Dramatischer Rettungsversuch für Schwarzpappel

Dicke Äste liegen am Straßenrand.
Quelle: Stefanie Ploch
Greifswald. Dramatische Szenen am Fuß der großen Schwarzpappel in der Hans-Fallada-Straße. Mit einer einstweiligen Verfügung versuchten Baumfreunde buchstäblich in letzter Minute das Ende des alten Baumes zu verhindern, der zu den zehn Naturdenkmälern der Stadt gehört. Eine Gruppe rund um Torsten Kurschus und Robert Gabel von der Partei Mensch Umwelt Tierschutz wandte sich an die Untere Naturschutzbehörde, um für den Baum ein weiteres, lebensrettendes Gutachten zu ermöglichen. "Am Wochenende haben Vertreter der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft festgestellt, dass von dem Baum noch keine Gefahr für den Straßenverkehr ausgehe und ein neues Gutachten gefordert", sagt Kurschus (die OZ berichtete). "Dass der Baum sofort gekürzt werden muss, verstehe ich nicht."
Die Stadt begründet die Kappung der etwa 200 Jahre alten Pappel mit einem aktuellen Baumgutachten vom Januar, nach dem der Baum einen brüchigen Stammfuß hat und die Verkehrssicherheit gefährdet ist. „Die Dendrologen haben uns nicht über ihre Befunde aufgeklärt“, sagt Stadtsprecherin Andrea Reimann. „Des weiteren würde ein weiteres Gutachten nur einen weiteren Aufschub bedeuten – irgendwann kämen wir da nicht mehr drum herum.“
Doch das wollen die Freunde des Baumes nicht hören. „So lange die Aussicht besteht, dass der Baum noch erhalten werden kann, sollte das auch so sein“, findet Michael Graz, der sich für den Erhalt des Baumes einsetzte. „Ohne diese großen, alten Bäume sieht die Stadt doch nur noch aus wie eine Miniatureisenbahn-Landschaft.“ Um die Kürzung zu stoppen, hatte sich der Anwalt Korbinian Geiger am Mittwoch an die Untere Naturschutzbehörde gewandt und eine einstweilige Verfügung gefordert. „Wir hatten gehofft, dadurch noch ein paar Tage Zeit zu bekommen, um die Meinung der Dendrologen mit einfließen zu lassen“, sagt er. Das funktionierte laut Robert Gabel allerdings nicht. Das Fax sei bei der Unteren Naturschutzbehörde gar nicht gelesen worden, weil der Empfänger im Urlaub war und sich niemand anders der Sache annehmen konnte, sagt er.
Achim Froitzheim, Pressesprecher des Landkreises, klärt auf, dass der Antrag auf einstweilige Verfügung nicht an die Untere Naturschutzbehörde sondern direkt an den Antragsteller der Maßnahme gerichtet werden muss – in dem Fall die Stadt Greifswald. „Deshalb ist es auch ohne Belang, dass die einstweilige Verfügung in unserem Hause nicht unmittelbar nach Eintreffen gelesen worden sein soll“, schreibt Froitzheim auf OZ-Anfrage.
Zwar sei von der Naturschutzbehörde keine Antwort gekommen, von seinem Plan abbringen lassen wollte sich aber Torsten Kurschus trotzdem nicht. Er konnte die Mitarbeiter überzeugen, die Arbeiten zunächst einzustellen. Das schmeckte Jana Sadlowski von der mit den Baumfällarbeiten beauftragten Firma Pommern Natura überhaupt nicht. „Wir führen hier nur unseren Auftrag aus. Wenn die Arbeiter hier nichts tun können, kostet uns das ja trotzdem Geld", sagt sie. Gegen Mittag musste schließlich sogar die Polizei anrücken und Platzverweise aussprechen, damit weiter an der Kürzung der Pappel gearbeitet werden konnte. Alles Bitten half nichts: Der rund 150 Jahre alte Baum wurde bis auf einen etwa sechs Meter langen rudimentären Rumpf herunter geschnitten. Stück für Stück wurden die ausladenden Äste abgesägt, ein Kran legte das Pappelholz am Boden ab. Torsten Kurschus betrachtete das Holz. „Also für mich sieht das nicht nach einem kranken Baum aus“, sagte er.
Bei weiteren anstehenden Baumfällungen hat die Stadt jetzt aber eine weitere Prüfung angeordnet. Von den fünf Bäumen am Wall, die laut Gutachten nicht eindeutig bewertet waren, werden drei noch einmal mit spezieller Technik (Schalltomographie) nachuntersucht. Die Linde am Rubenowplatz und eine Linde auf dem Wall müssen allerdings gefällt werden, als Termin ist der 21. Februar angesetzt.
Doch vielleicht wachsen in Greifswald bald die Nachkommen des Baumes. Von der Schwarzpappel seien Stecklinge genommen worden, informierte Oberbürgemeister Stefan Fassbinder auf der Bürgerschaftssitzung am Freitag. Die würden jetzt im Arboretum herangezogen und könnten in einigen Jahren ausgepflanzt werden. Vielleicht, so Oberbürgermeister Fassbinder, treibe die gestutzte Pappel ja sogar wieder aus.
Stefanie Ploch
OZ
