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Theater Anklam

Martin Schneider übernimmt das Ruder an der Vorpommerschen Landesbühne

Übernimmt am 1. Mai die Intendanz der Vorpommerschen Landesbühne: Martin Schneider im Theater Anklam.

Übernimmt am 1. Mai die Intendanz der Vorpommerschen Landesbühne: Martin Schneider im Theater Anklam.

Anklam. Wolfgang Bordel verabschiedet sich am 1. Mai nach 36 Jahren Intendanz an der Vorpommerschen Landesbühne. Er hat die Theaterlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern maßgeblich geprägt. Das Ruder übernimmt der 35-jährige Martin Schneider. Vorab sprach er mit der OZ über seine neuen Aufgaben, seine Theaterfamilie und seine Visionen.

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Wie fühlt es sich an, in solche Fußstapfen zu treten?

Es badet sich sehr gut darin (lacht). Es sind große Fußstapfen. Aber Dr. Bordel bleibt Vorsitzender der Vorpommerschen Kulturfabrik, die Träger des Theaters ist. Und er wird als Schulleiter an die Theaterakademie Vorpommern gehen. Er ist also noch da, falls ich Fragen habe. Was gut ist. Denn es ist inzwischen schon eine Art Vater-Sohn-Verhältnis geworden.

Also Sie haben schon Respekt vor der neuen Aufgabe?

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Ja, natürlich, ich glaube, alles andere wäre tödlich.

Sie sind 35 Jahre alt ...

Ja, meines Wissens bin ich der jüngste Intendant in Deutschland.

Wissen Sie, warum sich Herr Bordel für Sie entschieden hat?

Also er hat es mir gesagt. Ich wurde in der Tat nie gefragt (lacht). Er wollte jemanden, der aus unserem Stall kommt, der alles kennt. Auch Andreas Flick ist neu in der Leitung. Er ist Andreas Geschäftsleiter und Chefdramaturg im Haus. Aber ein Theater ist ein hochkomplexes Gebilde, man braucht ein Team, um es gut zu leiten. Ich habe glücklicherweise ein kompetentes und erfahrenes Team, das mit mir zusammenarbeitet. Unsere Oberspielleiterin Birgit Lenz, der Technische Leiter Hans-Jürgen Engel und die Verwaltungsleiterin Kathrin Preuß sind schon viele Jahre an der Vorpommerschen Landesbühne.

Der offizielle Termin für die Übergabe ist am 1. Mai?

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Ja, das ist der Tag, an dem auch Doktor Bordel vor 36 Jahren angefangen hat. Wir haben aber in dieser Spielzeit schon unsere Übergangsphase, haben unsere Büro-WG und auch die gleichen Visionen, was dieses Haus betrifft.

Das heißt, alle Spielorte werden weiterbespielt, wie bisher?

Ja, da wird es da keine großen Unterschiede geben. Es wird weiterhin Vineta geben, es wird unsere Freilichtbühnen geben und was den Spielplan betrifft, daran war ich ja in der letzten Zeit schon maßgeblich beteiligt, also wäre es jetzt komisch, wenn ich nun alles anders machen würde.

Sind die Hafenfestspiele Usedom definitiv Geschichte?

Ja, ich glaube nicht, dass das noch mal etwas wird, weil die Stadt Usedom sagt, sie könne sich das nicht leisten. Wir brauchen aber finanzielle Unterstützung von den Kommunen, wo wir spielen. Wir machen gerade einen Kooperationsvertrag mit dem Land, mit dem Kreis und mit allen Kommunen, die uns langjährig fördern. Es ist wirklich schön, wenn alle mal an einen Tisch kommen und sagen, uns ist die Vorpommersche Landesbühne wichtig und wir möchten das erhalten.

Stichwort Finanzierung: Was sind die Knackpunkte?

