Deutschlands zweitdickste Pappel ist sicher

Mitglieder der Deutsche Dendrologischen Gesellschaft an der Schwarzpappel in der Falladastraße
Quelle: Jürgen Bouillon
Greifswald. Am Vormittag des 21. Februar soll der Bauhof mit der Säge anrücken und die monumentale Schwarzpappel in der Falladastraße bis auf einen Stumpf von sechs Meter Höhe kürzen. Begründet wird das mit einem Gutachten vom Januar dieses Jahres. Das empfiehlt die Kürzung, weil der Fuß des Stammes nicht mehr bruchsicher sei. Die Verkehrssicherheit sei gefährdet.
Vier Sachverständige und Mitglieder der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft sehen das völlig anders und empfehlen ein neues Gutachten mithilfe moderner Methoden. Die Gesellschaft hat letztes Wochenende in Greifswald getagt und die Pappel besichtigt. „Unter Berücksichtigung geringerer, aber dennoch ausreichender Sicherheitsreserven ließen sich zumindest deutlich größere Kronenteile erhalten“, sagt Jürgen Bouillon, Professor für Gehölzverwendung und Vegetationstechnik in Osnabrück. „Damit könnte der Baum deutlich länger leben.“ Er sei es wert.
Denn der Baum ist mit fast 8,88 Stammumfang Mecklenburg-Vorpommerns stärkste Schwarz-Pappel und die zweitdickste in Deutschland. Sein Alter wird auf etwa 150 Jahre geschätzt. Ein außerordentlich wertvoller Baum, da sind sich Stadt und dendrologische Gesellschaft einig. Er ist stadtbildprägend und Lebensraum vieler Tiere, so leben unter anderem Hornissen in dem hohlen Stamm.
Um ihre These von der Erhaltbarkeit des Baums zu bestätigen, sollten mit einer neuen, teilweise kostenlosen Software Sicherheitsreserven berechnet werden, empfiehlt Bouillon. „Maßgeblich ist dabei eine Sicherheit von über 150 Prozent, die der eines Flugzeugs entspricht.“ Er empfiehlt ein neues Gutachten unter Einbeziehung schon erfolgter Untersuchungen. „Nicht die Größe des Schadens, sondern die Größe und Form des intakten Holzes sind ausschlaggebend für die Bruchfestigkeit“, erläutert der Sachverständige Johannes Kohler. „Die Pappel wurde bereits massiv eingekürzt. Durch Reduktion der Kronensegelfläche und Verkleinerung der Hebelarme wurde die Sicherheit bereits deutlich erhöht. Ich stufe die Bruchfestigkeit des Stammes als unproblematisch ein.“ Der Baum könne wahrscheinlich noch Jahrzehnte erhalten bleiben. Eingriffe im Wurzelbereich und starke Kronenrückschnitte sollten unterbleiben, um die Vitalität des Baumes zu gewährleisten. Kohler stellte der Stadt bereits genauere Informationen zu einer Risikoabschätzung auf dem neuesten Stand zur Verfügung und bot seine Hilfe an. Seiner Ansicht nach muss der Bauhof auch noch nicht jetzt mit der Säge anrücken. „Es ist noch etwa ein Monat Zeit für das Gutachten“, widerspricht er dem Gutachten der Stadt, nachdem die Pappel spätestens am 28. Februar gekürzt werden müsste.
Stadtsprecherin Andrea Reimann sieht aber keine Veranlassung für ein neues Gutachten und beruft sich auf das vorliegende. „Auch uns tut es leid, ein solches Naturdenkmal bis auf den Rumpf zu kürzen, wir würden ein solches Denkmal gern erhalten, es geht aber leider nicht“, sagt sie. Die Pappel sei am Ende ihres natürlichen Alterungsprozesses angekommen. In den zurückliegenden Jahren gab es bereits mehrfach Sicherungsmaßnahmen, die Pappel wurde zurückgeschnitten. „Als Stadtbaum ist der weitere Erhalt kostenintensiv und die Kappungen würden immer größere Ausmaße annehmen“, schätzt die Stadt ein.
Eckhard Oberdörfer
OZ