Neue Chefin für Notärzte und Sanitäter

Rostocks Rettungsdienst wird oft missbraucht

Dr. Claudia Scheltz (48) ist die neue Leiterin des Rettungsdienstes in Rostock.

Dr. Claudia Scheltz (48) ist die neue Leiterin des Rettungsdienstes in Rostock.

Rostock. Alle zwölf Minuten schrillt bei Rostocks Rettern der Alarm. Und dann muss es schnell gehen. Von einer der acht Rettungswachen in der Hansestadt rücken dann die Sanitäter aus – und wenn es besonders kritisch ist, auch der Notarzt. Fast 42 000 Einsätze pro Jahr zählen die Lebensretter. „Wir sind in der Hansestadt sehr gut aufgestellt“, sagt Dr. Claudia Scheltz. Seit dem 1. August ist sie die neue Leiterin des Rettungsdienstes in Rostock, die Chef-Notärztin sozusagen. Sie koordiniert die lebensrettende Hilfe, arbeitet an Plänen für große Notlagen an der Warnow und ärgert sich über Menschen, die den Notruf 112 „missbrauchen“.

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85 Notärzte gibt es in Rostock

Erst im Frühjahr waren die Rettungsdienste großes Thema im Schweriner Landtag: Denn landesweit fehlen Notärzte, in vielen ländlichen Gegenden können die Sanitäter die vorgeschriebene Hilfsfrist von zehn Minuten nach einem Notruf nicht einhalten. In jedem dritten Fall kommen die Einsatzkräfte später als gesetzlich festgeschrieben. Rostock hingegen ist da eine Ausnahme: Etwas mehr als sieben Minuten brauchten die Helfer im Jahr 2016 im Schnitt. Das jedenfalls geht aus Zahlen der Landesregierung hervor. „Wir haben in Rostock insgesamt 85 aktive Notärzte“, sagt Rettungsdienst-Chefin Scheltz. Die meisten davon seien Mediziner der Uni- oder der Südstadt-Klinik. Personalmangel kenne sie daher zum Glück nicht.

Insgesamt drei Notarzt-Einsatzfahrzeuge und elf Rettungswagen stehen in Rostock für Einsätze parat. „Bei zwei Dritteln der Fälle muss kein Notarzt ausrücken. Das bewältigen die Rettungsassistenten allein“, so Scheltz. Aber: „In 24 Stunden hat jeder Notarzt bis zu 14 Patienten zu betreuen.“ Herzinfarkte, Unfälle, schwere Verletzungen, Infektionen, Geburten: „Wir müssen mit allen medizinischen Problemen umgehen können“. Die meisten Notärzte in Rostock sind Anästhesisten, aber auch Internisten und Chirurgen rücken aus. „Die Kollegen sind fachlich allesamt top – gerade weil sie aus den Kliniken kommen und echte Fachleute sind.“

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Über Bad Doberan zurück an die Warnow

Scheltz selbst stammt aus Rostock, ist Fachärztin für Anästhesie und Intensivmedizin. Die 48-Jährige ist verheiratet, hat eine erwachsene Tochter und in Greifswald studiert. Zehn Jahre lang war sie am Krankenhaus in Bad Doberan tätig. „Als Notärztin bin ich aber auch schon mehr als 20 Jahre im Einsatz“, sagt sie. Und auch heute noch – als Chefin des Rettungsdienstes – übernimmt sie selbst regelmäßig Schichten auf dem Einsatzwagen: „Ich will in der Übung bleiben und die Probleme vor Ort kennen.“

Dass der Beruf des Notarztes ein besonders herausfordernder Job ist – ja, das gesteht sich Scheltz selbst ein. „Wenn ich am Straßenrand ein Kreuz sehe, kann ich mich in vielen Fällen noch an den Einsatz erinnern.“ An Einsätze, in denen jede Hilfe zu spät kam. „Wichtig ist, dass man in einem guten Team arbeitet und auch über das Erlebte spricht“, sagt sie. Wenn Scheltz den Kopf freibekommen will, dann zieht sie ihre Sportschuhe an – und geht laufen. „Es gibt aber auch Einsätze, an die man zurückdenkt, weil sie sehr gut gelaufen sind.“ Spontan fällt ihr da ein Flugzeug-Absturz im Osten des Landes ein: „Wir hatten genau eine Chance, eines der Unfallopfer zu retten. Und die haben wir genutzt.“ Dem Patienten gehe es heute blendend. „Deswegen machen wir diesen Job.“

Rettungswagen als „schnelles Taxi“?

Ein Thema aber ärgert Scheltz: Seit Jahren steigt die Zahl der Einsätze für Notärzte und Rettungsassistenten. Ein Grund ist das steigende Durchschnittsalter der Bevölkerung. Ein anderer aber ist die „Bequemlichkeit“: „Leider wird der Notruf auch oft gewählt, wenn es kein lebensbedrohlicher Notruf ist“, so Scheltz. Die Notaufnahmen in Rostock leiden seit Jahren darunter, dass auch Menschen mit „kleineren“, nicht bedrohlichen Erkrankungen –mit Infekten oder Erkältungen etwa – sich Hilfe in der Klinik holen wollen. „Und das Gleiche gilt für den Rettungsdienst. Einige denken, wenn sie mit dem Rettungswagen in die Notaufnahme gebracht werden, können sie sich das stundenlange Warten sparen. Das geht so aber nicht.“ Für die Retter sei das eine Belastung: „Wenn der Notruf gewählt wird, kommen wir auch.“ Scheltz sagt: „Viele Menschen wissen leider nicht, dass es auch einen eigenen Notruf der Kassenärzte gibt – die Nummer 116117. Da wird denjenigen geholfen, die zwar sie krank sind, es aber nicht um Leben und Tod geht.“

Scheltz wünscht sich schnelle Investitionen

Von der Stadtpolitik erhofft sich die neue Leiterin des Rettungsdienstes in den kommenden Jahren „schnelle Entscheidungen“ – zum Beispiel, was die Sanierung der Hauptwache in der Südstadt angeht. „Als ich zum ersten Mal die Rettungswache an der Augustenstraße gesehen habe, war ich echt erschrocken. Unter welchen Umständen die Kollegen dort arbeiten müssen – das verdient meine Hochachtung. Das Gebäude ist alt und marode.“ Abhilfe sei aber erst in Sicht, wenn das Projekt Schlesingerstraße angegangen wird. „Ich hoffe, dass wir diese Investitionen zeitnah tätigen können.“

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Defizite sieht die Medizinerin auch in puncto „Krisenvorsorge“: „Wir arbeiten mit dem Brandschutz- und Rettungsamt derzeit an Plänen für eine sogenannte Pandemie in Rostock.“ Im Klartext: Die Retter wollen darauf vorbereitet sein, wenn ein Virus – die Grippe zum Beispiel – nicht nur ein paar, sondern Tausende Rostocker infiziert. „Da sind wir bisher nicht optimal vorbereitet. Aber das werden wir ändern.“ Denn auf den Rettungsdienst soll in jedem Fall Verlass sein.

Andreas Meyer

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