Verkehr

Fledermäuse im Tiefflug: Abends nur noch Tempo 50 für Autos auf der B 96 auf Rügen

Auf der B 96 gilt künftig ein nächtliches Tempolimit – den Fledermäusen zu liebe.

Auf der B 96 gilt künftig ein nächtliches Tempolimit – den Fledermäusen zu liebe.

Bergen. Autofahrer müssen sich von der kommenden Woche an auf Verkehrseinschränkungen auf der B 96 einstellen. Vom 1. Mai an gilt in einem Abschnitt bei Teschenhagen sowohl auf der Bundesstraße als auch der parallel verlaufenden L 296 ein Tempolimit von 50 Stundenkilometern. Der Grund für die Temporeduzierung sind aber nicht neue Baustellen, sondern Fledermäuse. Die unter Naturschutz stehenden Tiere sind nämlich im Kubbelkower Wald bei Teschenhagen unterwegs.

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„In den Abend- und Nachtstunden queren die Fledermäuse regelmäßig die Fahrbahn“, informiert das Landesamt für Straßenbau in Stralsund. „Dabei kann es zu Kollisionen mit schnell fahrenden Kraftfahrzeugen kommen, die für die Säugetiere tödlich enden können. Aus Gründen des Artenschutzes müssen solche Situation unterbunden werden.“

Deswegen werden jetzt drastische Maßnahmen ergriffen. Zum 1. Mai 2022 wird die Höchstgeschwindigkeit für einen befristeten Zeitraum reduziert. „Statt der aktuellen 100 km/h sind dann bis zum 31. August in der Zeit von 20 bis 6 Uhr nur noch 50 km/h erlaubt“, so das Landesamt. So seien die Tiere in der Lage, dem Fahrzeugverkehr auszuweichen.

Weg dauert 80 Sekunden länger für die Autofahrer

„Das für den Artenschutz relevante Gebiet ist knapp 1,6 Kilometer lang. Damit der Verkehr jedoch nicht schlagartig abgebremst wird, wird die Geschwindigkeit langsam herunterreduziert. Das heißt von 100 km/h auf 70 km/h und schließlich auf 50 km/h. „Dadurch erhöht sich die Länge des Teilabschnittes mit einer Geschwindigkeitsreduzierung auf rund 2,2 Kilometer“, so die Information. „Berechnungen der Straßenbau- und Verkehrsverwaltung haben ergeben, dass sich die Fahrtzeit zugunsten des Artschutzes damit um durchschnittlich 80 Sekunden verlängert.“

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Die Rauhautfledermaus, Pipistrellus nathusii, ist sehr klein und eine typische Waldfledermaus mit einem Gewicht von zwischen sechs und gut 15 Gramm. Sie unterscheidet sich von der Mücken- und der Zwergfledermaus unter anderem durch etwas längere Finger

Die Rauhautfledermaus, Pipistrellus nathusii, ist sehr klein und eine typische Waldfledermaus mit einem Gewicht von zwischen sechs und gut 15 Gramm. Sie unterscheidet sich von der Mücken- und der Zwergfledermaus unter anderem durch etwas längere Finger

Änderungen im Planfeststellungsbeschluss

Die Geschwindigkeitsreduzierung hängt noch mit den begleitenden Maßnahmen zum Neubau der B 96 zusammen. Die Deges als Vorhabenträger beauftragte ein Monitoring. Aufgrund der daraus resultierenden Ergebnisse hat die Deges ein Planänderungsverfahren beantragt, das eine Geschwindigkeitsreduzierung in dem Bereich vorsieht. Da dieses Planänderungsverfahren noch nicht abgeschlossen wurde, die sogenannte „Wochenstube“ der Fledermäuse jedoch Anfang Mai beginnt, wird die Geschwindigkeitsreduzierung nun vorgezogen angeordnet, um zwingenden Artschutzvorschriften gerecht zu werden.

