Unterrichtsausfall in MV

Kreiselternrat beklagt andauernden Lehrermangel in MV

Der Unterricht fällt aus, steht auf einer Schultafel geschrieben.

Der Unterricht fällt aus, steht auf einer Schultafel geschrieben.

Güstrow. Den Schulen gehen die Lehrer aus. Bundesweit fehlen laut Deutschem Lehrerverband fast 40 000 Pädagogen, in Mecklenburg-Vorpommern müssen nach Berechnungen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bis 2030 rund 8700 Lehrerstellen neu besetzt werden. Im kommenden Schuljahr sind nach Aussage von Bildungsministerin Birgit Hesse (SPD) erstmal rund 700 Lehrerstellen offen. Bislang wird der Mangel kompensiert mit Seiteneinsteigern und Studenten. Aber auch Pensionäre werden zurückgeholt und unterrichten dann im Landkreis Rostock beispielsweise mit 76 Jahren Mathematik, ersetzen im Krankheitsfall sogar den Klassenlehrer.

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Lehrermangel ist ein Dauerproblem

„Der gravierende Lehrermangel ist ein Dauerproblem bei unseren Schulelternräten“, sagt Kai Bisanz, Vorsitzender des Kreiselternrates, der mit den Vertretungen an den 79 Schulen im Kreis regelmäßigen Kontakt pflegt. Immer wieder würden sich Eltern beschweren, weil Fachlehrer über einen längeren Zeitraum ohne Ersatz ausfallen und „die Kinder dann im Halbjahr vielleicht sieben mal Mathe haben“. Oder Hauptfächer würden durch Kunst oder ähnliches ersetzt. „Diese Stunde gilt dann nicht als ausgefallen“, sagt Bisanz, obwohl das eigentliche Lehrfach nicht bedient wurde.

Schüler fallen reihenweise durch Prüfungen

Schüler würden „reihenweise“ durch Prüfungen fallen, ergänzt Yvonne Benger, Kreiselternrats-Vize. Sie berichtet von einer Schule, an der neun Schüler den Realschul-Abschluss nicht geschafft hätten. „Das war eine Schule, an der der Mathe-Unterricht im zweiten Halbjahr vor der Prüfung ausgefallen ist. Das ist inakzeptabel“, erklärt Benger.

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Offiziell sind landesweit im Schuljahr 2017/18 etwa 2,4 Prozent der Unterrichtsstunden an den staatlichen allgemein bildenden Schulen ausgefallen – von Grund- bis Berufsschule. So jedenfalls sagt es der Ministeriumsbericht von November 2018 aus. Für die Ministerin „kein Anlass zum Jubeln“, aber sie sei froh, „dass bei gewachsenem Lehrerbedarf der Unterrichtsausfall nicht weiter gestiegen ist“. Bei allem Verständnis für unzufriedene Eltern äußerte Hesse: „Vertretungsunterricht ist nicht optimal, aber allemal besser als Unterrichtsausfall“.

Zustand ist für Kreiselternrat nicht hinnehmbar

Zumeist fallen Vertretungsstunden wegen Erkrankung von Lehrkräften an. An Grundschulen werde das Problem häufig mit Zusammenlegung von Kursen und Klassen zu lösen versucht. An weiterführenden Schulen, an denen im letzten Schuljahr landesweit 3,3 Prozent des Unterrichts richtig ausgefallen und 11,7 Prozent vertreten wurden, haben Lehrer in 20 Prozent der Fälle Überstunden geleistet, in zehn Prozent waren Vertretungslehrer im Einsatz. Laut Landesbericht wurde zu 28,5 Prozent der Unterricht durch „sonstige Maßnahmen“ ersetzt, dazu zählt unter anderem „fachbezogene Stillarbeit“. Ein Zustand, der für den Kreiselternrat nicht hinnehmbar ist.

