Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

 

Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Archäologie

300 Jahre altes Greifswalder Gefängnis entdeckt

Bei den Arbeiten auf dem Gelände Ecke Baderstraße/Domstraße wurden Gefängniszellen aus dem 17. Jahrhundert gefunden.

Bei den Arbeiten auf dem Gelände Ecke Baderstraße/Domstraße wurden Gefängniszellen aus dem 17. Jahrhundert gefunden.

Greifswald. Das ist eine archäologische Sensation. Auf dem früheren Gelände der Freiwilligen Feuerwehr wurden an der Greifswalder Domstraße Zellen eines Greifswalder Gefängnisses aus dem 17. Jahrhundert entdeckt: dunkle Löcher mit Ösen, an denen früher wahrscheinlich die Missetäter angekettet wurden. Dabei wurde auf größtmögliche Entfernungen zwischen den Häftlingen und der Tür geachtet.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Ich kenne nichts Vergleichbares“, sagt Renate Samariter. „Das ist ein außergewöhnlicher Fund.“ Sie begleitet im Auftrage des Landesamtes für Kultur- und Denkmalpflege die Arbeiten für ein Wohnprojekt der Peter-Warschow-Stiftung auf dem früheren Feuerwehrhof Ecke Domstraße/Baderstraße. Die über 300 Jahre alten Zellen sind inzwischen weitgehend zerstört worden, die Gründungsarbeiten auf dem Gelände gingen ohne Pause weiter. Das sei sehr bedauerlich, so Samariter. Sie habe vergeblich versucht, die Mauer zu retten.

Dirk Brandt zeigt einen eisernen Anker und eine Öse aus dem Gefängnis. Die Putzreste stammen aus dem 17. Jahrhundert am historischen Ort

Dirk Brandt zeigt einen eisernen Anker und eine Öse aus dem Gefängnis. Die Putzreste stammen aus dem 17. Jahrhundert am historischen Ort

Stadt: Alle gesetzlichen Vorgaben erfüllt

„Es bestand nie die Notwendigkeit eines Baustopps“, stellt Stadtsprecherin Andrea Reimann fest. Mit der Dokumentation des Gefängnisses seien die gesetzlichen Forderungen erfüllt. Alle Planungen der Warschow-Stiftung seien genehmigt. „Die Mehrkosten einer Umplanung können dem Bauherren nicht auferlegt werden“, so Reimann.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Das Greifswalder „Regierungsviertel“

Historisch gesehen befand sich an der Ecke Baderstraße/Domstraße der sogenannte Stadthof mit einer ungewöhnlich großen Freifläche. In dem Bereich bis zum Wall und der Fleischerstraße lag das historische „Greifswalder Regierungsviertel“, konzentrierte sich unweit des Rathauses die Verwaltung. Das 1878 abgerissene Syndikatshaus, so etwas wie der Sitz des Rechtsamtsleiters, war nach dem Rathaus das zweitgrößte weltliche Gebäude. Im „Regierungsviertel“ standen auch die Ratsdienerhäuser und der städtische Pferdestall. Es stehen noch die Stadtschreiberei und das letzte Zeughaus. Viel spreche dafür, dass ein halbrunder Ziegelschacht aus dem 17. Jahrhundert zu einer zentralen Latrinenanlage für den Stadthof gehörte, so Renate Samariter.

Blick in eine Zelle

Blick in eine Zelle

„Auch die Frohnerei, also das Scharfrichterhaus, befand sich in diesem Bereich“, erzählt der Kunsthistoriker Felix Schönrock. Bis 1869 erinnerten Straßennamen wie Pferdestraße, Packhausstraße und Frohnerstraße an die früheren Nutzungen. Dann wurden sie Teil der Domstraße. Die Stadtschreiberei, das Haus des städtischen Buchhalters, die Domstraße 33, wurde 1374 errichtet. Das lasse sich sogar urkundlich belegen, so Schönrock.

