„Moor muss nass“

Greifswald soll Leuchtturm der Paludikultur werden

Christina Lechtape und Rafael Ziegler setzen sich für einen sauberen Ryck durch Moorwiedervernässung ein.

Christina Lechtape und Rafael Ziegler setzen sich für einen sauberen Ryck durch Moorwiedervernässung ein.

Greifswald. Wenn die Moore im Einzugsbereich des Ryck renaturiert werden, wird der Fluss deutlich sauberer. „Ein funktionierendes Moor hat eine Filterfunktion“, erläutert Landschaftsökologin Christina Lechtape von der Succow-Stiftung. „Stickstoff- und Phosphatverbindungen werden zurückgehalten. Und gerade die Nitratbelastung ist ja in den letzten Jahren geradezu durch die Decke gegangen. Der Ryck ist stark belastet.“

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Die Nitrate und Phosphate stammen zum Teil aus Dünger, der nicht von Pflanzen verbraucht wurde. Gut lösliche Phosphate, die leicht in den Ryck gelangen, entstehen indes auch, wenn Moore trockengelegt wurden, ergänzt Rafael Ziegler, der an der Uni Greifswald forscht. „Das hat der Dominik Zak vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei nachgewiesen.“ Zak stellte diese Ergebnisse auf der von Uni und Succow-Stiftung organisierten Tagung „Landwirtschaft und Gewässerschutz – Optionen am Übergang von Fluss und Land“ vor. Dort wurden Ergebnisse aktueller Forschungen vorgestellt und diskutiert.

Um dem Lebensraum Ryck zu helfen, müsse in Zukunft noch mehr unternommen werden. Pufferzonen zwischen landwirtschaftlich intensiv genutzten Flächen und dem Fluss seien notwendig, sagt Lechtape. „Dafür ist eine Wiedervernässung der anliegenden Moore nötig.“ Auch müsse weniger und effektiver gedüngt werden, um das Problem an der Quelle anzugehen. „Moor muss nass“, erinnert sie an den Grundsatz des Greifswalder Moor-Centrums, das von Uni, Succow-Stiftung und dem Verein Duene getragen wird. Die Expertise des Moor-Centrums ist weltweit gefragt. Dass durch Wiedervernässung die Freisetzung von Kohlenstoff- und Stickstoffdioxid aus entwässertem Torf verhindert wird, dient dem Klimaschutz. Das ist inzwischen weltweit anerkannt.

„Nasse Moore zu schaffen bedeutet nicht den Verzicht auf eine Bewirtschaftung“, betont die Wissenschaftlerin. Dass die nasse Landwirtschaft, die Paludikultur, funktioniert, haben die Greifswalder unter anderem in dem Modellprojekt „Vorpommern Initiative Paludikultur“ nachgewiesen.

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„Jetzt geht es um den Nachweis der Wirtschaftlichkeit der Paludikultur“, sagt Ziegler. Produkte wie Schilf oder Rohrkolben können zwar beispielsweise für die Tierfütterung, für die Dachdeckung, für die Herstellung von Dämmstoffen oder die Energiegewinnung eingesetzt werden. Das muss sich für Landwirte auch lohnen. „Die EU muss ihre Förderpolitik ändern“, fordert Ziegler. Wer beispielsweise Weizen anbaut oder Schafe züchtet, der bekommt Geld, wer Schilf produziert nicht.

„Greifswald könnte ein Leuchtturm bei der Etablierung der Paludikultur sein“, sagen Lechtape und Ziegler. Die Voraussetzungen seien ausgezeichnet. Das Greifswalder Moor-Centrum hat eine Datenbank zu den Produkten der Paludikultur und eine Strategie für MV erarbeitet. An der Uni wird dazu geforscht, das Technologiezentrum Vorpommern hat Interesse, die technologische Umsetzung zu fördern.

Zudem besitzt Greifswald große Moorgebiete. Laut einer Studie von Felix Reichelt für die Succow-Stiftung sind knapp zehn Prozent des Greifswalder Stadtgebiets, und zwar 472 Hektar, als Moor zu bezeichnen. Dreiviertel gehören der Stadt, größter Eigentümer der restlichen Flächen ist die Universität. Ein Drittel liegt unter dem Meeresspiegel. Alle städtischen Moore seien mehr oder weniger stark entwässert. „Eine Wiedervernässung heißt nicht, dass das Land dann komplett unter Wasser steht“, erläutert Lechtape. „Ideal für Torferhalt und die Entstehung von mehr Torf ist ein Wasserstand von durchschnittlich null bis zehn Zentimetern unter Flur.“

Rückenwind kommt aus dem Rathaus. „Die Paludikultur steht für Ökonomie, Ökologie und Klimaschutz“, stellt Oberbürgermeister Stefan Fassbinder (Grüne) fest. Greifswald zum Leuchtturm der Paludikultur zu entwickeln, sei sehr erstrebenswert.

Eckhard Oberdörfer

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