Impfpflicht Demonstration

Impfgegner in Greifswald: keine Masken, Vergleiche mit dem Dritten Reich und der Judenstern

„Impfen tötet langsam“ war nur eine Erkenntnis, die die Impfgegner am Montagabend teilten. Über 200 hörten die Botschaft.

„Impfen tötet langsam“ war nur eine Erkenntnis, die die Impfgegner am Montagabend teilten. Über 200 hörten die Botschaft.

Greifswald. Eine Traube von 200 – andere sagen später 300 – Menschen steht vor dem Eingang der Greifswalder Innenstadt. Zwischen Spiegelkiosk und Greifen-Apotheke nehmen sie den ganzen breiten Boulevard in Anspruch. Die Demonstration unter dem Motto „Mein Körper, meine Wahl - für echte Impffreiheit und verhältnismäßige Politik“ läuft bereits einige Minuten. Gerade redet ein älterer Herr. Er erzählt freimütig von seiner Tochter. Lehrerin, gerade an Corona erkrankt. Vor einigen Tagen ginge es ihr noch schlecht. Ein Raunen geht durch die versammelten Demonstranten. „Sie ist ungeimpft.“ Alle klatschen der jungen Frau aus der Geschichte zu.

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Was die Menschen hier eint, ist ihr Unverständnis gegen die Entscheidungen, welche die Politik trifft, um der Corona-Pandemie Herr zu werden. Wobei Unverständnis noch nett gesagt. Viele glauben schlicht nicht, dass Corona eine ernst zu nehmende Bedrohung ist. Maskenpflicht, Lockdown, Schnelltests? Alles Instrumente einer Politik, die die Macht an sich reißen will. Die Maßnahmen seien eher Werkzeuge zur Unterjochung des Volks. Aus dem Trotz ist in den vergangenen eineinhalb Jahren ein Widerstandsgedanke geworden, der sich in einem Vergleich manifestiert: Derselbe ältere Herr, dessen Tochter gerade ungeimpft Corona überstanden haben soll, spricht ihn aus.

Impfen sei „Genexperiment“

Er erzählt die Geschichte eines erfundenen Ehepaares, das während der Zeit des Nationalsozialismus nicht gegen Hitler und seine Helfer aufgestanden ist. Es endet mit einer Erzählung, dass diese Tatenlosigkeit heute nicht mehr seien dürfe. Deswegen geht der Mann nun jeden Montag demonstrieren. Gegner einer Impfpflicht, deren Beschluss überhaupt nicht feststeht, als Erben von Widerstandskämpfern des Dritten Reiches?

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Repressionen, Verfolgung oder gar Gefängnis muss hier niemand fürchten. Im Gegenteil. Als zu Beginn der Veranstaltung die Auflagen vorgelesen werden, lacht die Menge zwei Mal hämisch auf. Einmal, als es heißt, dass eine Maskenpflicht gelte. Ein weiteres Mal, als es heißt, dass nur Haushalte den Abstand von 1,5 Metern nicht einhalten müssten.

Maskenpflicht wird konsequent missachtet

Die Polizei wird es den ganzen Abend über nicht schaffen, die Maskenpflicht in Gänze durchzusetzen. Das sei ja auch schwierig auf einer Veranstaltung mit einem solchen Charakter, merkt ein bekannter Politiker von der AfD an. Der Landtagsabgeordnete Stephan Reuken wolle bei der Veranstaltung mit Greifswaldern ins Gespräch kommen. Er und seine Partei halten den Impfzwang, wie er es nennt, für falsch. Er befürchtet eine Benachteiligung der Ungeimpften im Alltag. Das müsse verhindert werden. Gewählte und abwiegende Worte im Gegensatz zu dem, was die Redner zu der Pandemie zu sagen haben.

Der Veranstalter ist Andreas Pieper. Seit April ist er fast jeden Montag auf dem Marktplatz. So viel Zulauf hatte er mit seinem Anliegen noch nie. Er nutzt seine Redezeit nicht nur, um auf eine Maskenpflicht hinzuweisen, gegen die er selbst beim Landkreis, der zuständigen Behörde, Einspruch eingelegt hat, er ruft seine neuen Zuhörer auch auf, aktiv zu ihren Ärzten zu gehen. Sie sollten sich Atteste besorgen, auf die Masken verzichten. Er bekommt Applaus für den Tipp und den Mut ihn auszusprechen. Die Polizei bestätigt, dass nach Beginn der Versammlung durch die Beamten festgestellt wurde, dass eine Vielzahl der Teilnehmer keinen Mund-Nasen-Schutz trug. Da sich die Situation jedoch nach mehrfachen Durchsagen verbessert habe, wurden keine Ordnungswidrigkeitenverfahren eingeleitet, heißt es auf Nachfrage.

Demonstrantin vergleicht sich mit verfolgten Juden

Am anderen Ende der Veranstaltung wird es laut. Schaulustige und Außenstehende machen ihrem Ärger Luft. Eine Frau ruft in die Menge: „Was soll denn der Nazivergleich?“ Sofort gibt es Widerworte, hitzige Diskussionen entstehen über Corona-Maßnahmen. Einer der Außenstehenden versteht nicht, wie eine solche Veranstaltung genehmigt werden konnte. Am Rande der verbalen Auseinandersetzung beobachtet eine ältere Frau das Treiben. Zu einer anderen Frau gewandt sagt sie: „Wie ich meinte: Judenstern rauf, nichts darf man mehr.“ Die Verharmlosung des Holocausts ist auf den Demonstrationen der Querdenker schon oft aufgetaucht, sogar mit Davidstern auf der Jacke – soweit ist es in Greifswald noch nicht.

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Nach der Demonstration die Nachfrage bei zwei jungen Frauen, wie sie es fanden. Beide wollen lieber anonym bleiben – wie die meisten an diesem Abend. Beide mit Maske, obwohl sie heute früh getestet worden seien, wie sie sagen. „Auf der Arbeit wurden wir getestet, es gilt ja jetzt 3G,“ meint eine. Die andere findet es super, dass so viele kommen. Aber es müssten noch viel mehr werden. „Greifswald muss endlich aufwachen.“

Von Philipp Schulz

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