Unter dem im 19. Jahrhundert abgerissenen Gebäude Domstraße 32 wurden wohl aus den 1370er Jahren stammende Keller nachgewiesen, erzählt Bauhistoriker Dirk Brandt. Hier wurden die Zellen gefunden und zwei freigelegt. „Es handelt sich um tonnengewölbte Räume, das Mauerwerk ist zum Teil mittelalterlich“, so Brandt. Es gab drei Ösen pro Zelle, man kann also von bis zu drei Gefangenen in einem Raum ausgehen. Massive Feldsteine trennten die Räume. Gefunden wurden auch sehr massive eiserne Zuganker. Flucht war nahezu unmöglich.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Mit so einem Rung wurden die Gefangenen angekettet. Dabei wurde der größtmögliche Abstand zu den anderen Gefangenen und der Tür eingehalten

Mit so einem Rung wurden die Gefangenen angekettet. Dabei wurde der größtmögliche Abstand zu den anderen Gefangenen und der Tür eingehalten

Hofgericht wollte Zellen auch nutzen

Dass es sich im Keller des Hauses Domstraße 32 tatsächlich um Gefängniszellen handelt, belegt eine Beschreibung des um die Stadtgeschichte außerordentlich verdienten Theodor Pyl aus dem 19. Jahrhundert. Er erwähnt „Kettenhaken“ also die Ösen, so Brandt. Auch in der Schwedenmatrikel von 1707/8 wird ein Gefängnis an dieser Stelle erwähnt.

Viel spricht dafür, dass die tonnengewölbten Räume um 1680 entstanden. Das Greifswalder Hofgericht wollte laut Akten dieses Greifswalder Untersuchungsgefängnis zeitweise nutzen, aber keine weiteren Verpflichtungen eingehen. Eine Anfrage von 1684 belegt das. Ob Gefangene im Keller der Domstraße 32 gefoltert wurden, lässt sich nicht mehr sagen.

Abrissbefürworter setzten sich im 19. Jahrhundert durch

Wenn das „Regierungsviertel“ noch stehen würde, wäre es sicher heute ein touristisches Highlight von überregionaler Ausstrahlung, sind Brandt und Schönrock überzeugt. Aber Ende des 19. Jahrhunderts setzten sich die Befürworter von Neubauten nach Abriss der historischen Gebäude gegen die Denkmalbewahrer durch. Das Syndikatshaus und die Domstraße 32 wurden 1878 abgerissen. Gleiches geschah in den 1980er Jahren mit den Ratsdienerhäusern.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Von dem 1879 fertiggestellten Neubau des Gefängnisses ist namentlich der südliche Teil erhalten. In ihm wohnten zunächst wohl der Gefängnisdirektor und der Kommandant der Feuerwehr. Die Zellen der Häftlinge und Räume für das Wachpersonal befanden sich im nördlichen Teil. Erhalten ist die zusammen mit dem Gefängnis errichtete neugotische Mauer des Feuerwehrhofes. Das 1876/77 fertiggestellte Spritzenhaus wurde 1904 beträchtlich verbreitert, ein zweites Geschoss aufgestockt.

Abbruch des alten Dachstuhls war genehmigt

Bei der laufenden Neugestaltung des Geländes wurde bereits mehr historische Substanz beseitigt, als ursprünglich geplant und genehmigt. Die Dachkonstruktion über dem Gebäude an der Baderstraße wurde beseitigt. Auch das sei gesetzeskonform und in Abstimmung mit der unteren Denkmalschutzbehörde erfolgt, betont Stadtsprecherin Reimann. Das Holz sei schwer geschädigt und den künftigen Anforderungen nicht gewachsen gewesen.

Der Dachstuhl des Gebäudes an der Baderstraße wird durch einen neuen ersetzt

Der Dachstuhl des Gebäudes an der Baderstraße wird durch einen neuen ersetzt

Eine Ergänzung: Das noch in der DDR genutzte Gefängnis, das zum nach 1856 errichten Gebäudekomplex des Schwurgerichts Domstraße 7 gehörte, wurde auch erst in den 1990er Jahren abgerissen.

Lesen Sie Weiter:

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Greifswalder Polizeigefängnis wird saniert

Eckhard Oberdörfer

Mehr aus Greifswald

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.