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Das Monitoring wurde für vor, während und nach dem Bau der B 96 angesetzt. Daher konnte erst nach Verkehrsfreigabe 2019 festgestellt werden, dass es zu einem erhöhten Kollisionsrisiko kommt. „Im Jahr 2020 und 2021 waren pandemiebedingt die Verkehrszahlen auf der B 96 im fraglichen Zeitraum von Mai bis August, insbesondere nachts durch die Absage der Störtebeker Festspiele, niedriger ausgefallen. Daher bedurfte es noch keiner Maßnahme“, teilt das Landesamt für Straßenbau und Verkehr mit. Dies wurde in einem Bescheid durch die Planfeststellungsbehörde entschieden.

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Besonderen Risiken ausgesetzt

Die akustischen Erfassungen im Kubbelkower Wald bestätigten für mehrere Standorte in diesem Bereich weiterhin ein Querungsgeschehen über die Trasse der B 96, welches für die lokalen Populationen von essenzieller Bedeutung ist. „Die lokalen Populationen der entsprechenden Arten sind besonderen Risiken ausgesetzt, weil ihre maßgeblichen Habitate nahe der Trasse beziehungsweise beiderseits der Trasse liegen und Trassenquerungen im kollisionsgefährdeten Bereich, also bis zu vier Meter Höhe, regelmäßig stattfinden“, so ein Sprecher des Landesamtes.

In den Wäldern bei Teschenhagen leben nach Auskunft der Unteren Naturschutzbehörde vor allem die typischen waldbewohnenden Arten wie Zwerg- und Mückenfledermaus, Fransenfledermaus und Rauhautfledermaus. „Auf Rügen gibt es etwa elf bis zwölf Arten“, erklärt Dr. Ralf Grunewald. „Am häufigsten sind die Zwerg- und Mückenfledermäuse, seltener ist zum Beispiel das Große Mausohr. Das wird regelmäßig in Binz nachgewiesen, auch in Putbus gab es Meldungen.“

B96 auf Rügen

Der 20 Kilometer lange Inselabschnitt der B 96 führt von der Rügenbrücke bis nach Bergen. Begonnen wurde mit den Bauarbeiten im Sommer 2016, der zweite und letzte Abschnitt bis nach Bergen wurde 2019 freigegeben. Die Kosten für die neue Bundesstraße betrugen insgesamt 159 Millionen Euro.

Der Bau der Trasse war auf der Insel Rügen heftig umstritten. Kritisiert wurde vor allem der massive Eingriff in die Natur. Allein zwischen Zirkow Hof und Teschenhagen wurden 2500 Bäume gefällt. Befürworter setzen hingegen auf eine bessere Erreichbarkeit der Urlaubsgebiete und Gewerbezentren auf der Insel. Prognosen der Deges (Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH) gehen für das Jahr 2025 von rund 23 000 bis 25 000 Kraftfahrzeugen pro Tag zwischen Altefähr und Bergen aus.

Fledermäuse fliegen tiefer durch die breite Trasse

Der Nabu Rügen hatte sich bereits 2010 im Plangenehmigungsverfahren für einen besseren Schutz der Fledermäuse an der B 96-Trasse eingesetzt. „Erst jetzt fanden die Argumente Eingang in die Änderung“, erzählt Nabu-Geschäftsführerin Marlies Preller. Das Problem für die Tiere sei vor allem in der Breite der Trasse zu sehen, erklärt sie. Die habe sich auch wegen des massiven Holzeinschlags rechts und links neben der Straße extrem vergrößert. „Über die vorher recht schmale Trasse sind die Tiere auf Baumwipfelhöhe geflogen, von der einen Seite des Waldes auf die andere. Wird die Distanz größer, sinkt die Flughöhe ab. Damit sind die Tiere stark unfallgefährdet.“

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Auch die Regenrückhaltebecken würden von den Fledermäusen zum Trinken und zum Insektenfang über der Oberfläche genutzt. Kurzum: Die Fledermäuse fliegen tief! „Es ist immer schwer, den Menschen ein Tempolimit nahezubringen“, so Marlies Preller. „Aber die Fledermäuse wohnen dort im Wald seit Ewigkeiten. Und sie sind nicht umsonst geschützt. Wenn wir nicht aufpassen, verlieren wir sie.“

Von Anne Ziebarth

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