Unimedizin Greifswald

Schulmedizin trifft chinesische Naturheilkunde

Dr. Jing Jing Liang und Prof. Su Ning Chen schauen Dr. Stefani Adler dabei zu, wie sie Blutegel zur Anwendung bringt. Thomas Götze leidet unter starken Arthroseschmerzen am Knie.

Dr. Jing Jing Liang und Prof. Su Ning Chen schauen Dr. Stefani Adler dabei zu, wie sie Blutegel zur Anwendung bringt. Thomas Götze leidet unter starken Arthroseschmerzen am Knie.

Greifswald. Kein Tag ohne Schmerzen. Seit Ilona W. 1998 zum ersten Mal an der Wirbelsäule operiert wurde, erlitt sie viele Höllenqualen. „Hinzu kommen aktuell Schwindel, Unruhezustände, Schlafstörungen“, sagt die Frau, die in der Nähe von Greifswald wohnt. Nebenwirkungen des Entzugs von Opiaten: Um die starken Schmerzen nach sieben Operationen erträglicher zu gestalten, bekam sie Morphium. „Doch nun ist diese Behandlung beendet“, erklärt Dr. Stefani Adler, Leitende Oberärztin der Abteilung für interdisziplinäre Schmerztherapie an der Universitätsmedizin Greifswald. Jetzt soll eine Akupunktur – bewährtes Verfahren in der Traditionellen Chinesischen Medizin und landläufig unter dem Kürzel TCM bekannt – helfen, die Leiden zu dämpfen. Fauler Zauber oder reale Heilkraft?

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Für Prof. Claus-Dieter Heidecke, Ärztlicher Direktor der Unimedizin, stellt sich diese Frage nicht. „TCM-Verfahren wie die Akupunktur werden bei uns schon lange erfolgreich praktiziert“, sagt er aus Anlass eines Besuchs aus China. Eine vierköpfige Delegation der Shenjing Hospital of China Medical University unter Leitung der Direktorin Prof. Yu Hong Zhao informierte sich im Klinikum über herkömmliche Verfahren westlicher Schulmedizin in Verbindung mit der TCM und demonstrierte selbst etablierte Verfahren. Beide Universitäten kooperieren seit geraumer Zeit miteinander. Doch nun sei es erklärtes Ziel, „die Zusammenarbeit zu intensivieren und Elemente der TCM, die für den positiven Therapieverlauf in der Krankenversorgung von Bedeutung sind, auch bei uns verstärkt einzusetzen“, informiert Heidecke. Zudem soll der Austausch von Mitarbeitern und Studenten ausgebaut werden.

„Ich würde das sehr begrüßen“, sagt Oberärztin Stefanie Adler. Die Anästhesistin ist von der fernöstlichen Naturheilkunde seit Jahren überzeugt. „Mit der Akupunktur sammeln wir im Zuge von Studien schon sehr lange gute Erfahrungen“, sagt sie. Auch das Schröpfen sowie Moxa, eine mit der Akupunktur gekoppelte Wärmetherapie mittels getrocknetem Beifuss, finde in der Unimedizin Anwendung. Adler schätzt die Zahl der mit TCM behandelten Patienten in ihrem Bereich auf etwa fünf Prozent. Kein Wunder, dass auch Ilona W. voller Hoffnung ist, als Prof. Su Ning Chen, Leiterin der TCM-Abteilung im Shenjing Hospital, unter aufmerksamen Blicken deutscher Ärzte mehrere Akupunkturnadeln in ihren Rücken sticht. „Es kann nur besser werden“, sagt die Patientin.

Ähnlich denkt Thomas Götze, der an Kniearthrose leidet und von Stefani Adler im Beisein der chinesischen Gäste mit Blutegeln behandelt wird. „Es gibt wissenschaftliche Studien, die belegen, dass die Entzündung im Knie zurückgeht und die Schmerzen gelindert werden“, berichtet Oberärztin Dr. Susanne Westphal. Als Rehabilitationsmedizinerin sammelte sie ebenfalls gute Erfahrungen mit den Naturheilverfahren. „Wir haben sechs Betten für die multimodale Schmerztherapie: Patienten mit verschiedenartigen chronischen Schmerzen werden für drei Wochen stationär aufgenommen und erhalten dann ein komplexes Programm aus Physiotherapie, Ergotherapie, psychotherapeutischen Verfahren bis hin zu Achtsamkeits- und Genusstraining“, erklärt Westphal. Chinesische Naturheilverfahren seien natürlich nicht in jedem Fall anwendbar. „Doch es gibt Patienten, bei denen kommen wir mit der Schulmedizin nicht weiter, brauchen den ganzheitlichen Ansatz, gerade in der Schmerztherapie.“

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Prof Taras Usichenko praktiziert am Uniklinikum Greifswald bereits seit 2008 erfolgreich die Akupunktur

Prof. Taras Usichenko praktiziert am Uniklinikum Greifswald bereits seit 2008 erfolgreich die Akupunktur. Patientin Yvonne Teske hofft, nach ihrer Operation nicht unter Übelkeit und Erbrechen zu leiden wie bei vorherigen Eingriffen.

Davon ist Prof. Taras Usichenko ebenfalls überzeugt. Der Anästhesist nutzt die Akupunktur in seiner Arbeit täglich, um Patienten Übelkeit und Erbrechen nach einer Operation zu ersparen. Bereits in der Studienzeit sei er von der Wirkung der Nadeln fasziniert gewesen. Später habe er sich auch praktisch intensiv damit auseinandergesetzt, um das Verfahren schließlich in Greifswald gemeinsam mit seinen Kollegen zu etablieren. „Mittlerweile wenden wir es hier seit 2008 erfolgreich an. Wir waren die erste Uniklinik weltweit, die es einführte“, sagt der gebürtige Ukrainer. Konkret gehe es dabei um die P6-Akupunktur: Die Nadel mit einer Länge von gerade mal 1,5 Millimetern werde dazu in die Innenseite des Unterarms gestochen und verbleibe dort während der OP. „Studien belegen, dass es sich nicht nur um einen Placebo-Effekt handelt“, sagt Usichenko. Übelkeit und Erbrechen blieben tatsächlich aus. Auch in der Schmerzlinderung nach einem Kaiserschnitt finden die feinen Nadeln Anwendung. „Frauen wollen in der Regel ihr Kind stillen, deshalb kommen Analgetika, also Schmerzmittel, oft nicht zum Einsatz“, sagt er. Mit einer Akupunktur könne man die Schmerzen lindern und sie schneller wieder auf die Beine bringen. „Das belegen unsere Studien seit 2014. Der nächste Schritt ist jetzt, die Ausbildung von Kollegen serienmäßig zu organisieren.“

Petra Hase

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