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Das Land Mecklenburg-Vorpommern stellt für die Theater des Landes rund 36 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung. Wir bekommen davon 1,55 Millionen, das sind 4,3 Prozent. Eine Aufstockung der Mittel seitens des Landes auf acht oder neun Prozent wären angemessen. Auch fast alle Kommunen haben ihre Gelder erhöht. Das bewegst sich im Bereich von 25 000 Euro bis 160 000 Euro, je nachdem, ob es eine ganzjährige Bespielung ist oder eine Sommerbespielung. Der Kreis Vorpommern Greifswald gibt Geld dazu, wir kämpfen darum, dass sich auch der Kreis Vorpommern-Rügen künftig finanziell zu uns bekennt. Die Landesmittel wurden vor zwei Jahren um 300 000 Euro erhöht, was eine Menge ist. Aber das war die einzige Erhöhung seit 1993. Wir sind finanziell an unsere Grenzen geraten, besonders, was die Löhne betrifft. Hier verdient sich keiner eine goldene Nase. Es geht uns darum, Kultur in der Fläche zu machen, in teilweise schwierigen Regionen. Man darf nicht vergessen, wir haben 80 000 Zuschauer pro Jahr, betreuen Amateurensembles an unserem Haus und sind, das wird uns immer wieder bestätigt, wichtig für die Lebensqualität und die Demokratie in der Region. Wenn man diesen Bildungsauftrag weiterhin erfüllen möchte, muss sich das Land bekennen. Dazu haben erste Gespräche begonnen. Ich hoffe, dass sie zeitnah ein gutes Ende finden.

Sie haben gesagt, eine Aufstockung der Mittel seitens des Landes auf acht oder neun Prozent wären angemessen.

Allein um faire Gehälter zu zahlen, müssten die Landesmittel um 800 000 Euro aufgestockt werden. Das haben wir auch Birgit Hesse in einem Termin hier geschildert. Und wir haben mit unseren Kooperationspartnern einen Brief verfasst, der an Frau Schwesig geschickt wird, weil wir leider beim Theaterpakt als einziges Ensembletheater nicht involviert waren. Das stimmt uns natürlich traurig und wir fragen uns, was sich das Land für uns gedacht hat und bitten um Gespräche.

Stichwort Theaterpakt: Wäre eine Fusion eine denkbare Alternative?

Wir sind nicht tarifgebunden. Wenn man uns anschließt, wird es nur teurer. Das haben auch die vergangenen Kultusminister gemerkt, die mit Fusionsplänen kamen. Die Leute verdienen hier rund 40 Prozent weniger.

Sie sind 2004 ans Haus gekommen, haben die Ausbildung an der Theaterakademie in Zinnowitz gemacht und sind seit 2009 Leiter der Barther Bodden Bühne. Sie sind Regisseur, stehen als Schauspieler auf der Bühne und werden nun auch noch Intendant.

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Ja, gerade suche ich die 25 bis 30 Stunde des Tages (lacht). Ich habe die Aufgaben in Barth weitgehend verteilt und fahre zwei Tage die Woche rüber, um alles mit den Kollegen abzusprechen. Dann stecke in den Proben für das aktuelle Kabarett-Stück des FKK, die neue Spielzeit möchte gestaltet werden. Dann wartet das Sommerstück in Barth „Die Wikinger kommen“ darauf, dass es geschrieben wird. Man macht nachts um zwei oder drei das Licht aus und dann klingelt schon wieder der Wecker.

Haben Sie denn künftig überhaupt noch Zeit auf der Bühne zu stehen?

Ich glaube, das wird jetzt erst mal für die nächste Zeit das letzte Stück sein, in dem ich mitspiele. Es sei denn, es fällt jemand aus …

Und gibt es auch eine Familie, die Zeit braucht?

Nein, meine Familie ist hier im Theater.

Barth ist nicht so hipp wie Berlin oder andere Städte. Was hat Sie dazu bewogen, sich in dieser Region fürs Theater zu engagieren?