Zur Erläuterung der konkreten Situation im Landkreis Rostock hat das zuständige Staatliche Schulamt nach OZ-Anfrage ans Bildungsministerium in Schwerin verwiesen. Von hier hieß es nur: Dem Staatlichen Schulamt in Rostock liegen bis heute keine Beschwerden aus dem Kreiselternrat des Landkreises Rostock vor. Auf Fragen zu offenen Lehrerstellen, Fächerkombinationen, Ausfallstunden wurde nicht eingegangen. „Fächerspezifisch werden Unterrichtsausfall und Vertretungsunterricht nicht erhoben“, erklärt Ministeriumssprecher Henning Lipski. Stattdessen bat das Ministerium um Nennung von Schule und Klasse, um den Problemen nachzugehen.

Schulen haben keine „Vertretungsreserven“

Der dramatische Personalmangel sei ein Thema an allen Schulen, bestätigt Heike Walter, Vorsitzende der Schulleitungsvereinigung in MV. Sei der Stundenplan zu Beginn des Schuljahres endlich geschrieben und mit Lehrkräften abgedeckt, verändere sich dann aber im Laufe des Jahres durch Krankheit, Schwangerschaft, Kuren die Situation dramatisch. „Die Schulen haben keine verlässlichen Vertretungsreserven“, sagt Walter. Sie müssten sich selbst um Ersatzkräfte bemühen.

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Klassen zusammenzulegen, immer wieder irgendwo einzuspringen – „das ist für die Lehrergesundheit nicht gut und auch für die Schüler eine extreme Belastung“, betont Walter, selbst Schulleiterin in Satow. Sie kritisiert mangelnde Flexibilität bei der Einstellung von Lehrkräften. „Warum können Schulleiter nicht zusammen mit Betriebsrat und Gleichstellungsbeauftragtem über die Einstellung eines engagierten Referendars oder eines motivierten Seiteneinsteigers entscheiden?“ Stattdessen werde die Stelle über das Schulamt ausgeschrieben und die Lehrkraft oftmals „verprellt oder weit weg geschickt“, wie der Kreiselternrat beoachtet hat. Heike Walter sieht hier die „Selbstständigkeit der Schulen, wie sie mal angedacht war“, ausgehebelt.

„Inklusion kann nicht mit dem Holzhammer durchgezogen werden“

Gerade im Hinblick auf die geplante Inklusion an Schulen melden Eltern- und Lehrerverbände auch angesichts der Personalsituation große Bedenken an. „Die Idee ist gut“, sagt Kai Bisanz, „aber Inklusion kann nicht mit dem Holzhammer durchgezogen werden“, spielt er auf den Entwurf des Schulgesetzes an, der derzeit heftig diskutiert wird. Eine entsprechende Ausstattung der Schulen, sachlich wie personell, sei nötig. „Um Kinder zu fördern, müssen Voraussetzungen erfüllt werden, bessere Stundenzuweisungen, mehr Räume, mehr Personal, Sachmittel“, zählt die Schulleitungsvereinigungsvorsitzende auf.

Neue Wege bei der Personalsuche

Heike Walter spricht sich dafür aus, bei der Personalsuche neue Wege zu gehen. „Wir müssen attraktive Modelle bieten, damit in MV ausgebildete Lehrer bleiben. Wir sollten Pädagogen nicht frühestmöglich in Rente gehen lassen, sondern gute Lösungen für die Weiterbeschäftigung der älteren Kollegen finden, beispielsweise weniger Stunden bei vollem Gehalt“, schlägt Walter vor.

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Auch der Landeselternrat hat sich auf seiner Plenartagung in der vergangenen Woche mit dem akuten Lehrermangel beschäftigt und als Mitinitiator des „Bündnisses für gute Schule“, dem landesweit mehrere Verbände und Gewerkschaften angehören, zur gemeinsamen Suche nach konstruktiven Lösungen aufgefordert. „Ohne Rücksicht auf Besitzstandsdenken oder Denkschranken, im Sinne unserer Kinder und damit für unsere gemeinsame Zukunft“, betont der Vorsitzende Kai Czerwinski.

Doris Deutsch

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