootsführer und Strömungsretter. An der Zusatzqualifikation zum Einsatztaucher arbeite er gerade. „Die Tätigkeitsfelder sind sehr vielfältig. Man kann auch Drohnenpilot, Luftretter oder Sanitäter bei der DLRG werden“, erklärt er.

Rettungsschwimmer im ganzen Land gesucht

Jährlich sucht der gemeinnützige Verein hunderte Rettungsschwimmer, Wasserretter, Bootsführer und Co., um die Badeorte im ganzen Land abzusichern. Manchmal können Badeanstalten gar nicht öffnen, weil Rettungspersonal fehle. Besonders schwerwiegend sei das Problem aktuell in Hamburg, wo ein Drittel der Freibäder aufgrund von Personalmangel schließen musste. Auch in Niedersachsen könne die DLRG nicht alle Wachtürme besetzen. In der Vorsaison habe es in MV immer wieder personelle Engpässen gegeben. „Zur Hauptsaison und Ferienzeit hat sich das aber speziell an der Ostseeküste gelegt“, berichtet Martin Holzhause, Leiter der DLRG-Pressestelle. Die Seebäder und Ostseestrände wären bei Helfern aus ganz Deutschland beliebt. Das zeigt sich auch am Beispiel in Boltenhagen: In der Vorsaison waren es sechs, in der Hauptsaison sind es 24 Rettungsschwimmer am Ostseestrand.

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Die Schließung der Schwimmbäder während der Corona-Pandemie wirke sich deutlich auf das Vorhandensein von Rettungsschwimmern aus. „Viele Interessenten machen ihre Ausbildung in den Herbst- und Wintermonaten. Das war die letzten zwei Jahre aufgrund von Schließungen meistens gar nicht möglich“, so Holzhause. Die Folge: Fehlende Rettungsschwimmer in der Badesaison 2022.

Schlechte Schwimmausbildung in Corona-Pandemie

Nicht nur Rettungsschwimmer fehlen, auch gut ausgebildete Nachwuchsschwimmer bleiben aus. Die DLRG weist auf mangelnden oder ausgefallenen Schwimmunterricht in der Corona-Pandemie hin. Immer mehr Kinder könnten nicht richtig schwimmen. „Wir gehen davon aus, dass wir nun quasi zwei Schuljahrgänge haben, die nicht schwimmen können“, zeigt sich DLRG-Präsidentin Ute Vogt besorgt. „Auch wir erleben täglich, dass Kinder und Jugendliche schlecht oder gar nicht schwimmen können“, so Sinan Brandt. In Zahlen heißt das: Fast 60 Prozent der Zehnjährigen sind keine sicheren Schwimmer.

Einmal Rettungsschwimmer, immer Rettungsschwimmer

Rund ein Drittel der freiwilligen Helfer sind Schüler, Absolventen, Studierende oder Bufdis (Bundesfreiwilligendienstler) zwischen 16 und 25 Jahren. Wer bei der DLRG arbeiten wolle, müsse nicht zwingend Mitglied sein. „Wichtig ist ein aktuelles Rettungsschwimmerabzeichen Silber und ein Erste-Hilfe-Kurs“, erklärt der DLRG-Sprecher. Die größte Motivation, berichten die vier vom Wachturm 11 in Boltenhagen, ist, anderen Menschen zu helfen. „Auch neue Freunde zu finden, Kontakte zu knüpfen, und mal rauszukommen ist der Grund, warum ich hier bin“, erzählt Sinan, der sonst in den Strömungen des Rheins um Menschenleben kämpft. Außerdem wolle jeder Rettungsschwimmer das, was er gelernt habe, anwenden können. 70 Prozent der Rettungsschwimmer, die einmal bei der DLRG im Einsatz waren, kämen wieder, so Holzhause.

Für sie geht die eigene Sicherheit vor: Die Rettungsschwimmer Sinan Brandt (22) und Annika Ketzler (19) nutzen manchmal das Boot für Rettungsaktionen.

Für sie geht die eigene Sicherheit vor: Die Rettungsschwimmer Sinan Brandt (22) und Annika Ketzler (19) nutzen manchmal das Boot für Rettungsaktionen.

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Jede Sekunde zählt

Sinan und seine Kollegen beantworten am Strand Fragen rund um den Badebesuch, erklären Baderegeln, geben Armbänder aus, anhand derer sich Kinder registrieren lassen können, verwahren Portemonnaies, verteilen Sonnencreme, Pflaster und manchmal auch Verwarnungen. Der Ernstfall ist zum Glück selten, aber wenn etwas passiert, zähle jede Sekunde. Sinan Brandt habe erlebt, wie es ein Familienvater in den Stromschnellen des Rheins nicht geschafft habe. Solche Erlebnissen prägen für das Leben. „Am besten hilft dann, darüber zu reden.“

Ertrinken ist ein stiller Tod

In Boltenhagen ist der Strand am Tag unseres Besuchs übersichtlich. Die Rettungsschwimmer müssen konzentriert auf das Wasser schauen, denn das Ertrinken sei ein stiller Tod. Menschen, die beim Baden in Not geraten, würden nicht wie in Filmen mit den Armen winken oder im Wasser strampeln. „Wir schauen also speziell nach regungslosen Menschen, Badegästen, die sich auffällig starr und ruhig im Wasser verhalten oder ihren Kopf absenken“, erklärt Annika Ketzler.

Lara Unkelbach (19) hat die Augen auf das Wasser gerichtet. Ertrinkende seien auffällig starr und regungslos.

Lara Unkelbach (19) hat die Augen auf das Wasser gerichtet. Ertrinkende seien auffällig starr und regungslos.

Wird eine solche Person gesichtet, müsse sofort die Hauptwache informiert werden. „Wichtig ist bei jedem Einsatz, dass die Rettungskräfte ihre eigene Sicherheit beachten“, wirft Sinan ein. Ist die rote Flagge gehisst und ist ein Badeverbot ausgesprochen, müsse ein Helfer zunächst abwägen, ob er noch in das Wasser gehen könne oder nicht. Spezielles Rettungsequipment und ein Rettungsboot, das unten am Wasser parkt, unterstützen die Einsatzkräfte.

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In Zukunft werde in Boltenhagen sogar über ein Elektromobil oder Quad und ein zweites Boot am Strand nachgedacht. So können Rettungskräfte schneller größere Strecken überwinden und seien noch mobiler.

Von Lea-Marie Kenzler

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