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Das fing schon bei meinem Vorsprechen an. Ich hatte vorher angefangen, Landschaftsarchitektur zu studieren, habe aber schnell gemerkt, dass mich das nicht interessiert. Ich komme witzigerweise aus einer Familie, wo die Eltern mich nicht enterbt haben, sondern meine Mutter gesagt hat, Junge, geh doch ans Theater. Beim Vorsprechen fand ich es gleich alles sehr herzlich hier. Dann wurde ich genommen und fand die Ausbildungszeit toll. Ich habe die Leute am Haus lieben gelernt. Ich war so dankbar für die Zeit und als mich Dr. Bordel fragte, ob ich Leiter der Barther Bodden Bühne werden will, dachte ich, dass ich so auch etwas zurückgeben kann. Ein Theater leiten, das wollt ich schon immer. Ich war 25 und dachte, dann fängst du halt hier an. Ich weiß noch nicht, ob ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe, oder meinen Beruf zum Hobby.

Gibt es Visionen für die nächsten Jahre?

Die erste große Vision ist natürlich, dass unsere Mitarbeiter vernünftige Löhne bekommen. An das Schützenhaus hier in Anklam von 1738 müsste auch dringend mal Hand angelegt werden. Das habe ich mir von Architekten schon alles zeichnen lassen. Dafür bräuchten wir auch gute acht Millionen Euro. Barth muss auch saniert werden. Und da ist ein weiterer großer Traum –wir haben in Anklam auf dem Hof eine alte Scheune, die würde ich gerne zu einem Veranstaltungsraum umbauen, wo man mal ein Jazzkonzert oder kleinere Programme machen kann. Ich würde gerne wieder kleine Talkrunden mit Leuten aus der Stadt haben, egal, ob Politiker, Künstler oder Regisseure. Vineta soll Schritt für Schritt weiter ausgebaut werden. Nicht, was die Zuschauerzahl aber was die Effekte betrifft. Da könnte man die Bühne so umgestalten, dass sie einen neueren Anstrich bekommt. Wir werden dieses Jahr auch anfangen, das Chapeau Rouge umzugestalten, und sind mit Heringsdorf im Gespräch über einen ganzjährigen Spielbetrieb. Dann werden wir natürlich die Theaterakademie Vorpommern weiter begleiten. Angesichts des Lehrermangels in Deutschland und der Tatsache, dass das darstellende Spiel in den Stundenplan zurückgefunden hat, könnten Schauspieler an der Theaterakademie auf dem zweiten Bildungsweg den Pädagogen-Schein machen, um als Quereinsteiger an Schulen zu gehen. Das ist ein Gedanke, den ich sehr spannend finde. Und wir sind mit mehr als 50 Azubis im Jahr ein Ausbildungstheater. Das würde ich mir auch gerne weiter auf die Fahnen schreiben.

Wolfgang Bordel übergibt am 1. Mai den Staffelstab an seinen Nachfolger Martin Schneider. Damit verabschiedet er sich nach 36 Jahren als Intendant von der Vorpommerschen Landesbühne Anklam. Bordel gilt in der Intendantenszene als fast mythische Figur. Tatsächlich geht es auch um Rekorde: Kam der berühmte Theatermann Claus Peymann nach seinem Abschied vom Berliner Ensemble 2017 auf 38 Jahre als Theaterchef (Bochum, Wien, Berlin), hält Bordel in Zeiten raschen Wandels mit seinen 36 Jahren Intendanz am gleichen Haus in Deutschland und wahrscheinlich Europa einen ungewöhnlichen Rekord. 1992 schaffte er mit seinem Ensemble in Anklam die erste Theaterprivatisierung des Landes und expandierte; das kleine Theaterimperium aus Kulturfabrik e.V., Theater GmbH und Theaterakademie hat um die hundert Mitarbeiter und bespielt Bühnen in Anklam, Heringsdorf, Zinnowitz, Barth und Wolgast.

Stefanie Büssing

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